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Dunkler Wanderer
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07.02.2012, 22:00
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Die Leiden des jungen Werther von Johann Wolfgang von Goethe
Die Leiden des jungen Werther von Johann Wolfgang von Goethe
Hamburger Ausgabe, Band 6 Zweites Buch
Am 20. Oktober 1771
Gestern sind wir hier angelangt. Der Gesandte ist unpaß und wird sich
also einige Tage einhalten. Wenn er nur nicht so unhold wäre, wär'
alles gut. Ich merke, ich merke, das Schicksal hat mir harte Prüfungen
zugedacht. Doch guten Muts! Ein leichter Sinn trägt alles! Ein leichter
Sinn? Das macht mich zu lachen, wie das Wort in meine Feder kommt. O ein bißchen
leichteres Blut würde mich zum Glücklichsten unter der Sonne machen.
Was! Da, wo andere mit ihrem bißchen Kraft und Talent vor mir in behaglicher
Selbstgefälligkeit herumschwadronieren, verzweifle ich an meiner Kraft,
an meinen Gaben? Guter Gott, der du mir das alles schenktest, warum hieltest
du nicht die Hälfte zurück und gabst mir Selbstvertrauen und Genügsamkeit?
Geduld! Geduld! Es wird besser werden. Denn ich sage dir, Lieber, du hast recht.
Seit ich unter dem Volke alle Tage herumgetrieben werde und sehe, was sie tun
und wie sie's treiben, stehe ich viel besser mit mir selbst. Gewiß, weil
wir doch einmal so gemacht sind, daß wir alles mit uns und uns mit allem
vergleichen, so liegt Glück oder Elend in den Gegenständen, womit
wir uns zusammenhalten, und da ist nichts gefährlicher als die Einsamkeit.
Unsere Einbildungskraft, durch ihre Natur gedrungen sich zu erheben, durch die
phantastischen Bilder der Dichtkunst genährt, bildet sich eine Reihe Wesen
hinauf, wo wir das unterste sind und alles außer uns herrlicher erscheint,
jeder andere vollkommner ist. Und das geht ganz natürlich zu. Wir fühlen
so oft, daß uns manches mangelt, und eben was uns fehlt, scheint uns oft
ein anderer zu besitzen, dem wir denn auch alles dazu geben, was wir haben,
und noch eine gewisse idealistische Behaglichkeit dazu. Und so ist der Glückliche
vollkommen fertig, das Geschöpf unserer selbst.
Dagegen, wenn wir mit all unserer Schwachheit und Mühseligkeit nur gerade
fortarbeiten, so finden wir gar oft, daß wir mit unserem Schlendern und
Lavieren es weiter bringen als andere mit ihrem Segeln und Rudern--und--das
ist doch ein wahres Gefühl seiner selbst, wenn man andern gleich oder gar
vorläuft.
Am 26. November 1771
Ich fange an, mich insofern ganz leidlich hier zu befinden. Das beste ist,
daß es zu tun genug gibt; und dann die vielerlei Menschen, die allerlei
neuen Gestalten machen mir ein buntes Schauspiel vor meiner Seele. Ich habe
den Grafen C... kennen lernen, einen Mann, den ich jeden Tag mehr verehren muß,
einen weiten, großen Kopf, und der deswegen nicht kalt ist, weil er viel
übersieht; aus dessen Umgange so viel Empfindung für Freundschaft
und Liebe hervorleuchtet. Er nahm teil an mir, als ich einen Geschäftsauftrag
an ihn ausrichtete und er bei den ersten Worten merkte, daß wir uns verstanden,
daß er mit mir reden konnte wie nicht mit jedem. Auch kann ich sein offnes
Betragen gegen mich nicht genug rühmen. So eine wahre, warme Freude ist
nicht in der Welt, als eine große Seele zu sehen, die sich gegen einen
öffnet.
Am 24. Dezember 1771
Der Gesandte macht mir viel Verdruß, ich habe es vorausgesehn. Er ist
der pünktlichste Narr, den es nur geben kann; Schritt vor Schritt und umständlich
wie eine Base; ein Mensch, der nie mit sich selbst zufrieden ist, und dem es
daher niemand zu Danke machen kann. Ich arbeite gern leicht weg, und wie es
steht, so steht es; da ist er imstande, mir einen Aufsatz zurückzugeben
und zu sagen:"er ist gut, aber sehen Sie ihn durch, man findet immer ein
besseres Wort, eine reinere Partikel."--Da möchte ich des Teufels
werden. Kein Und, kein Bindewörtchen darf außenbleiben, und von allen
Inversionen, die mir manchmal entfahren, ist er ein Todfeind; wenn man seinen
Period nicht nach der hergebrachten Melodie heraborgelt, so versteht er gar
nichts drin. Das ist ein Leiden, mit so einem Menschen zu tun zu haben.
Das Vertrauen des Grafen von C... ist noch das einzige, was mich schadlos hält.
Er sagte mir letzthin ganz aufrichtig, wie unzufrieden er mit der Langsamkeit
und Bedenklichkeit meines Gesandten sei. Die Leute erschweren es sich und andern.
"Doch," sagte er, "man muß sich darein resignieren wie
ein Reisender, der über einen Berg muß; freilich, wäre der Berg
nicht da, so wär der Weg viel bequemer und kürzer; er ist nun aber
da, und man soll hinüber!"
Mein Alter spürt auch wohl den Vorzug, den mir der Graf vor ihm gibt,
und das ärgert ihn, und er ergreift jede Gelegenheit, Übels gegen
mich vom Grafen zu reden, ich halte, wie natürlich, Widerpart, und dadurch
wird die Sache nur schlimmer. Gestern gar brachte er mich auf, denn ich war
mit gemeint: zu so Weltgeschäften sei der Graf ganz gut, er habe viele
Leichtigkeit zu arbeiten und führe eine gute Feder, doch an gründlicher
Gelehrsamkeit mangle es ihm wie allen Belletristen. Dazu machte er eine Miene,
als ob er sagen wollte: "fühlst du den Stich?" Aber es tat bei
mir nicht die Wirkung; ich verachtete den Menschen, der so denken und sich so
betragen konnte. Ich hielt ihm stand und focht mit ziemlicher Heftigkeit. Ich
sagte, der Graf sei ein Mann, vor dem man Achtung haben müsse, wegen seines
Charakters sowohl als wegen seiner Kenntnisse." "Ich habe," sagt'
ich, "niemand gekannt, dem es so geglückt wäre, seinen Geist
zu erweitern, ihn über unzählige Gegenstände zu verbreiten und
doch diese Tätigkeit fürs gemeine Leben zu behalten."--das waren
dem Gehirne spanische Dörfer, und ich empfahl mich, um nicht über
ein weiteres Deraisonnement noch mehr Galle zu schlucken.
Und daran seid ihr alle schuld, die ihr mich in das Joch geschwatzt und mir
so viel von Aktivität vorgesungen habt. Aktivität! Wenn nicht der
mehr tut, der Kartoffeln legt und in die Stadt reitet, sein Korn zu verkaufen,
als ich, so will ich zehn Jahre noch mich auf der Galeere abarbeiten, auf der
ich nun angeschmiedet bin.
Und das glänzende Elend, die Langeweile unter dem garstigen Volke, das
sich hier neben einander sieht! Die Rangsucht unter ihnen, wie sie nur wachen
und aufpassen, einander ein Schrittchen abzugewinnen; die elendesten, erbärmlichsten
Leidenschaften, ganz ohne Röckchen. Da ist ein Weib, zum Exempel, die jedermann
von ihrem Adel und ihrem Lande unterhält, so daß jeder Fremde denken
muß: das ist eine Närrin, die sich auf das bißchen Adel und
auf den Ruf ihres Landes Wunderstreiche einbildet.--Aber es ist noch viel Ärger:
eben das Weib ist hier aus der Nachbarschaft eine Amtschreiberstochter.--Sieh,
ich kann das Menschengeschlecht nicht begreifen, das so wenig Sinn hat, um sich
so platt zu prostituieren.
Zwar ich merke täglich mehr, mein Lieber, wie töricht man ist, andere
nach sich zu berechnen. Und weil ich so viel mit mir selbst zu tun habe und
dieses Herz so stürmisch ist--ach ich lasse gern die andern ihres Pfades
gehen, wenn sie mich auch nur könnten gehen lassen.
Was mich am meisten neckt, sind die fatalen bürgerlichen Verhältnisse.
Zwar weiß ich so gut als einer, wie nötig der Unterschied der Stände
ist, wie viel Vorteile er mir selbst verschafft: nur soll er mir nicht eben
gerade im Wege stehen, wo ich noch ein wenig Freude, einen Schimmer von Glück
auf dieser Erde genießen könnte. Ich lernte neulich auf dem Spaziergange
ein Fräulein von B. kennen, ein liebenswürdiges Geschöpf, das
sehr viele Natur mitten in dem steifen Leben erhalten hat. Wir gefielen uns
in unserem Gespräche, und da wir schieden, bat ich sie um Erlaubnis, sie
bei sich sehen zu dürfen. Sie gestattete mir das mit so vieler Freimütigkeit,
daß ich den schicklichen Augenblick kaum erwarten konnte, zu ihr zu gehen.
Sie ist nicht von hier und wohnt bei einer Tante im Hause. Die Physiognomie
der Alten gefiel mir nicht. Ich bezeigte ihr viel Aufmerksamkeit, mein Gespräch
war meist an sie gewandt, und in minder als einer halben Stunde hatte ich so
ziemlich weg, was mir das Fräulein nachher selbst gestand: daß die
liebe Tante in ihrem Alter Mangel von allem, kein anständiges Vermögen,
keinen Geist und keine Stütze hat als die Reihe ihrer Vorfahren, keinen
Schirm als den Stand, in den sie sich verpalisadiert, und kein Ergetzen, als
von ihrem Stockwerk herab über die bürgerlichen Häupter wegzusehen.
In ihrer Jugend soll sie schön gewesen sein und ihr Leben weggegaukelt,
erst mit ihrem Eigensinne manchen armen Jungen gequält, und in den reifern
Jahren sich unter den Gehorsam eines alten Offiziers geduckt haben, der gegen
diesen Preis und einen leidlichen Unterhalt das eherne Jahrhundert mit ihr zubrachte
und starb. Nun sieht sie im eisernen sich allein und würde nicht angesehn,
wär' ihre Nichte nicht so liebenswürdig.
Den 8. Januar 1772
Was das für Menschen sind, deren ganze Seele auf dem Zeremoniell ruht,
deren Dichten und Trachten jahrelang dahin geht, wie sie um einen Stuhl weiter
hinauf bei Tische Angelegenheit hätten: nein, vielmehr häufen sich
die Arbeiten, eben weil man über den kleinen Verdrießlichkeiten von
Beförderung der wichtigen Sachen abgehalten wird. Vorige Woche gab es bei
der Schlittenfahrt Händel, und der ganze Spaß wurde verdorben.
Die Toren, die nicht sehen, daß es eigentlich auf den Platz gar nicht
ankommt, und daß der, der den ersten hat, so selten die erste Rolle spielt!
Wie mancher König wird durch seinen Minister, wie mancher Minister durch
seinen Sekretär regiert! Und wer ist dann der Erste? Der, dünkt mich,
der die andern übersieht und so viel Gewalt oder List hat, ihre Kräfte
und Leidenschaften zu Ausführung seiner Plane anzuspannen.
Am 20. Januar 1772
Ich muß Ihnen schreiben, liebe Lotte, hier in der Stube einer geringen
Bauernherberge, in die ich mich vor einem schweren Wetter geflüchtet habe.
Solange ich in dem traurigen Nest D..., unter dem fremden, meinem Herzen ganz
fremden Volke herumziehe, habe ich keinen Augenblick gehabt, keinen, an dem
mein Herz mich geheißen hätte, Ihnen zu schreiben; und jetzt in dieser
Hütte, in dieser Einsamkeit, in dieser Einschränkung, da Schnee und
Schloßen wider mein Fensterchen wüten, hier waren Sie mein erster
Gedanke. Wie ich hereintrat, überfiel mich Ihre Gestalt, Ihr Andenken,
o Lotte! So heilig, so warm! Guter Gott! Der erste glückliche Augenblick
wieder.
Wenn Sie mich sähen, meine Beste, in dem Schwall von Zerstreuung! Wie
ausgetrocknet meine Sinne werden! Nicht einen Augenblick der Fülle des
Herzens, nicht eine selige Stunde! Nichts! Nichts! Ich stehe wie vor einem Raritätenkasten
und sehe die Männchen und Gäulchen vor mir herumrücken, und frage
mich oft, ob es nicht optischer Betrug ist. Ich spiele mit, vielmehr, ich werde
gespielt wie eine Marionette und fasse manchmal meinen Nachbar an der hölzernen
Hand und schaudere zurück. Des Abends nehme ich mir vor, den Sonnenaufgang
zu genießen, und komme nicht aus dem Bette; am Tage hoffe ich, mich des
Mondscheins zu erfreuen, und bleibe in meiner Stube. Ich weiß nicht recht,
warum ich aufstehe, warum ich schlafen gehe.
Der Sauerteig, der mein Leben in Bewegung setzte, fehlt; der Reiz, der mich
in tiefen Nächten munter erhielt, ist hin, der mich des Morgens aus dem
Schlafe weckte, ist weg.
Ein einzig weibliches Geschöpf habe ich hier gefunden, eine Fräulein
von B..., sie gleicht Ihnen, liebe Lotte, wenn man Ihnen gleichen kann."
"Ei!" werden Sie sagen, "der Mensch legt sich auf niedliche Komplimente!"
ganz unwahr ist es nicht. Seit einiger Zeit bin ich sehr artig, weil ich doch
nicht anders sein kann, habe viel Witz, und die Frauenzimmer sagen, es wüßte
niemand so fein zu loben als ich (und zu lügen, setzen Sie hinzu, denn
ohne das geht es nicht ab, verstehen Sie?). Ich wollte von Fräulein B...
reden. Sie hat viel Seele, die voll aus ihren blauen Augen hervorblickt. Ihr
Stand ist ihr zur Last, der keinen der Wünsche ihres Herzens befriedigt.
Sie sehnt sich aus dem Getümmel, und wir verphantasieren manche Stunde
in ländlichen Szenen von ungemischter Glückseligkeit; ach! und von
Ihnen! Wie oft muß sie Ihnen huldigen, muß nicht, tut es freiwillig,
hört so gern von Ihnen, liebt Sie.--O säß' ich zu Ihren Füßen
in dem lieben, vertraulichen Zimmerchen, und unsere kleinen Lieben wälzten
sich mit einander um mich herum, und wenn sie Ihnen zu laut würden, wollte
ich sie mit einem schauerlichen Märchen um mich zur Ruhe versammeln.
Die Sonne geht herrlich unter über der schneeglänzenden Gegend, der
Sturm ist hinüber gezogen, und ich--muß mich wieder in meinen Käfig
sperren.--Adieu! Ist Albert bei Ihnen? Und wie--? Gott verzeihe mir diese Frage!
Den 8. Februar 1772
Wir haben seit acht Tagen das abscheulichste Wetter, und mir ist es wohltätig.
Denn so lang ich hier bin, ist mir noch kein schöner Tag am Himmel erschienen,
den mir nicht jemand verdorben oder verleidet hätte. Wenn's nun recht regnet
und stöbert und fröstelt und taut: ha! Denk' ich, kann's doch zu Hause
nicht schlimmer werden, als es draußen ist, oder umgekehrt, und so ist's
gut. Geht die Sonne des Morgens auf und verspricht einen feinen Tag, erwehr'
ich mir niemals auszurufen: da haben sie doch wieder ein himmlisches Gut, worum
sie einander bringen können! Es ist nichts, worum sie einander nicht bringen.
Gesundheit, guter Name, Freudigkeit, Erholung! Und meist aus Albernheit, Unbegriff
und Enge und, wenn man sie anhört, mit der besten Meinung. Manchmal möcht'
ich sie auf den Knieen bitten, nicht so rasend in ihre eigenen Eingeweide zu
wüten.
Am 17. Februar 1772
Ich fürchte, mein Gesandter und ich halten es zusammen nicht mehr lange
aus. Der Mann ist ganz und gar unerträglich. Seine Art zu arbeiten und
Geschäfte zu treiben ist so lächerlich, daß ich mich nicht enthalten
kann, ihm zu widersprechen und oft eine Sache nach meinem Kopf und meiner Art
zu machen, das ihm denn, wie natürlich, niemals recht ist. Darüber
hat er mich neulich bei Hofe verklagt, und der Minister gab mir einen zwar sanften
Verweis, aber es war doch ein Verweis, und ich stand im Begriffe, meinen Abschied
zu begehren, als ich einen Privatbrief von ihm erhielt, einen Brief, vor dem
ich niedergekniet, und den hohen, edlen, weisen Sinn angebetet habe. Wie er
meine allzu große Empfindlichkeit zurechtweiset, wie er meine überspannten
Ideen von Wirksamkeit, von Einfluß auf andere, von Durchdringen in Geschäften
als jugendlichen guten Mut zwar ehrt, sie nicht auszurotten, nur zu mildern
und dahin zu leiten sucht, wo sie ihr wahres Spiel haben, ihre kräftige
Wirkung tun können. Auch bin ich auf acht Tage gestärkt und in mir
selbst einig geworden. Die Ruhe der Seele ist ein herrliches Ding und die Freude
an sich selbst. Lieber Freund, wenn nur das Kleinod nicht eben so zerbrechlich
wäre, als es schön und kostbar ist.
Am 20. Februar 1772
Gott segne euch, meine Lieben, geb' euch alle die guten Tage, die er mir abzieht!
Ich danke dir, Albert, daß du mich betrogen hast: ich wartete auf Nachricht,
wann euer Hochzeitstag sein würde, und hatte mir vorgenommen, feierlichst
an demselben Lottens Schattenriß von der Wand zu nehmen und ihn unter
andere Papiere zu begraben. Nun seid ihr ein Paar, und ihr Bild ist noch hier!
Nun, so soll es bleiben! Und warum nicht? Ich weiß, ich bin ja auch bei
euch, bin dir unbeschadet in Lottens Herzen, habe, ja ich habe den zweiten Platz
darin und will und muß ihn behalten. O ich würde rasend werden, wenn
sie vergessen könnte--Albert, in dem Gedanken liegt eine Hölle. Albert,
leb' wohl! Leb' wohl, Engel des Himmels! Leb' wohl, Lotte!
Den 15. März 1772
Ich habe einen Verdruß gehabt, der mich von hier wegtreiben wird. Ich
knirsche mit den Zähnen! Teufel! Er ist nicht zu ersetzen, und ihr seid
doch allein schuld daran, die ihr mich sporntet und treibt und quältet,
mich in einen Posten zu begeben, der nicht nach meinem Sinne war. Nun habe ich's!
Nun habt ihr's! Und daß du nicht wieder sagst, meine überspannten
Ideen verdürben alles, so hast du hier, lieber Herr, eine Erzählung,
plan und nett, wie ein Chronikenschreiber das aufzeichnen würde.
Der Graf von C... liebt mich, distinguiert mich, das ist bekannt, das habe
ich dir schon hundertmal gesagt. Nun war ich gestern bei ihm zu Tafel, eben
an dem Tage, da abends die noble Gesellschaft von Herren und Frauen bei ihm
zusammenkommt, an die ich nie gedacht habe, auch mir nie aufgefallen ist, daß
wir Subalternen nicht hineingehören. Gut. Ich speise bei dem Grafen, und
nach Tische gehn wir in dem großen Saal auf und ab, ich rede mit ihm,
mit dem Obristen B..., der dazu kommt, und so rückt die Stunde der Gesellschaft
heran. Ich denke, Gott weiß, an nichts. Da tritt herein die übergnädige
Dame von S... mit ihrem Herrn Gemahl und wohl ausgebrüteten Gänslein
Tochter mit der flachen Brust und niedlichem Schnürleibe, machen en passant
ihre hergebrachten, hochadeligen Augen und Naslöcher, und wie mir die Nation
von Herzen zuwider ist, wollte ich mich eben empfehlen und wartete nur, bis
der Graf vom garstigen Gewäsche frei wäre, als meine Fräulein
B. hereintrat. Da mir das Herz immer ein bißchen aufgeht, wenn ich sie
sehe, blieb ich eben, stellte mich hinter ihren Stuhl und bemerkte erst nach
einiger Zeit, daß sie mit weniger Offenheit als sonst, mit einiger Verlegenheit
mit mir redete. Das fiel mir auf. Ist sie auch wie all das Volk, dacht' ich,
und war angestochen und wollte gehen, und doch blieb ich, weil ich sie gerne
entschuldigt hätte und es nicht glaubte und noch ein gut Wort von ihr hoffte
und--was du willst. Unterdessen füllte sich die Gesellschaft. Der Baron
F. mit der ganzen Garderobe von den Krönungszeiten Franz des Ersten her,
der Hofrat R..., hier aber in qualitate Herr von R... genannt, mit seiner tauben
Frau etc., den Übel fournierten J... nicht zu vergessen, der die Lücken
seiner altfränkischen Garderobe mit neumodischen Lappen ausflickt, das
kommt zu Hauf, und ich rede mit einigen meiner Bekanntschaft, die alle sehr
lakonisch sind. Ich dachte--und gab nur auf meine B... acht. Ich merkte nicht,
daß die Weiber am Ende des Saales sich in die Ohren flüsterten, daß
es auf die Männer zirkulierte, daß Frau von S. mit dem Grafen redete
(das alles hat mir Fräulein B. nachher erzählt), bis endlich der Graf
auf mich losging und mich in ein Fenster nahm.--"Sie wissen", sagt'
er, "unsere wunderbaren Verhältnisse; die Gesellschaft ist unzufrieden,
merkte ich, Sie hier zu sehn. Ich wollte nicht um alles"--"Ihro Exzellenz,"
fiel ich ein, "ich bitte tausendmal um Verzeihung; ich hätte eher
dran denken sollen, und ich weiß, Sie vergeben mir diese Inkonsequenz;
ich wollte schon vorhin mich empfehlen. Ein böser Genius hat mich zurückgehalten."
Setzte ich lächelnd hinzu, indem ich mich neigte. --Der Graf drückte
meine Hände mit einer Empfindung, die alles sagte. Ich strich mich sacht
aus der vornehmen Gesellschaft, ging, setzte mich in ein Kabriolett und fuhr
nach M., dort vom Hügel die Sonne untergehen zu sehen und dabei in meinem
Homer den herrlichen Gesang zu lesen, wie Ulyß von dem trefflichen Schweinehirten
bewirtet wird. Das war alles gut.
Des Abends komm' ich zurück zu Tische, es waren noch wenige in der Gaststube;
die würfelten auf einer Ecke, hatten das Tischtuch zurückgeschlagen.
Da kommt der ehrliche Adelin hinein, legt seinen Hut nieder, indem er mich ansieht,
tritt zu mir und sagt leise:"du hast Verdruß gehabt?"--"Ich?"
sagt' ich.--"Der Graf hat dich aus der Gesellschaft gewiesen."--"Hol'
sie der Teufel!" sagt' ich, "mir war's lieb, daß ich in die
freie Luft kam."--"Gut," sagt' er, "daß du's auf die
leichte Achsel nimmst. Nur verdrießt mich's, es ist schon überall
herum."--Da fing mich das Ding erst an zu wurmen. Alle, die zu Tisch kamen
und mich ansahen, dachte ich, die sehen dich darum an! Das gab böses Blut.
Und da man nun heute gar, wo ich hintrete, mich bedauert, da ich höre,
daß meine Neider nun triumphieren und sagen: da sähe man's, wo es
mit den Übermütigen hinausginge, die sich ihres bißchen Kopfs
überhöben und glaubten, sich darum über alle Verhältnisse
hinaussetzen zu dürfen, und was des Hundegeschwätzes mehr ist--da
möchte man sich ein Messer ins Herz bohren; denn man rede von Selbständigkeit
was man will, den will ich sehen, der dulden kann, daß Schurken über
ihn reden, wenn sie einen Vorteil über ihn haben; wenn ihr Geschwätze
leer ist, ach da kann man sie leicht lassen.
Am 16. März 1772
Es hetzt mich alles. Heut' treff' ich die Fräulein B... in der Allee,
ich konnte mich nicht enthalten, sie anzureden und ihr, sobald wir etwas entfernt
von der Gesellschaft waren, meine Empfindlichkeit über ihr neuliches Betragen
zu zeigen.--"O Werther," sagte sie mit einem innigen Tone, "konnten
Sie meine Verwirrung so auslegen, da Sie mein Herz kennen? Was ich gelitten
habe um Ihretwillen, von dem Augenblicke an, da ich in den Saal trat! Ich sah
alles voraus, hundertmal saß mir's auf der Zunge, es Ihnen zu sagen. Ich
wußte, daß die von S... und T... mit ihren Männern eher aufbrechen
würden, als in Ihrer Gesellschaft zu bleiben; ich wußte, daß
der Graf es mit ihnen nicht verderben darf,--und jetzt der Lärm!"--"wie,
Fräulein?" sagt' ich und verbarg meinen Schrecken; denn alles, was
Adelin mir ehegestern gesagt hatte, lief mir wie siedend Wasser durch die Adern
in diesem Augenblicke.--"Was hat mich es schon gekostet!" sagte das
süße Geschöpf, indem ihr die Tränen in den Augen standen.
--Ich war nicht Herr mehr von mir selbst, war im Begriffe, mich ihr zu Füßen
zu werfen.--"Erklären Sie sich!" rief ich.--Die Tränen liefen
ihr die Wangen herunter. Ich war außer mir. Sie trocknete sie ab, ohne
sie verbergen zu wollen.--"Meine Tante kennen Sie," fing sie an, "sie
war gegenwärtig und hat--o, mit was für Augen hat sie das angesehen!
Werther, ich habe gestern nacht ausgestanden und heute früh eine Predigt
über meinen Umgang mit Ihnen, und ich habe müssen zuhören Sie
herabsetzen, erniedrigen, und konnte und durfte Sie nur halb verteidigen."
Jedes Wort, das sie sprach, ging mir wie ein Schwert durchs Herz. Sie fühlte
nicht, welche Barmherzigkeit es gewesen wäre, mir das alles zu verschweigen,
und nun fügte sie noch hinzu, was weiter würde geträtscht werden,
was eine Art Menschen darüber triumphieren würde.
Wie man sich nunmehr über die Strafe meines Übermuts und meiner Geringschätzung
anderer, die sie mir schon lange vorwerfen, kitzeln und freuen würde. Das
alles, Wilhelm, von ihr zu hören, mit der Stimme der wahrsten Teilnehmung--ich
war zerstört und bin noch wütend in mir. Ich wollte, daß sich
einer unterstünde, mir's vorzuwerfen, daß ich ihm den Degen durch
den Leib stoßen könnte; wenn ich Blut sähe, würde mir's
besser werden. Ach, ich hab' hundertmal ein Messer ergriffen, um diesem gedrängten
Herzen Luft zu machen. Man erzählt von einer edlen Art Pferde, die, wenn
sie schrecklich erhitzt und aufgejagt sind, sich selbst aus Instinkt eine Ader
aufbeißen, um sich zum Atem zu helfen. So ist mir's oft, ich möchte
mir eine Ader öffnen, die mir die ewige Freiheit schaffte.
Am 24. März 1772
Ich habe meine Entlassung vom Hofe verlangt und werde sie, hoffe ich, erhalten,
und ihr werdet mir verzeihen, daß ich nicht erst Erlaubnis dazu bei euch
geholt habe. Ich mußte nun einmal fort, und was ihr zu sagen hattet, um
mir das Bleiben einzureden, weiß ich alles, und also--bringe das meiner
Mutter in einem Säftchen bei, ich kann mir selbst nicht helfen, und sie
mag sich gefallen lassen, wenn ich ihr auch nicht helfen kann. Freilich muß
es ihr wehe tun. Den schönen Lauf, den ihr Sohn gerade zum Geheimenrat
und Gesandten ansetzte, so auf einmal Halte zu sehen, und rückwärts
mit dem Tierchen in den Stall! Macht nun daraus, was ihr wollt, und kombiniert
die möglichen Fälle, unter denen ich hätte bleiben können
und sollen; genug, ich gehe, und damit ihr wißt, wo ich hinkomme, so ist
hier der Fürst **, der vielen Geschmack an meiner Gesellschaft findet;
der hat mich gebeten, da er von meiner Absicht hörte, mit ihm auf seine
Güter zu gehen und den schönen Frühling da zuzubringen. Ich soll
ganz mir selbst gelassen sein, hat er mir versprochen, und da wir uns zusammen
bis auf einen gewissen Punkt verstehn, so will ich es denn auf gut Glück
wagen und mit ihm gehen.
Zur Nachricht
Am 19. April 1772
Danke für deine beiden Briefe. Ich antwortete nicht, weil ich dieses Blatt
liegen ließ, bis mein Abschied vom Hofe da wäre; ich fürchtete,
meine Mutter möchte sich an den Minister wenden und mir mein Vorhaben erschweren.
Nun aber ist es geschehen, mein Abschied ist da. Ich mag euch nicht sagen, wie
ungern man mir ihn gegeben hat, und was mir der Minister schreibt--ihr würdet
in neue Lamentationen ausbrechen. Der Erbprinz hat mir zum Abschiede fünfundzwanzig
Dukaten geschickt, mit einem Wort, das mich bis zu Tränen gerührt
hat; also brauche ich von der Mutter das Geld nicht, um das ich neulich schrieb.
Am 5. Mai 1772
Morgen gehe ich von hier ab, und weil mein Geburtsort nur sechs Meilen vom
Wege liegt, so will ich den auch wiedersehen, will mich der alten, glücklich
verträumten Tage erinnern. Zu eben dem Tore will ich hinein gehn, aus dem
meine Mutter mit mir heraus fuhr, als sie nach dem Tode meines Vaters den lieben,
vertraulichen Ort verließ, um sich in ihre unerträgliche Stadt einzusperren.
Adieu, Wilhelm, du sollst von meinem Zuge hören.
Am 9. Mai 1772
Ich habe die Wallfahrt nach meiner Heimat mit aller Andacht eines Pilgrims
vollendet, und manche unerwarteten Gefühle haben mich ergriffen. An der
großen Linde, die eine Viertelstunde vor der Stadt nach S... zu steht,
ließ ich halten, stieg aus und hieß den Postillon fortfahren, um
zu Fuße jede Erinnerung ganz neu, lebhaft, nach meinem Herzen zu kosten.
Da stand ich nun unter der Linde, die ehedem, als Knabe, das Ziel und die Grenze
meiner Spaziergänge gewesen. Wie anders! Damals sehnte ich mich in glücklicher
Unwissenheit hinaus in die unbekannte Welt, wo ich für mein Herz so viele
Nahrung, so vielen Genuß hoffte, meinen strebenden, sehnenden Busen auszufüllen
und zu befriedigen. Jetzt komme ich zurück aus der weiten Welt--o mein
Freund, mit wie viel fehlgeschlagenen Hoffnungen, mit wie viel zerstörten
Planen!--Ich sah das Gebirge vor mir liegen, das tausendmal der Gegenstand meiner
Wünsche gewesen war. Stundenlang konnt' ich hier sitzen und mich hinüber
sehnen, mit inniger Seele mich in den Wäldern, den Tälern verlieren,
die sich meinen Augen so freundlich-dämmernd darstellten; und wenn ich
dann um die bestimmte Zeit wieder zurück mußte, mit welchem Widerwillen
verließ ich nicht den lieben Platz!--Ich kam der Stadt näher, alle
die alten, bekannten Gartenhäuschen wurden von mir gegrüßt,
die neuen waren mir zuwider, so auch alle Veränderungen, die man sonst
vorgenommen hatte. Ich trat zum Tor hinein und fand mich doch gleich und ganz
wieder. Lieber, ich mag nicht ins Detail gehn; so reizend, als es mir war, so
einförmig würde es in der Erzählung werden. Ich hatte beschlossen,
auf dem Markte zu wohnen, gleich neben unserem alten Haus. Im Hingehen bemerkte
ich, daß die Schulstube, wo ein ehrliches altes Weib unsere Kindheit zusammengepfercht
hatte, in einen Kramladen verwandelt war. Ich erinnere mich der Unruhe, der
Tränen, der Dumpfheit des Sinnes, der Herzensangst, die ich in dem Loche
ausgestanden hatte.--Ich tat keinen Schritt, der nicht merkwürdig war.
Ein Pilger im heiligen Lande trifft nicht so viele Stätten religiöser
Erinnerungen an, und seine Seele ist schwerlich so voll heiliger Bewegung.--Noch
eins für tausend. Ich ging den Fluß hinab, bis an einen gewissen
Hof; das war sonst auch mein Weg, und die Plätzchen, wo wir Knaben uns
übten, die meisten Sprünge der flachen Steine im Wasser hervorzubringen.
Ich erinnerte mich so lebhaft, wenn ich manchmal stand und dem Wasser nachsah,
mit wie wunderbaren Ahnungen ich es verfolgte, wie abenteuerlich ich mir die
Gegenden vorstellte, wo es nun hinflösse, und wie ich da sobald Grenzen
meiner Vorstellungskraft fand; und doch mußte das weiter gehen, immer
weiter, bis ich mich ganz in dem Anschauen einer unsichtbaren Ferne verlor.
--Sieh, mein Lieber, so beschränkt und so glücklich waren die herrlichen
Altväter! So kindlich ihr Gefühl, ihre Dichtung! Wenn ulyß von
dem ungemeßnen Meer und von der unendlichen Erde spricht, das ist so wahr,
menschlich, innig, eng und geheimnisvoll. Was hilft mich's, daß ich jetzt
mit jedem Schulknaben nachsagen kann, daß sie rund sei? Der Mensch braucht
nur wenige Erdschollen, um drauf zu genießen, weniger, um drunter zu ruhen.
Nun bin ich hier, auf dem fürstlichen Jagdschloß. Es läßt
sich noch ganz wohl mit dem Herrn leben, er ist wahr und einfach. Wunderliche
Menschen sind um ihn herum, die ich gar nicht begreife. Sie scheinen keine Schelmen
und haben doch auch nicht das Ansehen von ehrlichen Leuten. Manchmal kommen
sie mir ehrlich vor, und ich kann ihnen doch nicht trauen. Was mir noch leid
tut, ist, daß er oft von Sachen redet, die er nur gehört und gelesen
hat, und zwar aus eben dem Gesichtspunkte, wie sie ihm der andere vorstellen
mochte. Auch schätzt er meinen Verstand und meine Talente mehr als dies
Herz, das doch mein einziger Stolz ist, das ganz und alles Elendes. Ach, was
ich weiß, kann jeder wissen--mein Herz habe ich allein.
Am 25. Mai 1772
Ich hatte etwas im Kopfe, davon ich euch nichts sagen wollte, bis es ausgeführt
wäre: jetzt, da nichts draus wird, ist es ebenso gut. Ich wollte in den
Krieg; das hat mir lange am Herzen gelegen. Vornehmlich darum bin ich dem Fürsten
hierher gefolgt, der General in ***schen Diensten ist. Auf einem Spaziergang
entdeckte ich ihm mein Vorhaben; er widerriet mir es, und es müßte
bei mir mehr Leidenschaft als Grille gewesen sein, wenn ich seinen Gründen
nicht hätte Gehör geben wollen.
Am 11. Junius 1772
Sage was du willst, ich kann nicht länger bleiben. Was soll ich hier?
Die Zeit wird mir lang. Der Fürst hält mich, so gut man nur kann,
und doch bin ich nicht in meiner Lage. Wir haben im Grunde nichts gemein mit
einander. Er ist ein Mann von Verstande, aber von ganz gemeinem Verstande; sein
Umgang unterhält mich nicht mehr, als wenn ich ein wohl geschriebenes Buch
lese. Noch acht Tage bleibe ich, und dann ziehe ich wieder in der Irre herum.
Das Beste, was ich hier getan habe, ist mein Zeichnen. Der Fürst fühlt
in der Kunst und würde noch stärker fühlen, wenn er nicht durch
das garstige wissenschaftliche Wesen und durch die gewöhnliche Terminologie
eingeschränkt wäre. Manchmal knirsche ich mit den Zähnen, wenn
ich ihn mit warmer Imagination an Natur und Kunst herumführe und er es
auf einmal recht gut zu machen denkt, wenn er mit einem gestempelten Kunstworte
dreinstolpert.
Am 16. Junius 1772
Ja wohl bin ich nur ein Wandrer, ein Waller auf der Erde! Seid ihr denn mehr?
Am 16. Junius 1772
Wo ich hin will? Das laß dir im Vertrauen eröffnen. Vierzehn Tage
muß ich doch noch hier bleiben, und dann habe ich mir weisgemacht, daß
ich die Bergwerke im ***schen besuchen wollte; ist aber im Grunde nichts dran,
ich will nur Lotten wieder näher, das ist alles. Und ich lache über
mein eigenes Herz--und tu' ihm seinen Willen.
Am 29. Julius 1772
Nein, es ist gut! Es ist alles gut!--Ich--ihr Mann! O Gott, der du mich machtest,
wenn du mir diese Seligkeit bereitet hättest, mein ganzes Leben sollte
ein anhaltendes Gebet sein. Ich will nicht rechten, und verzeihe mir diese Tränen,
verzeihe mir meine vergeblichen Wünsche!--Sie meine Frau! Wenn ich das
liebste Geschöpf unter der Sonne in meine Arme geschlossen hätte--es
geht mir ein Schauder durch den ganzen Körper, Wilhelm, wenn Albert sie
um den schlanken Leib faßt.
Und, darf ich es sagen? Warum nicht, Wilhelm? Sie wäre mit mir glücklicher
geworden als mit ihm! O er ist nicht der Mensch, die Wünsche dieses Herzens
alle zu füllen. Ein gewisser Mangel an Fühlbarkeit, ein Mangel--nimm
es, wie du willst; daß sein Herz nicht sympathetisch schlägt bei--O!--bei
der Stelle eines lieben Buches, wo mein Herz und Lottens in einem zusammentreffen;
in hundert andern Vorfällen, wenn es kommt, daß unsere Ermpfindungen
über eine Handlung eines Dritten laut werden. Lieber Wilhelm!--Zwar er
liebt sie von ganzer Seele, und so eine Liebe, was verdient die nicht!
--Ein unerträglicher Mensch hat mich unterbrochen. Meine Tränen sind
getrocknet. Ich bin zerstreut. Adieu, Lieber!
Am 4. August 1772
Es geht mir nicht allein so. Alle Menschen werden in ihren Hoffnungen getäuscht,
in ihren Erwartungen betrogen. Ich besuchte mein gutes Weib unter der Linde.
Der älteste Junge lief mir entgegen, sein Freudengeschrei führte die
Mutter herbei, die sehr niedergeschlagen aussah. Ihr erstes Wort war:"guter
Herr, ach, mein Hans ist mir gestorben!"--Es war der jüngste ihrer
Knaben. Ich war stille. "Und mein Mann," sagte sie, "ist aus
der Schweiz zurück und hat nichts mitgebracht, und ohne gute Leute hätte
er sich heraus betteln müssen, er hatte das Fieber unterwegs gekriegt."--Ich
konnte ihr nichts sagen und schenkte dem Kleinen was; sie bat mich, einige Äpfel
anzunehmen, das ich tat und den Ort des traurigen Andenkens verließ.
Am 21. August 1772
Wie man eine Hand umwendet, ist es anders mit mir. Manchmal will wohl ein freudiger
Blick des Lebens wieder aufdämmern, ach, nur für einen Augenblick!--Wenn
ich mich so in Träumen verliere, kann ich mich des Gedankens nicht erwehren:
wie, wenn Albert stürbe? Du würdest! Ja, sie würde--und dann
laufe ich dem Hirngespinste nach, bis es mich an Abgründe führet,
vor denen ich zurückbebe.
Wenn ich zum Tor hinausgehe, den Weg, den ich zum erstenmal fuhr, Lotten zum
Tanze zu holen, wie war das so ganz anders! Alles, alles ist vorübergegangen!
Kein Wink der vorigen Welt, kein Pulsschlag meines damaligen Gefühles.
Mir ist es, wie es einem Geiste sein müßte, der in das ausgebrannte,
zerstörte Schloß zurückkehrte, das er als blühender Fürst
einst gebaut und mit allen Gaben der Herrlichkeit ausgestattet, sterbend seinem
geliebten Sohne hoffnungsvoll hinterlassen hätte.
Am 3. September 1772
Ich begreife manchmal nicht, wie sie ein anderer lieb haben kann, lieb haben
darf, da ich sie so ganz allein, so innig, so voll liebe, nichts anders kenne,
noch weiß, noch habe als sie!
Am 4. September 1772
Ja, es ist so. Wie die Natur sich zum Herbste neigt, wird es Herbst in mir
und um mich her. Meine Blätter werden gelb, und schon sind die Blätter
der benachbarten Bäume abgefallen. Hab' ich dir nicht einmal von einem
Bauerburschen geschrieben, gleich da ich herkam? Jetzt erkundigte ich mich wieder
nach ihm in Wahlheim; es hieß, er sei aus dem Diemste gejagt worden, und
niemand wollte was weiter von ihm wissen. Gestern traf ich ihn von ungefähr
auf dem Wege nach einem andern Dorfe, ich redete ihn an, und er erzählte
mir seine Geschichte, die mich doppelt und dreifach gerührt hat, wie du
leicht begreifen wirst, wenn ich dir sie wiedererzähle. Doch wozu das alles?
Warum behalt' ich nicht für mich, was mich ängstigt und kränkt?
Warum betrüb' ich noch dich? Warum geb' ich dir immer Gelegenheit, mich
zu bedauern und mich zu schelten? Sei's denn, auch das mag zu meinem Schicksal
gehören!
Mit einer stillen Traurigkeit, in der ich ein wenig scheues Wesen zu bemerken
schien, antwortete der Mensch mir erst auf meine Fragen; aber gar bald offner,
als wenn er sich und mich auf einmal wiedererkennte, gestand er mir seine Fehler,
klagte er mir sein Unglück. Könnt' ich dir, mein Freund, jedes seiner
Worte vor Gericht stellen! Er bekannte, ja er erzählte mit einer Art von
Genuß und Glück der Wiedererinnerung, daß die Leidenschaft
zu seiner Hausfrau sich in ihm tagtäglich vermehrt, daß er zuletzt
nicht gewußt habe, was er tue, nicht, wie er sich ausdrückte, wo
er mit dem Kopfe hingesollt. Er habe weder essen noch trinken noch schlafen
können, es habe ihm an der Kehle gestockt, er habe getan, was er nicht
tun sollen; was ihm aufgetragen worden, hab' er vergessen, er sei als wie von
einem bösen Geist verfolgt gewesen, bis er eines Tages, als er sie in einer
obern Kammer gewußt, ihr nachgegangen, ja vielmehr ihr nachgezogen worden
sei; da sie seinen Bitten kein Gehör gegeben, hab' er sich ihrer mit Gewalt
bemächtigen wollen; er wisse nicht, wie ihm geschehen sei, und nehme Gott
zum Zeugen, daß seine Absichten gegen sie immer redlich gewesen, und daß
er nichts sehnlicher gewünscht, als daß sie ihn heiraten, daß
sie mit ihm ihr Leben zubringen möchte. Da er eine Zeitlang geredet hatte,
fing er an zu stocken, wie einer, der noch etwas zu sagen hat und sich es nicht
herauszusagen getraut; endlich gestand er mir auch mit Schüchternheit,
was sie ihm für kleine Vertraulichkeiten erlaubt, und welche Nähe
sie ihm vergönnet. Er brach zwei-, dreimal ab und wiederholte die lebhaftesten
Protestationen, daß er das nicht sage, um sie schlecht zu machen, wie
er sich ausdrückte, daß er sie liebe und schätze wie vorher,
daß so etwas nicht über seinen Mund gekommen sei und daß er
es mir nur sage, um mich zu überzeugen, daß er kein ganz verkehrter
und unsinniger Mensch sei.
--Und hier, mein Bester, fang' ich mein altes Lied wieder an, das ich ewig
anstimmen werde: könnt' ich dir den Menschen vorstellen, wie er vor mir
stand, wie er noch vor mir steht! Könnt' ich dir alles recht sagen, damit
du fühltest, wie ich an seinem Schicksale teilnehme, teilnehmen muß!
Doch genug, da du auch mein Schicksal kennst, auch mich kennst, so weißt
du nur zu wohl, was mich zu allen Unglücklichen, was mich besonders zu
diesem Unglücklichen hinzieht.
Da ich das Blut wieder durchlese, seh' ich, daß ich das Ende der Geschichte
zu erzählen vergessen habe, das sich aber leicht hinzudenken läßt.
Sie erwehrte sich sein; ihr Bruder kam dazu, der ihn schon lange gehaßt,
der ihn schon lange aus dem Hause gewünscht hatte, weil er fürchtet,
durch eine neue Heirat der Schwester werde seinen Kindern die Erbschaft entgehn,
die ihnen jetzt, da sie kinderlos ist, schöne Hoffnungen gibt; dieser habe
ihn gleich zum Hause hinausgestoßen und einen solchen Lärm von der
Sache gemacht, daß die Frau, auch selbst wenn sie gewollt, ihn nicht wieder
hätte aufnehmen können. Jetzt habe sie wieder einen andern Knecht
genommen, auch über den, sage man, sei sie mit dem Bruder zerfallen, und
man behaupte für gewiß, sie werde ihn heiraten, aber er sei fest
entschlossen, das nicht zu erleben.
Was ich dir erzähle, ist nicht übertrieben, nichts verzärtelt,
ja ich darf wohl sagen, schwach, schwach hab' ich's erzählt, und vergröbert
hab' ich's, indem ich's mit unsern hergebrachten sittlichen Worten vorgetragen
habe.
Diese Liebe, diese Treue, diese Leidenschaft ist also keine dichterische Erfindung.
Sie lebt, sie ist in ihrer größten Reinheit unter der Klasse von
Menschen, die wir ungebildet, die wir roh nennen. Wir Gebildeten--zu Nichts
Verbildeten! Lies die Geschichte mit Andacht, ich bitte dich. Ich bin heute
still, indem ich das hinschreibe; du siehst an meiner Hand, daß ich nicht
so strudele und sudele wie sonst. Lies, mein Geliebter, und denke dabei, daß
es auch die Geschichte deines Freundes ist. Ja so ist mir's gegangen, so wird
mir's gehn, und ich bin nicht halb so brav, nicht halb so entschlossen als der
arme Unglückliche, mit dem ich mich zu vergleichen mich fast nicht getraue.
Am 5. September 1772
Sie hatte ein Zettelchen an ihren Mann aufs Land geschrieben, wo er sich Geschäfte
wegen aufhielt. Es fing an: "Bester, Liebster, komme, sobald du kannst,
ich erwarte dich mit tausend Freuden."--Ein Freund, der hereinkam, brachte
Nachricht, daß er wegen gewisser Umstände so bald noch nicht zurückkehren
würde. Das Billett blieb liegen und fiel mir abends in die Hände.
Ich las es und lächelte; sie fragte worüber?--"Was die Einbildungskraft
für ein göttliches Geschenk ist," rief ich aus, "ich konnte
mir einen Augenblick vorspiegeln, als wäre es an mich geschrieben."--Sie
brach ab, es schien ihr zu mißfallen, und ich schwieg.
Am 6. September 1772
Es hat schwer gehalten, bis ich mich entschloß, meinen blauen einfachen
Frack, in dem ich mit Lotten zum erstenmale tanzte, abzulegen, er ward aber
zuletzt gar unscheinbar. Auch habe ich mir einen machen lassen ganz wie den
vorigen, Kragen und Aufschlag, und auch wieder so gelbe Weste und Beinkleider
dazu. Ganz will es doch die Wirkung nicht tun. Ich weiß nicht--ich denke,
mit der Zeit soll mir der auch lieber werden.
Am 12. September 1772
Sie war einige Tage verreist, Alberten abzuholen. Heute trat ich in ihre Stube,
sie kam mir entgegen, und ich küßte ihre Hand mit tausend Freuden.
Ein Kanarienvogel flog von dem Spiegel ihr auf die Schulter. --"Einen
neuen Freund," sagte sie und lockte ihn auf ihre Hand, "er ist meinen
Kleinen zugedacht. Er tut gar zu lieb! Sehen Sie ihn! Wenn ich ihm Brot gebe,
flattert er mit den Flügeln und pickt so artig. Er küßt mich
auch, sehen Sie!"
Als sie dem Tierchen den Mund hinhielt, drückte es sich so lieblich in
die süßen Lippen, als wenn es die Seligkeit hätte fühlen
können, die es genoß.
"Er soll Sie auch küssen," sagte sie und reichte den Vogel herüber.
--Das Schnäbelchen machte den Weg von ihrem Munde zu dem meinigen, und
die pickende Berührung war wie ein Hauch, eine Ahnung liebevollen Genusses.
"Sein Kuß," sagte ich, "ist nicht ganz ohne Begierde,
er sucht Nahrung und kehrt unbefriedigt von der leeren Liebkosung zurück."
"Er ißt mir auch aus dem Munde."sagte sie.--Sie reichte ihm
einige Brosamen mit ihren Lippen, aus denen die Freuden unschuldig teilnehmender
Liebe in aller Wonne lächelten.
Ich kehrte das Gesicht weg. Sie sollte es nicht tun, sollte nicht meine Einbildungskraft
mit diesen Bildern himmlischer Unschuld und Seligkeit reizen und mein Herz aus
dem Schlafe, in den es manchmal die Gleichgültigkeit des Lebens wiegt,
nicht wecken!--Und warum nicht?--Sie traut mir so! Sie weiß, wie ich sie
liebe!
Am 15. September 1772
Man möchte rasend werden, Wilhelm, daß es Menschen geben soll ohne
Sinn und Gefühl an dem wenigen, was auf Erden noch einen Wert hat. Du kennst
die Nußbäume, unter denen ich bei dem ehrlichen Pfarrer zu St...
mit Lotten gesessen, die herrlichen Nußbäume, die mich, Gott weiß,
immer mit dem größten Seelenvergnügen füllten! Wie vertraulich
sie den Pfarrhof machten, wie kühl! Und wie herrlich die Äste waren!
Und die Erinnerung bis zu den ehrlichen Geistlichen, die sie vor vielen Jahren
pflanzten. Der Schulmeister hat uns den einen Namen oft genannt, den er von
seinem Großvater gehört hatte; und so ein braver Mann soll er gewesen
sein, und sein Andenken war immer heilig unter den Bäumen. Ich sage dir,
dem Schulmeister standen die Tränen in den Augen, da wir gestern davon
redeten, daß sie abgehauen worden-- abgehauen! Ich möchte toll werden,
ich könnte den Hund ermorden, der den ersten Hieb dran tat. Ich, der ich
mich vertrauern könnte, wenn so ein paar Bäume in meinem Hofe stünden
und einer davon stürbe vor Alter ab, ich muß zusehen. Lieber Schatz,
eins ist doch dabei: was Menschengefühl ist! Das ganze Dorf murrt, und
ich hoffe, die Frau Pfarrerin soll es an Butter und Eiern und übrigem Zutrauen
spüren, was für eine Wunde sie ihrem Orte gegeben hat. Denn sie ist
es, die Frau des neuen Pfarrers (unser alter ist auch gestorben), ein hageres,
kränkliches Geschöpf, das sehr Ursache hat, an der Welt keinen Anteil
zu nehmen, denn niemand nimmt Anteil an ihr. Eine Närrin, die sich abgibt,
gelehrt zu sein, sich in die Untersuchung des Kanons meliert, gar viel an der
neumodischen, moralisch-kritischen Reformation des Christentumes arbeitet und
über Lavaters Schwärmereien die Achseln zuckt, eine ganz zerrüttete
Gesundheit hat und deswegen auf Gottes Erdboden keine Freude. So einer Kreatur
war es auch allein möglich, meine Nußbäume abzuhauen. Siehst
du, ich komme nicht zu mir! Stelle dir vor: die abfallenden Blätter machen
ihr den Hof unrein und dumpfig, die Bäume nehmen ihr das Tageslicht, und
wenn die Nüsse reif sind, so werfen die Knaben mit Steinen darnach, und
das fällt ihr auf die Nerven, das stört sie in ihren tiefen Überlegungen,
wenn sie Kennikot, Semler und Michaelis gegen einander abwiegt. Da ich die Leute
im Dorfe, besonders die alten, so unzufrieden sah, sagte ich:"warum habt
ihr es gelitten?"--"wenn der Schulze will, hier zu Lande," sagten
sie, "was kann man machen?"--Aber eins ist recht geschehen. Der Schulze
und der Pfarrer, der doch auch von seiner Frauen Grillen, die ihm ohnedies die
Suppen nicht fett machen, was haben wollte, dachten es mit einander zu teilen;
da erfuhr es die Kammer und sagte: "hier herein!" denn sie hatte noch
alte Prätensionen an den Teil des Pfarrhofes, wo die Bäume standen,
und verkaufte sie an den Meistbietenden. Sie liegen! O, wenn ich Fürst
wäre! Ich wollte die Pfarrerin, den Schulzen und die Kammer-- Fürst!--ja
wenn ich Fürst wäre, was kümmerten mich die Bäume in meinem
Lande!
Am 10. Oktober 1772
Wenn ich nur ihre schwarzen Augen sehe, ist mir es schon wohl! Sieh, und was
mich verdrießt, ist, daß Albert nicht so beglückt zu sein scheinet,
als er--hoffte--als ich--zu sein glaubte--wenn--ich mache nicht gern Gedankenstriche,
aber hier kann ich mich nicht anders ausdrücken--und mich dünkt deutlich
genug.
Am 10. Oktober 1772
Ossian hat in meinem Herzen den Humor verdrängt. Welch eine Welt, in die
der Herrliche mich führt! Zu wandern über die Heide, umsaust vom Sturmwinde,
der in dampfenden Nebeln die Geister der Väter im dämmernden Lichte
des Mondes hinführt. Zu hören vom Gebirge her, im Gebrülle des
Waldstroms, halb verwehtes Ächzen der Geister aus ihren Höhlen, und
die Wehklagen des zu Tode sich jammernden Mädchens, um die vier moosbedeckten,
grasbewachsenen Steine des Edelgefallnen, ihres Geliebten. Wenn ich ihn dann
finde, den wandelnden grauen Barden, der auf der weiten Heide die Fußstapfen
seiner Väter sucht und, ach, ihre Grabsteine findet und dann jammernd nach
dem lieben Sterne des Abends hinblickt, der sich ins rollende Meer verbirgt,
und die Zeiten der Vergangenheit in des Helden Seele lebendig werden, da noch
der freundliche Strahl den Gefahren der Tapferen leuchtete und der Mond ihr
bekränztes, siegrückkehrendes Schiff beschien. Wenn ich den tiefen
Kummer auf seiner Stirn lese, den letzten verlassenen Herrlichen in aller Ermattung
dem Grabe zuwanken sehe, wie er immer neue, schmerzlich glühende Freuden
in der kraftlosen Gegenwart der Schatten seiner Abgeschiedenen einsaugt und
nach der kalten Erde, dem hohen, wehenden Grase niedersieht und ausruft: "Der
Wanderer wird kommen, kommen, der mich kannte in meiner Schönheit, und
fragen: 'wo ist der Sänger, Fingals trefflicher Sohn?' Sein Fußtritt
geht über mein Grab hin, und er fragt vergebens nach mir auf der Erde."--O
Freund! Ich möchte gleich einem edlen Waffenträger das Schwert ziehen,
meinen Fürsten von der zückenden Qual des langsam absterbenden Lebens
auf einmal befreien und dem befreiten Halbgott meine Seele nachsenden.
Am 19. Oktober 1772
Ach diese Lücke! Diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem
Busen fühle!--Ich denke oft, wenn du sie nur einmal, nur einmal an dieses
Herz drücken könntest, diese ganze Lücke würde ausgefüllt
sein.
Am 19. Oktober 1772
Ja es wird mir gewiß, Lieber, gewiß und immer gewisser, daß
an dem Dasein eines Geschöpfes wenig gelegen ist, ganz wenig. Es kam eine
Freundin zu Lotten, und ich ging herein ins Nebenzimmer, ein Buch zu nehmen,
und konnte nicht lesen, und dann nahm ich eine Feder, zu schreiben. Ich hörte
sie leise reden; sie erzählten einander unbedeutende Sachen, Stadtneuigkeiten:
wie diese heiratet, wie jene krank, sehr krank ist.--"Sie hat einen trocknen
Husten, die Knochen stehn ihr zum Gesichte heraus, und kriegt Ohnmachten; ich
gebe keinen Kreuzer für ihr Leben." Sagte die eine.--"Der N.
N. ist auch so Übel dran," sagte Lotte.--"Er ist schon geschwollen,"
sagte die andere.--Und meine lebhafte Einbildungskraft versetzte mich ans Bett
dieser Armen; ich sah sie, mit welchem Widerwillen sie dem Leben den Rücken
wandten, wie sie--Wilhelm! Und meine Weibchen redeten davon, wie man eben davon
redet--daß ein Fremder stirbt.--Und wenn ich mich umsehe und sehe das
Zimmer an, und rings um mich Lottens Kleider und Alberts Skripturen und diese
Möbeln, denen ich nun so befreundet bin, sogar diesem Dintenfaß,
und denke: siehe, was du nun diesem Hause bist! Alles in allem. Deine Freunde
ehren dich! Du machst oft ihre Freude, und deinem Herzen scheint es, als wenn
es ohne sie nicht sein könnte; und doch--wenn du nun gingst, wenn du aus
diesem Kreise schiedest? Würden sie, wie lange würden sie die Lücke
fühlen, die dein Verlust in ihr Schicksal reißt? Wie lange?--O, so
vergänglich ist der Mensch, daß er auch da, wo er seines Daseins
eigentliche Gewißheit hat, da, wo er den einzigen wahren Eindruck seiner
Gegenwart macht, in dem Andenken, in der Seele seiner Lieben, daß er auch
da verlöschen, verschwinden muß, und das so bald!
Am 27. Oktober 1772
Ich möchte mir oft die Brust zerreißen und das Gehirn einstoßen,
daß man einander so wenig sein kann. Ach die Liebe, Freude, Wärme
und Wonne, die ich nicht hinzubringe, wird mir der andere nicht geben, und mit
einem ganzen Herzen voll Seligkeit werde ich den andern nicht beglücken,
der kalt und kraftlos vor mir steht.
Ich habe so viel, und die Emfpindung an ihr verschlingt alles; ich habe so
viel, und ohne sie wird mir alles zu Nichts.
Am 27. Oktober abends
Wenn ich nicht schon hundertmal auf dem Punkte gestanden bin, ihr um den Hals
zu fallen! Weiß der große Gott, wie einem das tut, so viele Liebenswürdigkeit
vor einem herumkreuzen zu sehen und nicht zugreifen zu dürfen; und das
Zugreifen ist doch der natürlichste Trieb der Menschheit. Greifen die Kinder
nicht nach allem, was ihnen in den Sinn fällt?--Und ich?
Am 30. Oktober 1772
Weiß Gott! Ich lege mich so oft zu Bette mit dem Wunsche, ja manchmal
mit der Hoffnung, nicht wieder zu erwachen: und morgens schlage ich die Augen
auf, sehe die Sonne wieder, und bin elend. O daß ich launisch sein könnte,
könnte die Schuld aufs Wetter, auf einen Dritten, auf eine fehlgeschlagene
Unternehmung schieben, so würde die unerträgliche Last des Unwillens
doch nur halb auf mir ruhen. Wehe mir! Ich fühle zu wahr, daß an
mir alle Schuld liegt--nicht Schuld! Genug, daß in mir die Quelle alles
Elendes verborben ist, wie ehemals die Quelle aller Seligkeiten. Bin ich nicht
noch ebenderselbe, der ehemals in aller Fülle der Empfindung herumschwebte,
dem auf jedem Tritte ein Paradies folgte, der ein Herz hatte, eine ganze Welt
liebevoll zu umfassen? Und dies Herz ist jetzt tot, aus ihm fließen keine
Entzückungen mehr, meine Augen sind trocken, und meine Sinne, die nicht
mehr von erquickenden Tränen gelabt werden, ziehen ängstlich meine
Stirn zusammen. Ich leide viel, denn ich habe verloren, was meines Lebens einzige
Wonne war, die heilige, belebende Kraft, mit der ich Welten um mich schuf; sie
ist dahin!--Wenn ich zu meinem Fenster hinaus an den fernen Hügel sehe,
wie die Morgensonne über ihn her den Nebel durchbricht und den stillen
Wiesengrund bescheint, und der sanfte Fluß zwischen seinen entblätterten
Weiden zu mir herschlängelt,--o! Wenn da diese herrliche Natur so starr
vor mir steht wie ein lackiertes Bildchen, und alle die Wonne keinen Tropfen
Seligkeit aus meinem Herzen herauf in das Gehirn pumpen kann, und der ganze
Kerl vor Gottes Angesicht steht wie ein versiegter Brunnen, wie ein verlechter
Eimer. Ich habe mich oft auf den Boden geworfen und Gott um Tränen gebeten,
wie ein Ackersmann um Regen, wenn der Himmel ehern über ihm ist und um
ihn die Erde verdürstet.
Aber, ach, ich fühle es, Gott gibt Regen und Sonnenschein nicht unserm
ungestümen Bitten, und jene Zeiten, deren Andenken mich quält, warum
waren sie so selig, als weil ich mit Geduld seinen Geist erwartete und die Wonne,
die er über mich ausgoß, mit ganzem, innig dankbarem Herzen aufnahm!
Am 8. November 1772
Sie hat mir meine Exzesse vorgeworfen! Ach, mit so viel Liebenswürdigkeit!
Meine Exzesse, daß ich mich manchmal von einem Glase Wein verleiten lasse,
eine Bouteille zu trinken.--"Tun Sie es nicht!" sagte sie, "denken
Sie an Lotten!"--"Denken!" sagte ich, "brauchen Sie mir
das zu heißen? Ich denke!--Ich denke nicht! Sie sind immer vor meiner
Seele. Heute saß ich an dem Flecke, wo Sie neulich aus der Kutsche stiegen."--Sie
redete was anders, um mich nicht tiefer in den Text kommen zu lassen. Bester,
ich bin dahin! Sie kann mit mir machen, was sie will.
Am 15. November 1772
Ich danke dir, Wilhelm, für deinen herzlichen Anteil, für deinen
wohlmeinenden Rat und bitte dich, ruhig zu sein. Laß mich ausdulden, ich
habe bei aller meiner Müdseligkeit noch Kraft genug durchzusetzen. Ich
ehre die Religion, das weißt du, ich fühle, daß sie manchem
Ermatteten Stab, manchem Verschmachtenden Erquickung ist. Nur--kann sie denn,
muß sie denn das einem jeden sein? Wenn du die große Welt ansiehst,
so siehst du Tausende, denen sie es nicht war, Tausende, denen sie es nicht
sein wird, gepredigt oder ungepredigt, und muß sie mir es denn sein? Sagt
nicht selbst der Sohn Gottes, daß die um ihn sein würden, die ihm
der Vater gegeben hat? Wenn ich ihm nun nicht gegeben bin? Wenn mich nun der
Vater für sich bahalten will, wie mir mein Herz sagt?--Ich bitte dich,
lege das nicht falsch aus; sieh nicht etwa Spott in diesen unschuldigen Worten;
es ist meine ganze Seele, die ich dir vorlege; sonst wollte ich lieber, ich
hätte geschwiegen: wie ich denn über alles das, wovon jedermann so
wenig weiß als ich, nicht gern ein Wort verliere. Was ist es anders als
Menschenschicksal, sein Maß auszuleiden, seinen Becher auszutrinken? --Und
ward der Kelch dem Gott vom Himmel auf seiner Menschenlippe zu bitter, warum
soll ich großtun und mich stellen, als schmeckte er mir süß?
Und warum sollte ich mich schämen, in dem schrecklichen Augenblick, da
mein ganzes Wesen zwischen Sein und Nichtsein zittert, da die Vergangenheit
wie ein Blitz über dem finstern Abgrunde der Zukunft leuchtet und alles
um mich her versinkt und mit mir die Welt untergeht? Ist es da nicht die Stimme
der ganz in sich gedrängten, sich selbst ermangelnden und unaufhaltsam
hinabstürzenden Kreatur, in den innern Tiefen ihrer vergebens aufarbeitenden
Kräfte zu knirschen: "mein Gott! Mein Gott! Warum hast du mich verlassen?"
und sollt' ich mich des Ausdruckes schämen, sollte mir es vor dem Augenblicke
bange sein, da ihm der nicht entging, der die Himmel zusammenrollt wie ein Tuch?
Am 21. November 1772
Sie sieht nicht, sie fühlt nicht, daß sie ein Gift bereitet, das
mich und sie zugrunde richten wird; und ich mit voller Wollust schlürfe
den Becher aus, den sie mir zu meinem Verderben reicht. Was soll der gütige
Blick, mit dem sie mich oft--oft?--nein, nicht oft, aber doch manchmal ansieht,
die Gefälligkeit, womit sie einen unwillkürlichen Ausdruck meines
Gefühls aufnimmt, das Mitleiden mit meiner Duldung, das sich auf ihrer
Stirne zeichnet?
Gestern, als ich wegging, reichte sie mir die Hand und sagte: "Adieu,
lieber Werther!"--Lieber Werther! Es war das erstemal, daß sie mich
Lieber hieß, und es ging mir durch Mark und Bein. Ich habe es mir hundertmal
wiederholt, und gestern nacht, da ich zu Bette gehen wollte und mit mir selbst
allerlei schwatzte, sagte ich so auf einmal: "gute Nacht, lieber Werther!"
und mußte hernach selbst über mich lachen.
Am 22. November 1772
Ich kann nicht beten: "laß mir sie!" und doch kommt sie mir
oft als die Meine vor. Ich kann nicht beten: "gib mir sie!" denn sie
ist eines andern. Ich witzle mich mit meinen Schmerzen herum; wenn ich mir's
nachließe, es gäbe eine ganze Litanei von Antithesen.
Am 24. November 1772
Sie fühlt, was ich dulde. Heute ist mir ihr Blick tief durchs Herz gedrungen.
Ich fand sie allein; ich sagte nichts, und sie sah mich an. Und ich sah nicht
mehr in ihr die liebliche Schönheit, nicht mehr das Leuchten des trefflichen
Geistes, das war alles vor meinen Augen verschwunden. Ein weit herrlicherer
Blick wirkte auf mich, voll Ausdruck des innigsten Anteils, des süßesten
Mitleidens. Warum durft' ich mich nicht ihr zu Füßen werfen? Warum
durft' ich nicht an ihrem Halse mit tausend Küssen antworten? Sie nahm
ihre Zuflucht zum Klavier und hauchte mit süßer, leiser Stimme harmonische
Laute zu ihrem Spiele. Nie habe ich ihre Lippen so reizend gesehn; es war, als
wenn sie sich lechzend öffneten, jene süßen Töne in sich
zu schlürfen, die aus dem Instrument hervorquollen, und nur der heimliche
Widerschall aus dem reinen Munde zurückklänge--ja wenn ich dir das
so sagen könnte!--Ich widerstand nicht länger, neigte mich und schwur:
nie will ich es wagen, einen Kuß euch aufzudrücken, Lippen, auf denen
die Geister des Himmels schweben.--Und doch--ich will--ha! Siehst du, das steht
wie eine Scheidewand vor meiner Seele--diese Seligkeit--und dann untergegangen,
diese Sünde abzubüßen--Sünde?
Am 26. November 1772
Manchmal sag' ich mir: dein Schicksal ist einzig; preise die übrigen glücklich--so
ist noch keiner gequält worden.--Dann lese ich einen Dichter der Vorzeit,
und es ist mir, als säh' ich in mein eignes Herz. Ich habe so viel auszustehen!
Ach, sind denn Menschen vor mir schon so elend gewesen?
Am 30. November 1772
Ich soll, ich soll nicht zu mir selbst kommen! Wo ich hintrete, begegnet mir
eine Erscheinung, die mich aus aller Fassung bringt. Heute! O Schicksal! O Menschheit!
Ich gehe an dem Wasser hin in der Mittagsstunde, ich hatte keine keine Lust
zu essen. Alles war Öde, ein naßkalter Abendwind blies vom Berge,
und die grauen Regenwolken zogen das Tal hinein. Von fern seh' ich einen Menschen
in einem grünen, schlechten Rocke, der zwischen den Felsen herumkrabbelte
und Kräuter zu suchen schien. Als ich näher zu ihm kam und er sich
auf das Geräusch, das ich machte, herumdrehte, sah ich eine gar interessante
Physiognomie, darin eine stille Trauer den Hauptzug machte, die aber sonst nichts
als einen geraden guten Sinn ausdrückte; seine schwarzen Haare waren mit
Nadeln in zwei Rollen gesteckt, und die übrigen in einen starken Zopf geflochten,
der ihm den Rücken herunter hing. Da mir seine Kleidung einen Menschen
von geringem Stande zu bezeichnen schien, glaubte ich, er würde es nicht
übelnehmen, wenn ich auf seine Beschäftigung aufmerksam wäre,
und daher fragte ich ihn, was er suchte?--"Ich suche," antwortete
er mit einem tiefen Seufzer, "Blumen--und finde keine."--"Das
ist auch die Jahreszeit nicht." sagte ich lächelnd. --"Es gibt
so viele Blumen," sagte er, indem er zu mir herunterkam. "In meinem
Garten sind Rosen und Jelängerjelieber zweierlei Sorten, eine hat mir mein
Vater gegeben, sie wachsen wie Unkraut; ich suche schon zwei Tage darnach und
kann sie nicht finden. Da haußen sind auch immer Blumen, gelbe und blaue
und rote, und das Tausendgüldenkraut hat ein schönes Blümchen.
Keines kann ich finden." --Ich merkte was Unheimliches, und drum fragte
ich durch einen Umweg: "Was will er denn mit den Blumen?"--Ein wunderbares,
zuckendes Lächeln verzog sein Gesichte. "Wenn er mich nicht verraten
will," sagte er, indem er den Finger auf den Mund drückte, "ich
habe meinem Schatz einen Strauß versprochen."--"Das ist brav,"
sagte ich.--"O! " sagte er, "sie hat viel andere Sachen, sie
ist reich."--"Und doch hat sie seinen Strauß lieb," versetzte
ich.--"O!" fuhr er fort, "sie hat Juwelen und eine Krone."--"Wie
heißt sie denn?"--"Wenn mich die Generalstaaten bezahlen wollten,"
versetzte er, "ich wär' ein anderer Mensch! Ja, es war einmal eine
Zeit, da mir es so wohl war! Jetzt ist es aus mit mir. Ich bin nun." Ein
nasser Blick zum Himmel drückte alles aus.--"Er war also glücklich?"fragte
ich.--"Ach ich wollte, ich wäre wieder so!" sagte er "Da
war mir es so wohl, so lustig, so leicht wie einem Fisch im Wasser!"--"Heinrich!"
rief eine alte Frau, die den Weg herkam, "Heinrich, wo steckst du? Wir
haben dich überall gesucht, komm zum Essen."--"Ist das euer Sohn?"
fragt' ich, zu ihr tretend.--"Wohl, mein armer Sohn!" versetzte sie.
"Gott hat mir ein schweres Kreuz aufgelegt."--"Wie lange ist
er so?" fragte ich.--"So stille," sagte sie, "ist er nun
ein halbes Jahr. Gott sei Dank, daß er nur so weit ist, vorher war er
ein ganzes Jahr rasend, da hat er an Ketten im Tollhause gelegen. Jetzt tut
er niemand nichts, nur hat er immer mit Königen und Kaisern zu schaffen.
Er war ein so guter, stiller Mensch, der mich ernähren half, seine schöne
Hand schrieb, und auf einmal wird er tiefsinnig, fällt in ein hinziges
Fieber, daraus in Raserei, und nun ist er, wie Sie ihn sehen. Wenn ich Ihnen
erzählen sollte, Herr."--Ich unterbrach den Strom ihrer Worte mit
der Frage: "was war denn das für eine Zeit, von der er rühmt,
daß er so glücklich, so wohl darin gewesen sei?"--"Der
törichte Mensch!" rief sie mit mitleidigem Lächeln, "da
meint er die Zeit, da er von sich war, das rühmt er immer; das ist die
Zeit, da er im Tollhause war, wo er nichts von sich wußte."--Das
fiel mir auf wie ein Donnerschlag, ich drückte ihr ein Stück Geld
in die Hand und verließ sie eilend. Da du glücklich warst! Rief ich
aus, schnell vor mich hin nach der Stadt zu gehend, da dir es wohl war wie einem
Fisch im Wasser!--Gott im Himmel! Hast du das zum Schicksale der Menschen gemacht,
daß sie nicht glücklich sind, als ehe sie zu ihrem Verstande kommen
und wenn sie ihn wieder verlieren!--Elender! Und auch wie beneide ich deinen
Trübsinn, die Verwirrung deiner Sinne, in der du verschmachtest! Du gehst
hoffnungsvoll aus, deiner Königin Blumen zu pflücken--im Winter--und
trauerst, da du keine findest, und begreifst nicht, warum du keine finden kannst.
Und ich--und ich gehe ohne Hoffnung, ohne Zweck heraus und kehre wieder heim,
wie ich gekommen bin.--Du wähnst, welcher Mensch du sein würdest,
wenn die Generalstaaten dich bezahlten. Seliges Geschöpf, das den Mangel
seiner Glückseligkeit einer irdischen Hindernis zuschreiben kann! Du fühlst
nicht, du fühlst nicht, daß in deinem zerstörten Herzen, in
deinem zerrütteten Gehirne dein Elend liegt, wovon alle Könige der
Erde dir nicht helfen können. Müsse der trostlos umkommen, der eines
Kranken spottet, der nach der entferntesten Quelle reist, die seine Krankheit
vermehren, sein Ausleben schmerzhafter machen wird! Der sich über das bedrängte
Herz erhebt, das, um seine Gewissensbisse loszuwerden und die Leiden seiner
Seele abzutun, eine Pilgrimschaft nach dem heiligen Grabe tut. Jeder Fußtritt,
der seine Sohlen auf ungebahntem Wege durchschneidet, ist ein Linderungstropfen
der geängsteten Seele, und mit jeder ausgedauerten Tagereise legt sich
das Herz um viele Bedrängnisse leichter nieder.--Und dürft ihr das
Wahn nennen, ihr Wortkrämer auf euren Polstern?--Wahn!--o Gott! Du siehst
meine Tränen! Mußtest du, der du den Menschen arm genug erschufst,
ihm auch Brüder zugeben, die ihm das bißchen Armut, das bißchen
Vertrauen noch raubten, das er auf dich hat, auf dich, du Allliebender! Denn
das Vertrauen zu einer heilenden Wurzel, zu den Tränen des Weinstockes,
was ist es als Vertrauen zu dir, daß du in alles, was uns umgibt, Heil--und
Linderungskraft gelegt hast, der wir so stündlich bedürfen? Vater,
den ich nicht kenne! Vater, der sonst meine ganze Seele füllte und nun
sein Angesicht von mir gewendet hat, rufe mich zu dir! Schweige nicht länger!
Dein Schweigen wird diese dürstende Seele nicht aufhalten--und würde
ein Mensch, ein Vater, zürnen können, dem sein unvermutet rückkehrender
Sohn um den Hals fiele und riefe: "ich bin wieder da, mein Vater! Zürne
nicht, daß ich die Wanderschaft abbreche, die ich nach deinem Willen länger
aushalten sollte. Die Welt ist überall einerlei, auf Mühe und Arbeit
Lohn und Freude; aber was soll mir das? Mir ist nur wohl, wo du bist, und vor
deinem Angesichte will ich leiden und genießen."--Und du, lieber
himmlischer Vater, solltest ihn von dir weisen?
Am 1. Dezember 1772
Wilhelm! Der Mensch, von dem ich dir schrieb, der glückliche Unglückliche,
war Schreiber bei Lottens Vater, und eine Leidenschaft zu ihr, die er nährte,
verbarg, entdeckte und worüber er aus dem Dienst geschickt wurde, hat ihn
rasend gemacht. Fühle bei diesen trocknen Worten, mit welchem Unsinn mich
die Geschichte ergriffen hat, da mir sie Albert ebenso gelassen erzählte,
als du sie vielleicht liesest.
Am 4. Dezember 1772
Ich bitte dich--siehst du, mit mir ist's aus, ich trag' es nicht länger!
Heute saß ich bei ihr--saß, sie spielte auf ihrem Klavier, mannigfaltige
Melodien, und all den Ausdruck! All!--All!--Was willst du?--Ihr Schwesterchen
putzte ihre Puppe auf meinem Knie. Mir kamen die Tränen in die Augen. Ich
neigte mich, und ihr Trauring fiel mir ins Gesicht--meine Tränen flossen--und
auf einmal fiel sie in die alte, himmelsüße Melodie ein, so auf einmal,
und mir durch die Seele gehn ein Trostgefühl und eine Erinnerung des Vergangenen,
der Zeiten, da ich das Lied gehört, der düstern Zwischenräume
des Verdrusses, der fehlgeschlagenen Hoffnungen, und dann--ich ging in der Stube
auf und nieder, mein Herz erstickte unter dem Zudringen. --"Um Gottes willen,"
sagte ich, mit einem heftigen Ausbruch hin gegen sie fahrend, "um Gottes
willen, hören Sie auf!"--Sie hielt und sah mich starr an." Werther,
"sagte sie mit einem Lächeln, das mir durch die Seele ging, "Werther,
Sie sind sehr krank, Ihre Lieblingsgerichte widerstehen Ihnen. Gehen Sie! Ich
bitte Sie, beruhigen Sie sich." --Ich riß mich von ihr weg und--Gott!
Du siehst mein Elend und wirst es enden.
Am 6. Dezember 1772
Wie mich die Gestalt verfolgt! Wachend und träumend füllt sie meine
ganze Seele! Hier, wenn ich die Augen schließe, hier in meiner Stirne,
wo die innere Sehkraft sich vereinigt, stehen ihre schwarzen Augen. Hier! Ich
kann dir es nicht ausdrücken. Mache ich meine Augen zu, so sind sie da;
wie ein Meer, wie ein Abgrund ruhen sie vor mir, in mir, füllen die Sinne
meiner Stirn.
Was ist der Mensch, der gepriesene Halbgott! Ermangeln ihm nicht eben da die
Kräfte, wo er sie am nötigsten braucht? Und wenn er in Freude sich
aufschwingt oder im Leiden versinkt, wird er nicht in beiden eben da aufgehalten,
eben da zu dem stumpfen, kalten Bewußtsein wieder zurückgebracht,
da er sich in der Fülle des Unendlichen zu verlieren sehnte?
Der Herausgeber an den Leser
Wie sehr wünscht' ich, daß uns von den letzten merkwürdigen
Tagen unsers Freundes so viel eigenhändige Zeugnisse übrig geblieben
wären, daß ich nicht nötig hätte, die Folge seiner hinterlaßnen
Briefe durch Erzählung zu unterbrechen.
Ich habe mir angelegen sein lassen, genaue Nachrichten aus dem Munde derer
zu sammeln, die von seiner Geschichte wohl unterrichtet sein konnten; sie ist
einfach, und es kommen alle Erzählungen davon bis auf wenige Kleinigkeiten
miteinander überein; nur über die Sinnesarten der handelnden Personen
sind die Meinungen verschieden und die Urteile geteilt.
Was bleibt uns übrig, als dasjenige, was wir mit wiederholter Mühe
erfahren können, gewissenhaft zu erzählen, die von dem Abscheidenden
hinterlaßnen Briefe einzuschalten und das kleinste aufgefundene Blättchen
nicht gering zu achten; zumal da es so schwer ist, die eigensten, wahren Triebfedern
auch nur einer einzelnen Handlung zu entdecken, wenn sie unter Menschen vorgeht,
die nicht gemeiner Art sind.
Unmut und Unlust hatten in Werthers Seele immer tiefer Wurzel geschlagen, sich
fester untereinander verschlungen und sein ganzes Wesen nach und nach eingenommen.
Die Harmonie seines Geistes war völlig zerstört, eine innerliche Hitze
und Heftigkeit, die alle Kräfte seiner Natur durcheinanderarbeitete, brachte
die widrigsten Wirkungen hervor und ließ ihm zuletzt nur eine Ermattung
übrig, aus der er noch ängstlicher empor strebte, als er mit allen
Übeln bisher gekämpft hatte. Die Beängstigung seines Herzens
zehrte die übrigen Kräfte seines Geistes, seine Lebhaftigkeit, seinen
Scharfsinn auf, er ward ein trauriger Gesellschafter, immer unglücklicher,
und immer ungerechter, je unglücklicher er ward. Wenigstens sagen dies
Alberts Freunde; sie behaupten, daß Werther einen reinen, ruhigen Mann,
der nun eines lang gewünschten Glückes teilhaftig geworden, und sein
Betragen, sich dieses Glück auch auf die Zukunft zu erhalten, nicht habe
beurteilen können, er, der gleichsam mit jedem Tage sein ganzes Vermögen
verzehrte, um an dem Abend zu leiden und zu darben. Albert, sagen sie, hatte
sich in so kurzer Zeit nicht verändert, er war noch immer derselbige, den
Werther so vom Anfang her kannte, so sehr schätzte und ehrte. Er liebte
Lotten über alles, er war stolz auf sie und wünschte sie auch von
jedermann als das herrlichste Geschöpf anerkannt zu wissen. War es ihm
daher zu verdenken, wenn er auch jeden Schein des Verdachtes abzuwenden wünschte,
wenn er in dem Augenblicke mit niemand diesen köstlichen Besitz auch auf
die unschuldigste Weise zu teilen Lust hatte? Sie gestehen ein, daß Albert
oft das Zimmer seiner Frau verlassen, wenn Werther bei ihr war, aber nicht aus
Haß noch Abneigung gegen seinen Freund, sondern nur weil er gefühlt
habe, daß dieser von seiner Gegenwart gedrückt sei.
Lottens Vater war von einem Übel befallen worden, das ihn in der Stube
hielt, er schickte ihr seinen Wagen, und sie fuhr hinaus. Es war ein schöner
Wintertag, der erste Schnee war stark gefallen und deckte die ganze Gegend.
Werther ging ihr den andern Morgen nach, um, wenn Albert sie nicht abzuholen
käme, sie hereinzubegleiten.
Das klare Wetter konnte wenig auf sein trübes Gemüt wirken, ein dumpfer
Druck auf seiner Seele, die traurigen Bilder hatten sich bei ihm festgesetzt,
und sein Gemüt kannte keine Bewegung als von einem schmerzlichen Gedanken
zum andern.
Wie er mit sich in ewigem Unfrieden lebte, schien ihm auch der Zustand andrer
nur bedenklicher und verworrner, er glaubte, das schöne Verhältnis
zwischen Albert und seiner Gattin gestört zu haben, er machte sich Vorwürfe
darüber, in die sich ein heimlicher Unwille gegen den Gatten mischte.
Seine Gedanken fielen auch unterwegs auf diesen Gegenstand. "Ja, ja,"
sagte er zu sich selbst, mit heimlichem Zähneknirschen, "das ist der
vertraute, freundliche, zärtliche, an allem teilnehmende Umgang, die ruhige,
dauernde Treue! Sättigkeit ist's und Gleichgültigkeit! Zieht ihn nicht
jedes elende Geschäft mehr an als die teure, köstliche Frau? Weiß
er sein Glück zu schätzen? Weiß er sie zu achten, wie sie es
verdient? Er hat sie, nun gut, er hat sie--ich weiß das, wie ich was anders
auch weiß, ich glaube an den Gedanken gewöhnt zu sein, er wird mich
noch rasend machen, er wird mich noch umbringen--und hat denn die Freundschaft
zu mir Stich gehalten? Sieht er nicht in meiner Anhänglichkeit an Lotten
schon einen Eingriff in seine Rechte, in meiner Aufmerksamkeit für sie
einen Stillen Vorwurf? Ich weiß es wohl, ich fühl' es, er sieht mich
ungern, er wünscht meine Entfernung, meine Gegenwart ist ihm beschwerlich."
Oft hielt er seinen raschen Schritt an, oft stand er stille und schien umkehren
zu wollen; allein er richtete seinen Gang immer wieder vorwärts und war
mit diesen Gedanken und Selbstgesprächen endlich gleichsam wider Willen
bei dem Jagdhause angekommen.
Er trat in die Tür, fragte nach dem Alten und nach Lotten, er fand das
Haus in einiger Bewegung. Der älteste Knabe sagte ihm, es sei drüben
in Wahlheim ein Unglück geschehn, es sei ein Bauer erschlagen worden!--Es
machte das weiter keinen Eindruck auf ihn.--Er trat in die Stube und fand Lotten
beschäftigt, dem Alten zuzureden, der ungeachtet seiner Krankheit hinüber
wollte, um an Ort und Stelle die Tat zu untersuchen. Der Täter war noch
unbekannt, man hatte den Erschlagenen des Morgens vor der Haustür gefunden,
man hatte Mutmaßungen: der Entleibte war Knecht einer Witwe, die vorher
einen andern im Dienste gehabt, der mit Unfrieden aus dem Hause gekommen war.
Da Werther dieses hörte, fuhr er mit Heftigkeit auf.--"Ist's möglich!"
rief er aus, "ich muß hinüber, ich kann nicht einen Augenblick
ruhn."--Er eilte nach Wahlheim zu, jede Erinnerung ward ihm lebendig, und
er zweifelte nicht einen Augenblick, daß jener Mensch die Tat begangen,
den er so manchmal gesprochen, der ihm so wert geworden war.
Da er durch die Linden mußte, um nach der Schenke zu kommen, wo sie den
Körper hingelegt hatten, entsetzt' er sich vor dem sonst so geliebten Platze.
Jene Schwelle, worauf die Nachbarskinder so oft gespielt hatten, war mit Blut
besudelt. Liebe und Treue, die schönsten menschlichen Empfindungen, hatten
sich in Gewalt und Mord verwandelt. Die starken Bäume standen ohne Laub
und bereift, die schönen Hecken, die sich über die niedrige Kirchhofmauer
wölbten, waren entblättert, und die Grabsteine sahen mit Schnee bedeckt
durch die Lücken hervor.
Als er sich der Schenke näherte, vor welcher das ganze Dorf versammelt
war, entstand auf einmal ein Geschrei. Man erblickte von fern einen Trupp bewaffneter
Männer, und ein jeder rief, daß man den Täter herbeiführe.
Werther sah hin und blieb nicht lange zweifelhaft. Ja, es war der Knecht, der
jene Witwe so sehr liebte, den er vor einiger Zeit mit dem stillen Grimme, mit
der heimlichen Verzweiflung umhergehend angetroffen hatte.
"Was hast du begangen, Unglücklicher!" rief Werther aus, indem
er auf den Gefangenen losging.--Dieser sah ihn still an, schwieg und versetzte
endlich ganz gelassen: "keiner wird sie haben, sie wird keinen haben."--Man
brachte den Gefangnen in die Schenke, und Werther eilte fort.
Durch die entsetzliche, gewaltige Berührung war alles, was in seinem Wesen
lag, durcheinandergeschüttelt worden. Aus seiner Trauer, seinem Mißmut,
seiner gleichgültigen Hingegebenheit wurde er auf einen Augenblick herausgerissen;
unüberwindlich bemächtigte sich die Teilnehmung seiner, und es ergriff
ihn eine unsägliche Begierde, den Menschen zu retten. Er fühlte ihn
so unglücklich, er fand ihn als Verbrecher selbst so schuldlos, er setzte
sich so tief in seine Lage, daß er gewiß glaubte, auch andere davon
zu überzeugen. Schon wünschte er für ihn sprechen zu können,
schon drängte sich der lebhafteste Vortrag nach seinen Lippen, er eilte
nach dem Jagdhause und konnte sich unterwegs nicht enthalten, alles das, was
er dem Amtmann vorstellen wollte, schon halblaut auszusprechen.
Als er in die Stube trat, fand er Alberten gegenwärtig, dies verstimmte
ihn einen Augenblick; doch faßte er sich bald wieder und trug dem Amtmann
feurig seine Gesinnungen vor. Dieser schüttelte einigemal den Kopf, und
obgleich Werther mit der größten Lebhaftigkeit, Leidenschaft und
Wahrheit alles vorbrachte, was ein Mensch zur Entschuldigung eines Menschen
sagen kann, so war doch, wie sich's leicht denken läßt, der Amtmann
dadurch nicht gerührt. Er ließ vielmehr unsern Freund nicht ausreden,
widersprach ihm eifrig und tadelte ihn, daß er einen Meuchelmörder
in Schutz nehme; er zeigte ihm, daß auf diese Weise jedes Gesetz aufgehoben,
alle Sicherheit des Staats zugrunde gerichtet werde; auch setzte er hinzu, daß
er in einer solchen Sache nichts tun könne, ohne sich die größte
Verantwortung aufzuladen, es müsse alles in der Ordnung, in dem vorgeschriebenen
Gang gehen.
Werther ergab sich noch nicht, sondern bat nur, der Amtmann möchte durch
die Finger sehn, wenn man dem Menschen zur Flucht behülflich wäre!
Auch damit wies ihn der Amtmann ab. Albert, der sich endlich ins Gespräch
mischte, trat auch auf des Alten Seite. Werther wurde überstimmt, und mit
einem entsetzlichen Leiden machte er sich auf den Weg, nachdem ihm der Amtmann
einigemal gesagt hatte: "nein, er ist nicht zu retten!"
Wie sehr ihm diese Worte aufgefallen sein müssen, sehn wir aus einem Zettelchen,
das sich unter seinen Papieren fand und das gewiß an dem nämlichen
Tage geschrieben worden:
"Du bist nicht zu retten, Unglücklicher! Ich sehe wohl, daß
wir nicht zu retten sind."
Was Albert zuletzt über die Sache des Gefangenen in Gegenwart des Amtmanns
gesprochen, war Werthern höchst zuwider gewesen: er glaubte einige Empfindlichkeit
gegen sich darin bemerkt zu haben, und wenn gleich bei mehrerem Nachdenken seinem
Scharfsinne nicht entging, daß beide Männer recht haben möchten,
so war es ihm doch, als ob er seinem innersten Dasein entsagen müßte,
wenn er es gestehen, wenn er es zugeben sollte.
Ein Blättchen, das sich darauf bezieht, das vielleicht sein ganzes Verhältnis
zu Albert ausdrückt, finden wir unter seinen Papieren: "Was hilft
es, daß ich mir's sage und wieder sage, er ist brav und gut, aber es zerreißt
mir mein inneres Eingeweide; ich kann nicht gerecht sein."
Weil es ein gelinder Abend war und das Wetter anfing, sich zum Tauen zu neigen,
ging Lotte mit Alberten zu Fuße zurück. Unterwegs sah sie sich hier
und da um, eben als wenn sie Werthers Begleitung vermißte. Albert fing
von ihm an zu reden, er tadelte ihn, indem er ihm Gerechtigkeit widerfahren
ließ. Er berührte seine unglückliche Leidenschaft und wünschte,
daß es möglich sein möchte, ihn zu entfernen.--"Ich wünsch'
es auch um unsertwillen," sagt' er, "und ich bitte dich," fuhr
er fort, "siehe zu, seinem Betragen gegen dich eine andere Richtung zu
geben, seine öftern Besuche zu vermindern. Die Leute werden aufmerksam,
und ich weiß, daß man hier und da drüber gesprochen hat."--Lotte
schwieg, und Albert schien ihr Schweigen empfunden zu haben, wenigstens seit
der Zeit erwähnte er Werthers nicht mehr gegen sie, und wenn sie seiner
erwähnte, ließ er das Gespräch fallen oder lenkte es woanders
hin.
Der vergebliche Versuch, den Werther zur Rettung des Unglücklichen gemacht
hatte, war das letzte Auflodern der Flamme eines verlöschenden Lichtes;
er versank nur desto tiefer in Schmerz und Untätigkeit; besonders kam er
fast außer sich, als er hörte, daß man ihn vielleicht gar zum
Zeugen gegen den Menschen, der sich nun aufs Leugnen legte, auffordern könnte.
Alles was ihm Unangenehmes jeweils in seinem wirksamen Leben begegnet war,
der Verdruß bei der Gesandtschaft, alles was ihm sonst mißlungen
war, was ihn je gekränkt hatte, ging in seiner Seele auf und nieder. Er
fand sich durch alles dieses wie zur Untätigkeit berechtigt, er fand sich
abgeschnitten von aller Aussicht, unfähig, irgendeine Handhabe zu ergreifen,
mit denen man die Geschäfte des gemeinen Lebens anfaßt; und so rückte
er endlich, ganz seiner wunderbaren Empfindung, Denkart und einer endlosen Leidenschaft
hingegeben, in dem ewigen Einerlei eines traurigen Umgangs mit dem liebenswürdigen
und geliebten Geschöpfe, dessen Ruhe er störte, in seine Kräfte
stürmend, sie ohne Zweck und Aussicht abarbeitend, immer einem traurigen
Ende näher.
Von seiner Verworrenheit, Leidenschaft, von seinem rastlosen Treiben und Streben,
von seiner Lebensmüde sind einige hinterlaßne Briefe die stärksten
Zeugnisse, die wir hier einrücken wollen.
Am 12. Dezember 1772
Lieber Wilhelm, ich bin in einem Zustande, in dem jene Unglücklichen gewesen
sein müssen, von denen man glaubte, sie würden von einem bösen
Geiste umhergetrieben. Manchmal ergreift mich's; es ist nicht Angst, nicht Begier--es
ist ein inneres, unbekanntes Toben, das meine Brust zu zerreißen droht,
das mir die Gurgel zupreßt! Wehe! Wehe! Und dann schweife ich umher in
den furchtbaren nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahrszeit.
Gestern abend mußte ich hinaus. Es war plötzlich Tauwetter eingefallen,
ich hatte gehört, der Fluß sei übergetreten, alle Bäche
geschwollen und von Wahlheim herunter mein liebes Tal überschwemmt! Nachts
nach eilfe rannte ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel, vom Fels herunter
die wühlenden Fluten in dem Mondlichte wirbeln zu sehen, über Äcker
und Wiesen und Hecken und alles, und das weite Tal hinauf und hinab eine stürmende
See im Sausen des Windes! Und wenn dann der Mond wieder hervortrat und über
der schwarzen Wolke ruhte, und vor mir hinaus die Flut in fürchterlich
herrlichem Widerschein rollte und klang: da überfiel mich ein Schauer,
und wieder ein Sehnen! Ach, mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund und
atmete hinab! Hinab! Und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden
da hinabzustürmen! Dahinzubrausen wie die Wellen! O!--Und den Fuß
vom Boden zu heben vermochtest du nicht, und alle Qualen zu enden! --Meine Uhr
ist noch nicht ausgelaufen, ich fühle es! O Wilhelm! Wie gern hätte
ich mein Menschsein drum gegeben, mit jenem Sturmwinde sie Wolken zu zerreißen,
die Fluten zu fassen! Ha! Und wird nicht vielleicht dem Eingekerkerten einmal
diese Wonne zuteil?
--Und wie ich wehmütig hinabsah auf ein Plätzchen, wo ich mit Lotten
unter einer Weide geruht, auf einem heißen Spaziergange,--das war auch
überschwemmt, und kaum daß ich die Weide erkannte! Wilhelm! Und ihre
Wiesen, dachte ich, die Gegend um ihr Jagdhaus! Wie verstört jetzt vom
reißenden Strome unsere Laube! Dacht' ich. Und der Vergangenheit Sonnenstrahl
blickte herein, wie einem Gefangenen ein Traum von Herden, Wiesen und Ehrenämtern.
Ich stand!--Ich schelte mich nicht, denn ich habe Mut zu sterben.--Ich hätte--nun
sitze ich hier wie ein altes Weib, das ihr Holz von Zäunen stoppelt und
ihr Brot an den Türen, um ihr hinsterbendes, freudeloses Dasein noch einen
Augenblick zu verlängern und zu erleichtern.
Am 14. Dezember 1772
Was ist das, mein Lieber? Ich erschrecke vor mir selbst! Ist nicht meine Liebe
zu ihr die heiligste, reinste, brüderlichste Liebe? Habe ich jemals einen
strafbaren Wunsch in meiner Seele gefühlt?--Ich will nicht beteuern--und
nun, Träume! O wie wahr fühlten die Menschen, die so widersprechende
Wirkungen fremden Mächten zuschrieben! Diese Nacht! Ich zittere, es zu
sagen, hielt ich sie in meinen Armen, fest an meinen Busen gedrückt, und
deckte ihren liebelispelnden Mund mit unendlichen Küssen; mein Auge schwamm
in der Trunkenheit des ihrigen! Gott! Bin ich strafbar, daß ich auch jetzt
noch eine Seligkeit fühle, mir diese glühenden Freuden mit voller
Innigkeit zurückzurufen? Lotte! Lotte!--Und mit mir ist es aus! Meine Sinne
verwirren sich, schon acht Tage habe ich keine Besinnungskraft mehr, meine Augen
sind voll Tränen. Ich bin nirgend wohl, und überall wohl. Ich wünsche
nichts, verlange nichts. Mir wäre besser, ich ginge.
Der Entschluß, die Welt zu verlassen, hatte in dieser Zeit, unter solchen
Umständen in Werthers Seele immer mehr Kraft gewonnen. Seit der Rückkehr
zu Lotten war es immer seine letzte Aussicht und Hoffnung gewesen; doch hatte
er sich gesagt, es solle keine übereilte, keine rasche Tat sein, er wolle
mit der besten Überzeugung, mit der möglichst ruhigen Entschlossenheit
diesen Schritt tun.
Seine Zweifel, sein Streit mit sich selbst blicken aus einem Zettelchen hervor,
das wahrscheinlich ein angefangener Brief an Wilhelm ist und ohne Datum unter
seinen Papieren gefunden worden:
Ihre Gegenwart, ihr Schicksal, ihre Teilnehmung an dem meinigen preßt
noch die letzten Tränen aus meinem versengten Gehirne. Den Vorhang aufzuheben
und dahinter zu treten! Das ist alles! Und warum das Zaudern und Zagen? Weil
man nicht weiß, wie es dahinten aussieht? Und man nicht wiederkehrt? Und
daß das nun die Eigenschaft unseres Geistes ist, da Verwirrung und Finsternis
zu ahnen, wovon wir nichts Bestimmtes wissen.
Endlich ward er mit dem traurigen Gedanken immer mehr verwandt und befremdet
und sein Vorsatz fest und unwiderruflich, wovon folgender zweideutige Brief,
den er an seinen Freund schrieb, ein Zeugnis abgibt.
Am 20. Dezember 1772
Ich danke deiner Liebe, Wilhelm, daß du das Wort so aufgefangen hast.
Ja, du hast recht: mir wäre besser, ich ginge. Der Vorschlag, den du zu
einer Rückkehr zu euch tust, gefällt mir nicht ganz; wenigstens möchte
ich noch gern einen Umweg machen, besonders da wir anhaltenden Frost und gute
Wege zu hoffen haben. Auch ist mir es sehr lieb, daß du kommen willst,
mich abzuholen; verziehe nur noch vierzehn Tage, und erwarte noch einen Brief
von mir mit dem Weiteren. Es ist nötig, daß nichts gepflückt
werde, ehe es reif ist. Und vierzehn Tage auf oder ab tun viel. Meiner Mutter
sollst du sagen: daß sie für ihren Sohn beten soll, und daß
ich sie um Vergebung bitte wegen alles Verdrusses, den ich ihr gemacht habe.
Das war nun mein Schicksal, die zu betrüben, denen ich Freude schuldig
war. Leb' wohl, mein Teuerster! Allen Segen des Himmels über dich! Leb'
wohl!"
Was in dieser Zeit in Lottens Seele vorging, wie ihre Gesinnungen gegen ihren
Mann, gegen ihren unglücklichen Freund gewesen, getrauen wir uns kaum mit
Worten auszudrücken, ob wir uns gleich davon, nach der Kenntnis ihres Charakters,
wohl einen stillen Begriff machen können, und eine schöne weibliche
Seele sich in die ihrige denken und mit ihr empfinden kann.
So viel ist gewiß, sie war fest bei sich entschlossen, alles zu tun,
um Werthern zu entfernen, und wenn sie zauderte, so war es eine herzliche, freundschaftliche
Schonung, weil sie wußte, wie viel es ihm kosten, ja daß es ihm
beinahe unmöglich sein würde. Doch ward sie in dieser Zeit mehr gedrängt,
Ernst zu machen; es schwieg ihr Mann ganz über dies Verhältnis, wie
sie auch immer darüber geschwiegen hatte, und um so mehr war ihr angelegen,
ihm durch die Tat zu beweisen, wie ihre Gesinnungen der seinigen wert seien.
An demselben Tage, als Werther den zuletzt eingeschalteten Brief an seinen
Freund geschrieben, es war der Sonntag vor Weihnachten, kam er abends zu Lotten
und fand sie allein. Sie beschäftigte sich, einige Spielwerke in Ordnung
zu bringen, die sie ihren kleinen Geschwistern zum Christgeschenke zurecht gemacht
hatte. Er redete von dem Vergnügen, das die Kleinen haben würden,
und von den Zeiten, da einen die unerwartete Öffnung der Tür und die
Erscheinung eines aufgeputzten Baumes mit Wachslichtern, Zuckerwerk und äpfeln
in paradiesische Entzückung setzte.--"Sie sollen," sagte Lotte,
indem sie ihre Verlegenheit unter ein liebes Lächeln verbarg, "Sie
sollen auch beschert kriegen, wenn Sie recht geschickt sind; ein Wachsstöckchen
und noch was."--"Und was heißen Sie geschickt sein?"rief
er aus;"wie soll ich sein? Wie kann ich sein? Beste Lotte!"--"Donnerstag
abend," sagte sie, "ist Weihnachtsabend, da kommen die Kinder, mein
Vater auch, da kriegt jedes das Seinige, da kommen Sie auch--aber nicht eher."--Werther
stutzte.--"Ich bitte Sie," fuhr sie fort, "es ist nun einmal
so, ich bitte um meiner Ruhe willen, es kann nicht, es kann nicht so bleiben."--Er
wendete seine Augen von ihr und ging in der Stube auf und ab und murmelte das
"es kann nicht so bleiben!" zwischen den Zähnen.--Lotte, die
den schrecklichen Zustand fühlte, worein ihn diese Worte versetzt hatten,
suchte durch allerlei Fragen seine Gedanken abzulenken, aber vergebens.--"Nein,
Lotte," rief er aus, "ich werde Sie nicht wiedersehen!"--"Warum
das?" versetzte sie, "Werther, Sie können, Sie müssen uns
wiedersehen, nur mäßigen Sie sich. O warum mußten Sie mit dieser
Heftigkeit, dieser unbezwinglich haftenden Leidenschaft für alles, was
Sie einmal anfassen, geboren werden! Ich bitte Sie," fuhr sie fort, indem
sie ihn bei der Hand nahm, "mäßigen Sie sich! Ihr Geist, Ihre
Wissenschaften, Ihre Talente, was bieten die Ihnen für mannigfaltige Ergetzungen
dar! Sein Sie ein Mann, wenden Sie diese traurige Anhänglichkeit von einem
Geschöpf, das nichts tun kann als Sie bedauern."--Er knirrte mit den
Zähnen und sah sie düster an.--Sie hielt seine Hand. "Nur einen
Augenblick ruhigen Sinn, Werther!" sagte sie. Fühlen Sie nicht, daß
Sie sich betriegen, sich mit Willen zugrunde richten! Warum denn mich, Werther?
Just mich, das Eigentum eines andern? Just das? Ich fürchte, ich fürchte,
es ist nur die Unmöglichkeit, mich zu besitzen, die Ihnen diesen Wunsch
so reizend macht."--Er zog seine Hand aus der ihrigen, indem er sie mit
einem starren, unwilligen Blick ansah. "Weise!" rief er, "sehr
weise! Hat vielleicht Albert diese Anmerkung gemacht? Politisch! Sehr politisch!"
--"Es kann sie jeder machen," versetzte sie drauf, "und sollte
denn in der weiten Welt kein Mädchen sein, das die Wünsche Ihres Herzens
erfüllte? Gewinnen Sie's über sich, suchen Sie darnach, und ich schwöre
Ihnen, Sie werden sie finden; denn schon lange ängstigt mich, für
Sie und uns, die Einschränkung, in die Sie sich diese Zeit her selbst gebannt
haben. Gewinnen Sie über sich, eine Reise wird Sie, muß Sie zerstreuen!
Suchen Sie, finden Sie einen werten Gegenstand Ihrer Liebe, und kehren Sie zurück,
und lassen Sie uns zusammen die Seligkeit einer wahren Freundschaft genießen."
"Das könnte man," sagte er mit einem kalten Lachen, "drucken
lassen und allen Hofmeistern empfehlen. Liebe Lotte! Lassen Sie mir noch ein
klein wenig Ruh, es wird alles werden!"--"Nur das, Werther, daß
Sie nicht eher kommen als Weihnachtsabend!"--Er wollte antworten, und Albert
trat in die Stube. Man bot sich einen frostigen Guten Abend und ging verlegen
im Zimmer neben einander auf und nieder. Werther fing einen unbedeutenden Diskurs
an, der bald aus war, Albert desgleichen, der sodann seine Frau nach gewissen
Aufträgen fragte und, als er hörte, sie seien noch nicht ausgerichtet,
ihr einige Worte sagte, die Werthern kalt, ja gar hart vorkamen. Er wollte gehen,
er konnte nicht und zauderte bis acht, da sich denn sein Unmut und Unwillen
immer vermehrte, bis der Tisch gedeckt wurde, und er Hut und Stock nahm. Albert
lud ihn zu bleiben, er aber, der nur ein unbedeutendes Kompliment zu hören
glaubte, dankte kalt dagegen und ging weg.
Er kam nach Hause, nahm seinem Burschen, der ihm leuchten wollte, das Licht
aus der Hand und ging allein in sein Zimmer, weinte laut, redete aufgebracht
mit sich selbst, ging heftig die Stube auf und ab und warf sich endlich in seinen
Kleidern aufs Bette, wo ihn der Bediente fand, der es gegen eilfe wagte hineinzugehn,
um zu fragen, ob er dem Herrn die Stiefeln ausziehen sollte, das er denn zuließ
und dem Bedienten verbot, den andern Morgen ins Zimmer zu kommen, bis er ihm
rufen würde.
Montags früh, den einundzwanzigsten Dezember, schrieb er folgenden Brief
an Lotten, den man nach seinem Tode versiegelt auf seinem Schreibtische gefunden
und ihr überbracht hat, und den ich absatzweise hier einrücken will,
so wie aus den Umständen erhellet, daß er ihn geschrieben habe.
"Es ist beschlossen, Lotte, ich will sterben, und das schreibe ich dir
ohne romantische überspannung, gelassen, an dem Morgen des Tages, an dem
ich dich zum letzten Male sehen werde. Wenn du dieses liesest, meine Beste,
deckt schon das kühle Grab die erstarrten Reste des Unruhigen, Unglücklichen,
der für die letzten Augenblicke seines Lebens keine größere
Süßigkeit weiß, als sich mit dir zu unterhalten. Ich habe eine
schreckliche Nacht gehabt und, ach, eine wohltätige Nacht. Sie ist es,
die meinen Entschluß befestiget, bestimmt hat: ich will sterben! Wie ich
mich gestern von dir riß, in der fürchterlichen Empörung meiner
Sinne, wie sich alles das nach meinem Herzen drängte und mein hoffnungsloses,
freudeloses Dasein neben dir in gräßlicher Kälte mich anpackte--ich
erreichte kaum mein Zimmer, ich warf mich außer mir auf meine Knie, und
o Gott! Du gewährtest mir das letzte Labsal der bittersten Tränen!
Tausend Anschläge, tausend Aussichten wüteten durch meine Seele, und
zuletzt stand er da, fest, ganz, der letzte, einzige Gedanke: ich will sterben!--ich
legte mich nieder, und morgens, in der Ruhe des Erwachens, steht er noch fest,
noch ganz stark in meinem Herzen: ich will sterben!--es ist nicht Verzweiflung,
es ist Gewißheit, daß ich ausgetragen habe, und daß ich mich
opfere für dich. Ja, Lotte! Warum sollte ich es verschweigen? Eins von
uns dreien muß hinweg, und das will ich sein! O meine Beste! In diesem
zerrissenen Herzen ist es wütend herumgeschlichen, oft--deinen Mann zu
ermorden!--dich!--mich! --so sei es denn!--wenn du hinaufsteigst auf den Berg,
an einem schönen Sommerabende, dann erinnere dich meiner, wie ich so oft
das Tal heraufkam, und dann blicke nach dem Kirchhofe hinüber nach meinem
Grabe, wie der Wind das hohe Gras im Scheine der sinkenden Sonne hin und her
wiegt.--Ich war ruhig, da ich anfing, nun, nun weine ich wie ein Kind, da alles
das so lebhaft um mich wird.--"
Gegen zehn Uhr rief Werther seinem Bedienten, und unter dem Anziehen sagte
er ihm, wie er in einigen Tagen verreisen würde, er solle daher die Kleider
auskehren und alles zum Einpacken zurecht machen; auch gab er ihm Befehl, überall
Kontos zu fordern, einige ausgeliehene Bücher abzuholen und einigen Armen,
denen er wöchentlich etwas zu geben gewohnt war, ihr Zugeteiltes auf zwei
Monate voraus zu bezahlen.
Er ließ sich das Essen auf die Stube bringen, und nach Tische ritt er
hinaus zum Amtmanne, den er nicht zu Hause antraf. Er ging tiefsinnig im Garten
auf und ab und schien noch zuletzt alle Schwermut der Erinnerung auf sich häufen
zu wollen.
Die Kleinen ließen ihn nicht lange in Ruhe, sie verfolgten ihn, sprangen
an ihm hinauf, erzählen ihm, daß, wenn morgen, und wieder morgen,
und noch ein Tag wäre, sie die Christgeschenke bei Lotten holten, und erzählten
ihm Wunder, die sich ihre kleine Einbildungskraft versprach.--"morgen!"
rief er aus, "und wieder morgen! Und noch ein Tag!"--und küßte
sie alle herzlich und wollte sie verlassen, als ihm der Kleine noch etwas in
das Ohr sagen wollte. Der verriet ihm, die großen Brüder hätten
schöne Neujahrswünsche geschrieben, so groß! Und einen für
den Papa, für Albert und Lotten einen und auch einen für Herrn Werther;
die wollten sie am Neujahrstage früh überreichen. Das übermannte
ihn, er schenkte jedem etwas, setzte sich zu Pferde, ließ den Alten grüßen
und ritt mit Tränen in den Augen davon.
Gegen fünf kam er nach Hause, befahl der Magd, nach dem Feuer zu sehen
und es bis in die Nacht zu unterhalten. Den Bedienten hieß er Bücher
und Wäsche unten in den Koffer packen und die Kleider einnähen. Darauf
schrieb er wahrscheinlich folgenden Absatz seines letzten Briefes an Lotten.
"Du erwartest mich nicht! Du glaubst, ich würde gehorchen und erst
Weihnachtsabend dich wieder sehn. O Lotte! Heut oder nie mehr. Weihnachtsabend
hältst du dieses Papier in deiner Hand, zitterst und benetzest es mit deinen
lieben Tränen. Ich will, ich muß! O wie wohl ist es mir, daß
ich entschlossen bin."
Lotte war indes in einen sonderbaren Zustand geraten. Nach der letzten Unterredung
mit Werthern hatte sie empfunden, wie schwer es ihr fallen werde, sich von ihm
zu trennen, was er leiden würde, wenn er sich von ihr entfernen sollte.
Es war wie im Vorübergehn in Alberts Gegenwart gesagt worden, daß
Werther vor Weihnachtsabend nicht wieder kommen werde, und Albert war zu einem
Beamten in der Nachbarschaft geritten, mit dem er Geschäfte abzutun hatte,
und wo er über Nacht ausbleiben mußte.
Sie saß nun allein, keins von ihren Geschwistern war um sie, sie überließ
sich ihren Gedanken, die stille über ihren Verhältnissen herumschweiften.
Sie sah sich nun mit dem Mann auf ewig verbunden, dessen Liebe und Treue sie
kannte, dem sie von Herzen zugetan war, dessen Ruhe, dessen Zuverlässigkeit
recht vom Himmel dazu bestimmt zu sein schien, daß eine wackere Frau das
Glück ihres Lebens darauf gründen sollte; sie fühlte, was er
ihr und ihren Kindern auf immer sein würde. Auf der andern Seite war ihr
Werther so teuer geworden, gleich von dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft
an hatte sich die übereinstimmung ihrer Gemüter so schön gezeigt,
der lange dauernde Umgang mit ihm, so manche durchlebte Situationen hatten einen
unauslöschlichen Eindruck auf ihr Herz gemacht. Alles, was sie Interessantes
fühlte und dachte, war sie gewohnt mit ihm zu teilen, und seine Entfernung
drohte in ihr ganzes Wesen eine Lücke zu reißen, die nicht wieder
ausgefüllt werden konnte. O, hätte sie ihn in dem Augenblick zum Bruder
umwandeln können, wie glücklich wäre sie gewesen! Hätte
sie ihn einer ihrer Freundinnen verheiraten dürfen, hätte sie hoffen
können, auch sein Verhältnis gegen Albert ganz wieder herzustellen!
Sie hatte ihre Freundinnen der Reihe nach durchgedacht und fand bei einer jeglichen
etwas auszusetzen, fand keine, der sie ihn gegönnt hätte.
Über allen diesen Betrachtungen fühlte sie erst tief, ohne sich es
deutlich zu machen, daß ihr herzliches, heimliches Verlangen sei, ihn
für sich zu behalten, und sagte sich daneben, daß sie ihn nicht behalten
könne, behalten dürfe; ihr reines, schönes, sonst so leichtes
und leicht sich helfendes Gemüt empfand den Druck einer Schwermut, dem
die Aussicht zum Glück verschlossen ist. Ihr Herz war gepreßt, und
eine trübe Wolke lag über ihrem Auge.
So war es halb sieben geworden, als sie Werthern die Treppe heraufkommen hörte
und seinen Tritt, seine Stimme, die nach ihr fragte, bald erkannte. Wie schlug
ihr Herz, und wir dürfen fast sagen zum erstenmal, bei seiner Ankunft.
Sie hätte sich gern vor ihm verleugnen lassen, und als er hereintrat, rief
sie ihm mit einer Art von leidenschaftlicher Verwirrung entgegen: "Sie
haben nicht Wort gehalten."--"Ich habe nichts versprochen" war
seine Antwort.--"So hätten Sie wenigstens meiner Bitte stattgeben
sollen," versetzte sie, "ich bat Sie um unser beider Ruhe."
Sie wußte nicht recht, was sie sagte, ebensowenig was sie tat, als sie
nach einigen Freundinnen schickte, um nicht mit Werthern allein zu sein. Er
legte einige Bücher hin, die er gebracht hatte, fragte nach andern, und
sie wünschte, bald daß ihre Freundinnen kommen, bald daß sie
wegbleiben möchten. Das Mädchen kam zurück und brachte die Nachricht,
daß sich beide entschuldigen ließen.
Sie wollte das Mädchen mit ihrer Arbeit in das Nebenzimmer sitzen lassen;
dann besann sie sich wieder anders. Werther ging in der Stube auf und ab, sie
trat ans Klavier und fing eine Menuett an, sie wollte nicht fließen. Sie
nahm sich zusammen und setzte sich gelassen zu Werthern, der seinen gewöhnlchen
Platz auf dem Kanapee eingenommen hatte.
"Haben Sie nichts zu lesen?" sagte sie.--Er hatte nichts.--"Da
drin in meiner Schublade," fing sie an, "liegt Ihre Übersetzung
einiger Gesänge Ossians; ich habe sie noch nicht gelesen, denn ich hoffte
immer, sie von Ihnen zu hören; aber zeither hat sich's nicht finden, nicht
machen wollen."--Er lächelte, holte die Lieder, ein Schauer überfiel
ihn, als er sie in die Hände nahm, und die Augen standen ihm voll Tränen,
als er hineinsah. Er setzte sich nieder und las.
"Stern der dämmernden Nacht, schön funkelst du in Westen, habst
dein strahlend Haupt aus deiner Wolke, wandelst stattlich deinen Hügel
hin. Wornach blickst du auf die Heide? Die stürmenden Winde haben sich
gelegt; von ferne kommt des Gießbachs Murmeln; rauschende Wellen spielen
am Felsen ferne; das Gesumme der Abendfliegen schwärmet übers Feld.
Wornach siehst du, schönes Licht? Aber du lächelst und gehst, freudig
umgeben dich die Wellen und baden dein liebliches Haar. Lebe wohl, ruhiger Strahl.
Erscheine, du herrliches Licht von Ossians Seele!
Und es erscheint in seiner Kraft. Ich sehe meine geschiedenen Freunde, sie
sammeln sich auf Lora, wie in den Tagen, die vorüber sind.--Fingal kommt
wie eine feuchte Nebelsäule; um ihn sind seine Helden, und, siehe! Die
Barden des Gesanges: grauer Ullin! Stattlicher Ryno! Alpin, lieblicher Sänger!
Und du, sanft klagende Minona!--Wie verändert seid ihr, meine Freunde,
seit den festlichen Tagen auf Selma, da wir buhlten um die Ehre des Gesanges,
wie Frühlingslüfte den Hügel hin wechselnd beugen das schwach
lispelnde Gras.
Da trat Minona hervor in ihrer Schönheit, mit niedergeschlagenem Blick
und tränenvollem Auge, schwer floß ihr Haar im unsteten Winde, der
von dem Hügel herstieß.--Düster ward's in der Seele der Helden,
als sie die liebliche Stimme erhob; denn oft hatten sie das Grab Salgars gesehen,
oft die finstere Wohnung der weißen Colma. Colma, verlassen auf dem Hügel,
mit der harmonischen Stimme; Salgar versprach zu kommen; aber ringsum zog sich
die Nacht. Höret Colmas Stimme, da sie auf dem Hügel allein saß.
Colma. Es ist Nacht!--Ich bin allein, verloren auf dem stürmischen Hügel.
Der Wind saust im Gebirge. Der Strom heult den Felsen hinab. Keine Hütte
schützt mich vor Regen, mich Verlaßne auf dem stürmischen Hügel.
Tritt, o Mond, aus deinen Wolken, erscheinet, Sterne der Nacht! Leite mich irgend
ein Strahl zu dem Orte, wo meine Liebe ruht von den Beschwerden der Jagd, sein
Bogen neben ihm abgespannt, seine Hunde schnobend um ihn! Aber hier muß
ich sitzen allein auf dem Felsen des verwachsenen Stroms. Der Strom und der
Sturm saust, ich höre nicht die Stimme meines Geliebten.
Warum zaudert mein Salgar? Hat er sein Wort vergessen?--Da ist der Fels und
der Baum und hier der rauschende Strom! Mit einbrechender Nacht versprachst
du hier zu sein; ach! Wohin hat sich mein Salgar verirrt? Mit dir wollt' ich
fliehen, verlassen Vater und Bruder, die stolzen! Lange sind unsere Geschlechter
Feinde, aber wir sind keine Feinde, o Salgar!
Schweig eine Weile, o Wind! Still eine kleine Weile, o Strom, daß meine
Stimme klinge durchs Tal, daß mein Wanderer mich höre. Salgar! Ich
bin's, die ruft! Hier ist der Baum und der Fels! Salgar! Mein Lieber! Hier bin
ich; warum zauderst du zu kommen?
Sieh, der Mond erscheint, die Flut glänzt im Tale, die Felsen stehen grau
den Hügel hinauf; aber ich seh' ihn nicht auf der Höhe, seine Hunde
vor ihm her verkündigen nicht seine Ankunft. Hier muß ich sitzen
allein.
Aber wer sind, die dort unten liegen auf der Heide?--Mein Geliebter? Mein Bruder?--Redet,
o meine Freunde! Sie antworten nicht. Wie geängstigt ist meine Seele!--Ach
sie sind tot! Ihre Schwester rot vom Gefechte! O mein Bruder, mein Bruder, warum
hast du meinen Salgar erschlagen? O mein Salgar, warum hast du meinen Bruder
erschlagen? Ihr wart mir beide so lieb! O du warst schön an dem Hügel
unter Tausenden! Es war schrecklich in der Schlacht. Antwortet mir! Hört
meine Stimme, meine Geliebten! Aber ach, sie sind stumm, stumm auf ewig! Kalt
wie die Erde ist ihr Busen!
O von dem Felsen des Hügels, von dem Gipfel des stürmenden Berges,
redet, Geister der Toten! Redet! Mir soll es nicht grausen!--Wohin seid ihr
zur Ruhe gegangen? In welcher Gruft des Gebirges soll ich euch finden?--Keine
schwache Stimme vernehme ich im Winde, keine wehende Antwort im Sturme des Hügels.
Ich sitze in meinem Jammer, ich harre auf den Morgen in meinen Tränen.
Wühlet das Grab, ihr Freunde der Toten, aber schließt es nicht, bis
ich komme. Mein Leben schwindet wie ein Traum; wie sollt' ich zurückbleiben!
Hier will ich {...} Felsens--wenn's Nacht wird auf dem Hügel, und Wind
kommt über die Heide, soll mein Geist im Winde stehn und trauern den Tod
meiner Freunde. Der Jäger hört mich aus seiner Laube, fürchtet
meine Stimme und liebt sie; denn süß soll meine Stimme sein um meine
Freunde, sie waren mir beide so lieb!
Das war dein Gesang, o Minona, Tormans sanft errötende Tochter. Unsere
Tränen flossen um Colma, und unsere Seele ward düster.
Ullin trat auf mit der Harfe und gab uns Alpins Gesang--Alpins Stimme war freundlich,
Rynos Seele ein Feuerstrahl. Aber schon ruhten sie im engen Hause, und ihre
Stimme war verhallet in Selma. Einst kehrte Ullin zurück von der Jagd,
ehe die Helden noch fielen. Er hörte ihren Wettegesang auf dem Hügel.
Ihr Lied war sanft, aber traurig. Sie klagten Morars Fall, des ersten der Helden.
Seine Seele war wie Fingals Seele, sein Schwert wie das Schwert Oskars--aber
er fiel, und sein Vater jammerte, und seiner Schwester Augen waren voll Tränen,
Minonas Augen waren voll Tränen, der Schwester des herrlichen Morars. Sie
trat zurück vor Ullins Gesang, wie der Mond in Westen, der den Sturmregen
voraussieht und sein schönes Haupt in eine Wolke verbirgt.--Ich schlug
die Harfe mit Ullin zum Gesange des Jammers.
Ryno
Vorbei sind Wind und Regen, der Mittag ist so heiter, die Wolken teilen sich.
Fliehend bescheint den Hügel die unbeständige Sonne. Rötlich
fließt der Strom des Bergs im Tale hin. Süß ist dein Murmeln,
Strom; doch süßer die Stimme, die ich höre. Es ist Alpins Stimme,
er bejammert den Toten. Sein Haupt ist vor Alter gebeugt und rot sein tränendes
Auge. Alpin, trefflicher Sänger, warum allein auf dem schweigenden Hügel?
Warum jammerst du wie ein Windstoß im Walde, wie eine Welle am fernen
Gestade?
Alpin
Meine Tränen, Ryno, sind für den Toten, meine Stimme für die
Bewohner des Grabs. Schlank bist du auf dem Hügel, schön unter den
Söhnen der Heide. Aber du wirst fallen wie Morar, und auf deinem Grabe
wird der Trauernde sitzen. Die Hügel werden dich vergessen, dein Bogen
in der Halle liegen ungespannt.
Du warst schnell, o Morar, wie ein Reh auf dem Hügel, schrecklich wie
die Nachtfeuer am Himmel. Dein Grimm war ein Sturm, dein Schwert in der Schlacht
wie Wetterleuchten über der Heide. Deine Stimme glich dem Waldstrome nach
dem Regen, dem Donner auf fernen Hügeln. Manche fielen von deinem Arm,
die Flamme deines Grimmes verzehrte sie. Aber wenn du wiederkehrtest vom Kriege,
wie friedlich war deine Stirne! Dein Angesicht war gleich der Sonne nach dem
Gewitter, gleich dem Monde in der schweigenden Nacht, ruhig deine Brust wie
der See, wenn sich des Windes Brausen gelegt hat.
Eng ist nun deine Wohnung, finster deine Stätte! Mit drei Schritten mess'
ich dein Grab, o du, der du ehe so groß warst! Vier Steine mit moosigen
Häupten sind dein einziges Gedächtnis; ein entblätterter Baum,
langes Gras, das im Winde wispelt, deutet dem Auge des Jägers das Grab
des mächtigen Morars. Keine Mutter hast du, dich zu beweinen, kein Mädchen
mit Tränen der Liebe. Tot ist, die dich gebar, gefallen die Tochter von
Morglan.
Wer auf seinem Stabe ist das? Wer ist es, dessen Haupt weiß ist vor Alter,
dessen Augen rot sind von Tränen? Es ist dein Vater, o Morar, der Vater
keines Sohnes außer dir. Er hörte von deinem Ruf in der Schlacht,
er hörte von zerstobenen Feinden; er hörte Morars Ruhm! Ach! Nichts
von seiner Wunde? Weine, Vater Morars, weine! Aber dein Sohn hört dich
nicht. Tief ist der Schlaf der Toten, niedrig ihr Kissen von Staube. Nimmer
achtet er auf die Stimme, nie erwacht er auf deinen Ruf. O wann wird es Morgen
im Grabe, zu bieten dem Schlummerer: Erwache!
Lebe wohl, edelster der Menschen, du Eroberer im Felde! Aber nimmer wird dich
das Feld sehen, nimmer der düstere Wald leuchten vom Glanze deines Stahls.
Du hinterließest keinen Sohn, aber der Gesang soll deinen Namen erhalten,
künftige Zeiten sollen von dir hören, hören von dem gefallenen
Morar.
Laut war die Trauer der Helden, am lautesten Armins berstender Seufzer. Ihn
erinnerte es an den Tod seines Sohnes, er fiel in den Tagen der Jugend. Carmor
saß nah bei dem Helden, der Fürst des hallenden Galmal. "Warum
schluchzet der Seufzer Armins?" sprach er, "was ist hier zu weinen?
Klingt nicht ein Lied und ein Gesang, die Seele zu schmelzen und zu ergetzen?
Sie sind wie sanfter Nebel, der steigend vom See aufs Tal sprüht, und die
blühenden Blumen füllet das Naß; aber die Sonne kommt wieder
in ihrer Kraft, und der Nebel ist gegangen. Warum bist du so jammervoll, Armin,
Herrscher des seeumflossenen Gorma?"
"Jammervoll! Wohl das bin ich, und nicht gering die Ursache meines Wehs.--Carmor,
du verlorst keinen Sohn, verlorst keine blühende Tochter; Colgar, der Tapfere,
lebt, und Annira, die schönste der Mädchen. Die Zweige deines Hauses
blühen, o Carmor; aber Armin ist der Letzte seines Stammes. Finster ist
dein Bett, o Daura! Dumpf ist dein Schlaf in dem Grabe--wann erwachst du mit
deinen Gesängen, mit deiner melodischen Stimme? Auf, ihr Winde des Herbstes!
Auf, stürmt über die finstere Heide! Waldströme, braust! Heult,
Ströme, im Gipfel der Eichen! Wandle durch gebrochene Wolken, o Mond, zeige
wechselnd dein bleiches Gesicht! Erinnre mich der schrecklichen Nacht, da meine
Kinder umkamen, da Arindal, der Mächtige, fiel, Daura, die Liebe, verging.
"Daura, meine Tochter, du warst schön, schön wie der Mond auf
den Hügeln von Fura, weiß wie der gefallene Schnee, süß
wie die atmende Luft! Arindal, dein Bogen war stark, dein Speer schnell auf
dem Felde, dein Blick wie Nebel auf der Welle, dein Schild eine Feuerwolke im
Sturme!
"Armar, berühmt im Kriege, kam und warb um Dauras Liebe; sie widerstand
nicht lange. Schön waren die Hoffnungen ihrer Freunde."
Erath, der Sohn Odgals, grollte, denn sein Bruder lag erschlagen von Armar.
Er kam, in einen Schiffer verkleidet. Schön war sein Nachen auf der Welle,
weiß seine Locken vor Alter, ruhig sein ernstes Gesicht. "Schönste
Mädchen," sagte er, "liebliche Tochter von Armin, dort am Felsen,
nicht fern in der See, wo die rote Frucht vom Baume herblinkt, dort wartet Armar
auf Daura: ich komme, seine Liebe zu führen über die rollende See.
Sie folgt' ihm und rief nach Armar; nichts antwortete als die Stimme des Felsens.
"Armar! Mein Lieber! Mein Lieber! Warum ängstest du mich so? Höre,
Sohn Arnarths! Höre! Daura ist's, die dich ruft!
Erath, der Verräter, floh lachend zum Lande. Sie erhob ihre Stimme, rief
nach ihrem Vater und Bruder: "Arindal! Armin! Ist keiner, seine Daura zu
retten?"
Ihre Stimme kam über die See. Arindal, mein Sohn, stieg vom Hügel
herab, rauh in der Beute der Jagd, seine Pfeile rasselten an seiner Seite, seinen
Bogen trug er in der Hand, fünf schwarzgraue Doggen waren um ihn. Er sah
den kühnen Erath am Ufer, faßt' und band ihn an die Eiche, fest umflocht
er seine Hüften, der Gefesselte füllte mit Ächzen die Winde.
Arindal betritt die Wellen in seinem Boote, Daura herüber zu bringen.
Armar kam in seinem Grimme, drückt' ab den grau befiederten Pfeil, er klang,
er sank in dein Herz, "o Arindal, mein Sohn! Statt Eraths, des Verräters,
kamst du um, das Boot erreichte den Felsen, er sank dran nieder und starb. Zu
deinen Füßen floß deines Bruders Blut, welch war dein Jammer,
o Daura! Die Wellen zerschmettern das Boot. Armar stürzt sch in die See,
seine Daura zu retten oder zu sterben. Schnell stürmte ein Stoß vom
Hügel in die Wellen, er sank und hob sich nicht wieder.
Allein auf den seebespülten Felsen hört' ich die Klagen meiner Tochter.
Viel und laut war ihr Schreien, doch konnt' sie ihr Vater nicht retten. Die
ganze Nacht stand ich am Ufer, ich sah sie im schwachen Strahle des Mondes,
die ganze Nacht hört' ich ihr Schreien, laut war der Wind, und der Regen
schlug scharf nach der Seite des Berges. Ihre Stimme ward schwach, ehe der Morgen
erschien, sie starb weg wie die Abendluft zwischen dem Grase der Felsen. Beladen
mit Jammer starb sie und ließ Armin allein! Dahin ist meine Stärke
im Kriege, gefallen mein Stolz unter den Mädchen.
Wenn die Stürme des Berges kommen, wenn der Nord die Wellen hochhebt,
sitz' ich am schallenden Ufer, schaue nach dem schrecklichen Felsen. Oft im
sinkenden Monde seh' ich die Geister meiner Kinder, halb dämmernd wandeln
sie zusammen in traurigen Eintracht."
Ein Strom von Tränen, der aus Lottens Augen brach und ihrem gepreßten
Herzen Luft machte, hemmte Werthers Gesang. Er warf das Papier hin, faßte
ihre Hand und weinte die bittersten Tränen. Lotte ruhte auf der andern
und verbarg ihre Augen ins Schnupftuch. Die Bewegung beider war fürchterlich.
Sie fühlten ihr eigenes Elend in dem Schicksale der Edlen, fühlten
es zusammen, und ihre Tränen vereinigten sich. Die Lippen und Augen Werthers
glühten an Lottens Arme; ein Schauer überfiel sie; sie wollte sich
entfernen, und Schmerz und Anteil lagen betäubend wie Blei auf ihr. Sie
atmete, sich zu erholen, und bat ihn schluchzend fortzufahren, bat mit der ganzen
Stimme des Himmels! Werther zitterte, sein Herz wollte bersten, er hob das Blatt
auf und las halb gebrochen:
"Warum weckst du mich, Frühlingsluft? Du buhlst und sprichst: ich
betaue mit Tropfen des Himmels! Aber die Zeit meines Welkens ist nahe, nahe
der Sturm, der meine Blätter herabstört! Morgen wird der Wanderer
kommen, kommen der mich sah in meiner Schönheit, ringsum wird sein Auge
im Felde mich suchen und wird mich nicht finden.--"
Die ganze Gewalt dieser Worte fiel über den Unglücklichen.
Er warf sich vor Lotten nieder in der vollen Verzweifelung, faßte ihre
Hände, drückte sie in seine Augen, wider seine Stirn, und ihr schien
eine Ahnung seines schrecklichen Vorhabens durch die Seele zu fliegen. Ihre
Sinne verwirrten sich, sie drückte seine Hände, drückte sie wider
ihre Brust, neigte sich mit einer wehmütigen Bewegung zu ihm, und ihre
glühenden Wangen berührten sich. Die Welt verging ihnen. Er schlang
seine Arme um sie her, preßte sie an seine Brust und deckte ihre zitternden,
stammelnden Lippen mit wütenden Küssen.--"Werther!" rief
sie mit erstickter Stimme, sich abwendend, "Werther!" und drückte
mit schwacher Hand seine Brust von der ihrigen; "Werther!" rief sie
mit dem gefaßten Tone des edelsten Gefühles.--Er widerstand nicht,
ließ sie sich aus seinen Armen und warf sich unsinnig vor sie hin.--Sie
riß sich auf, und in ängstlicher Verwirrung, bebend zwischen Liebe
und Zorn, sagte sie: "Das ist das letzte Mal! Werther! Sie sehn mich nicht
wieder." Und mit dem vollsten Blick der Liebe auf den Elenden eilte sie
ins Nebenzimmer und schloß hinter sich zu.--Werther streckte ihr die Arme
nach, getraute sich nicht, sie zu halten. Er lag an der Erde, den Kopf auf dem
Kanapee, und in dieser Stellung blieb er über eine halbe Stunde, bis ihn
ein Geräusch zu sich selbst rief. Es war das Mädchen, das den Tisch
decken wollte. Er ging im Zimmer auf und ab, und da er sich wieder allein sah,
ging er zur Türe des Kabinetts und rief mit leiser Stimme: "Lotte!
Lotte! Nur noch ein Wort! Ein Lebewohl!"--Sie schwieg.--Er harrte und bat
und harrte; dann riß er sich weg und rief: "lebe wohl, Lotte! Auf
ewig lebe wohl!"
Er kam ans Stadttor. Die Wächter, die ihn schon gewohnt waren, ließen
ihn stillschweigend hinaus. Es stiebte zwischen Regen und Schnee, und erst gegen
eilfe klopfte er wieder. Sein Diener bemerkte, als Werther nach Hause kam, daß
seinem Herrn der Hut fehlte. Er getraute sich nicht, etwas zu sagen, entkleidete
ihn, alles war naß. Man hat nachher den Hut auf einem Felsen, der an dem
Abhange des Hügels ins Tal sieht, gefunden, und es ist unbegreiflich, wie
er ihn in einer finstern, feuchten Nacht, ohne zu stürzen, erstiegen hat.
Er legte sich zu Bette und schlief lange. Der Bediente fand ihn schreibend,
als er ihm den andern Morgen auf sein Rufen den Kaffee brachte. Er schrieb folgendes
am Briefe an Lotten:
"Zum letztenmale denn, zum letztenmale schlage ich diese Augen auf. Sie
sollen, ach, die Sonne nicht mehr sehn, ein trüber, neblichter Tag hält
sie bedeckt. So traure denn, Natur! Dein Sohn, dein Freund, dein Geliebter naht
sich seinem Ende. Lotte, das ist ein Gefühl ohnegleichen, und doch kommt
es dem dämmernden Traum am nächsten, zu sich zu sagen: das ist der
letzte Morgen. Der letzte! Lotte, ich habe keinen Sinn für das Wort: der
letzte! Stehe ich nicht da in meiner ganzen Kraft, und morgen liege ich ausgestreckt
und schlaff am Boden. Sterben! Was heißt das? Siehe, wir träumen,
wenn wir vom Tode reden. Ich habe manchen sterben sehen; aber so eingeschränkt
ist die Menschheit, daß sie für ihres Daseins Anfang und Ende keinen
Sinn hat. Jetzt noch mein, dein! Dein, o Geliebte! Und einen Augenblick--getrennt,
geschieden--vielleicht auf ewig?--Nein, Lotte, nein--wie kann ich vergehen?
Wie kannst du vergehen? Wir sind ja! --vergehen!--Was heißt das? Das ist
wieder ein Wort, ein leerer Schall, ohne Gefühl für mein Herz.--Tot,
Lotte! Eingescharrt der kalten Erde, so eng! So finster!--Ich hatte eine Freundin,
die mein alles war meiner hülflosen Jugend; sie starb, und ich folgte ihrer
Leiche und stand an dem Grabe, wie sie den Sarg hinunterließen und die
Seile schnurrend unter ihm weg und wieder herauf schnellten, dann die erste
Schaufel hinunterschollerte, und die ängstliche Lade einen dumpfen Ton
wiedergab, und dumpfer und immer dumpfer, und endlich bedeckt war!--Ich stürzte
neben das Grab hin--ergriffen, erschüttert, geängstigt, zerrissen
mein Innerstes, aber ich wußte nicht, wie mir geschah--wie mir geschehen
wird--Sterben! Grab! Ich verstehe die Worte nicht!
O vergib mir! Vergib mir! Gestern! Es hätte der letzte Augenblick meines
Lebens sein sollen. O du Engel! Zum ersten Male, zum ersten Male ganz ohne Zweifel
durch mein innig Innerstes durchglühte mich das Wonnegefühl: sie liebt
mich! Sie liebt mich! Es brennt noch auf meinen Lippen das heilige Feuer, das
von den deinigen strömte, neue, warme Wonne ist in meinem Herzen. Vergib
mir! Vergib mir!
Ach, ich wußte, daß du mich liebtest, wußte es an den ersten
seelenvollen Blicken, an dem ersten Händedruck, und doch, wenn ich wieder
weg war, wenn ich Alberten an deiner Seite sah, verzagte ich wieder in fieberhaften
Zweifeln.
Erinnerst du dich der Blumen, die du mir schicktest, als du in jener fatalen
Gesellschaft mir kein Wort sagen, keine Hand reichen konntest? O, ich habe die
halbe Nacht davor gekniet, und sie versiegelten mir deine Liebe. Aber ach! Diese
Eindrücke gingen vorüber, wie das Gefühl der Gnade seines Gottes
allmählich wieder aus der Seele des Gläubigen weicht, die ihm mit
ganzer Himmelsfülle in heiligen, sichtbaren Zeichen gereicht ward.
Alles das ist vergänglich, aber keine Ewigkeit soll das glühende
Leben auslöschen, das ich gestern auf deinen Lippen genoß, das ich
in mir fühle! Sie liebt mich! Dieser Arm hat sie umfaßt, diese Lippen
haben auf ihren Lippen gezittert, dieser Mund hat an dem ihrigen gestammelt.
Sie ist mein! Du bist mein! Ja, Lotte, auf ewig.
Und was ist das, daß Albert dein Mann ist? Mann! Das wäre denn für
diese Welt--und für diese Welt Sünde, daß ich dich liebe, daß
ich dich aus seinen Armen in die meinigen reißen möchte? Sünde?
Gut, und ich strafe mich dafür; ich habe sie in ihrer ganzen Himmelswonne
geschmeckt, diese Sünde, habe Lebensbalsam und Kraft in mein Herz gesaugt.
Du bist von diesem Augenblicke mein! Mein, o Lotte! Ich gehe voran! Gehe zu
meinem Vater, zu deinem Vater. Dem will ich's klagen, und er wird mich trösten,
bis du kommst, und ich fliege dir entgegen und fasse dich und bleibe bei dir
vor dem Angesichte des Unendlichen in ewigen Umarmungen.
Ich träume nicht, ich wähne nicht! Nahe am Grabe wird mir es heller.
Wir werden sein! Wir werden uns wieder sehen! Deine Mutter sehen! Ich werde
sie sehen, werde sie finden, ach, und vor ihr mein ganzes Herz ausschütten!
Deine Mutter, dein Ebenbild."
Gegen eilfe fragte Werther seinen Bedienten, ob wohl Albert zurückgekommen
sei? Der Bediente sagte: ja, er habe dessen Pferd dahinführen sehen. Darauf
gibt ihm der Herr ein offenes Zettelchen des Inhalts: "Wollten Sie mir
wohl zu einer vorhabenden Reise Ihre Pistolen leihen? Leben Sie recht wohl!"
Die liebe Frau hatte die letzte Nacht wenig geschlafen; was sie gefürchtet
hatte, war entschieden, auf eine Weise entschieden, die sie weder ahnen noch
fürchten konnte. Ihr sonst so rein und leicht fließendes Blut war
in einer fieberhaften Empörung, tausenderlei Mepfindungen zerrütteten
das schöne Herz. War es das Feuer von Werthers Umarmungen, das sie in ihrem
Busen fühlte? War es Unwille über seine Verwegenheit? War es eine
unmutige Vergleichung ihres gegenwärtigen Zustandes mit jenen Tagen ganz
unbefangener, freier Unschuld und sorglosen Zutrauens an sich selbst? Wie sollte
sie ihrem Manne entgegengehen, wie ihm eine Szene bekennen, die sie so gut gestehen
durfte, und die sie sich doch zu gestehen nicht getraute? Sie hatten so lange
gegen einander geschwiegen, und sollte sie die erste sein, die das Stillschweigen
bräche und eben zur unrechten Zeit ihrem Gatten eine so unerwartete Entdeckung
machte? Schon fürchtete sie, die bloße Nachricht von Werthers Besuch
werde ihm einen unangenehmen Eindruck machen, und nun gar diese unerwartete
Katastrophe! Konnte sie wohl hoffen, daß ihr Mann sie ganz im rechten
Lichte sehen, ganz ohne Vorurteil aufnehmen würde? Und konnte sie wünschen,
daß er in ihrer Seele lesen möchte? Und doch wieder, konnte sie sich
verstellen gegen den Mann, vor dem sie immer wie ein kristallhelles Glas offen
und frei gestanden und dem sie keine ihrer Empfindungen jemals verheimlicht
noch verheimlichen können? Eins und das andre machte ihr Sorgen und setzte
sie in Verlegenheit; und immer kehrten ihre Gedanken wieder zu Werthern, der
für sie verloren war, den sie nicht lassen konnte, den sie--leider!--sich
selbst überlassen mußte, und dem, wenn er sie verloren hatte, nichts
mehr übrig blieb.
Wie schwer lag jetzt, was sie sich in dem Augenblick nicht deutlich machen
konnte, die Stockung auf ihr, die sich unter ihnen festgesetzt hatte! So verständige,
so gute Menschen fingen wegen gewisser heimlicher Verschiedenheiten unter einander
zu schweigen an, jedes dachte seinem Recht und dem Unrechte des andern nach,
und die Verhältnisse verwickelten und verhetzten sich dergestalt, daß
es unmöglich ward, den Knoten eben in dem kritischen Momente, von dem alles
abhing, zu lösen. Hätte eine glückliche Vertraulichkeit sie früher
wieder einander näher gebracht, wäre Liebe und Nachsicht wechselsweise
unter ihnen lebendig worden und hätte ihre Herzen aufgeschlossen, vielleicht
wäre unser Freund noch zu retten gewesen.
Noch ein sonderbarer Umstand kam dazu. Werther hatte, wie wir aus seinen Briefen
wissen, nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß er sich diese Welt zu verlassen
sehnte. Albert hatte ihn oft bestritten, auch war zwischen Lotten und ihrem
Mann manchmal die Rede davon gewesen. Dieser, wie er einen entschiedenen Widerwillen
gegen die Tat empfand, hatte auch gar oft mit einer Art von Empfindlichkeit,
die sonst ganz außer seinem Charakter lag, zu erkennen gegeben, daß
er an dem Ernst eines solchen Vorsatzes sehr zu zweifeln Ursach' finde, er hatte
sich sogar darüber einigen Scherz erlaubt und seinen Unglauben Lotten mitgeteilt.
Dies beruhigte sie zwar von einer Seite, wenn ihre Gedanken ihr das traurige
Bild vorführten, von der andern aber fühlte sie sich auch dadurch
gehindert, ihrem Manne die Besorgnisse mitzuteilen, die sie in dem Augenblicke
quälten.
Albert kam zurück, und Lotte ging ihm mit einer verlegenen Hastigkeit
entgegen, er war nicht heiter, sein Geschäft war nicht vollbracht, er hatte
an dem benachbarten Amtmanne einen unbiegsamen, kleinsinnigen Menschen gefunden.
Der Üble Weg auch hatte ihn verdrießlich gemacht.
Er fragte, ob nichts vorgefallen sei, und sie antwortete mit Übereilung:
Werther sei gestern abends dagewesen. Er fragte, ob Briefe gekommen, und er
erhielt zur Antwort, daß ein Brief und Pakete auf seiner Stube lägen.
Er ging hinüber, und Lotte blieb allein. Die Gegenwart des Mannes, den
sie liebte und ehrte, hatte einen neuen Eindruck in ihr Herz gemacht. Das Andenken
seines Edelmuts, seiner Liebe und Güte hatte ihr Gemüt mehr beruhigt,
sie fühlte einen heimlichen Zug, ihm zu folgen, sie nahm ihre Arbeit und
ging auf sein Zimmer, wie sie mehr zu tun pflegte. Sie fand ihn beschäftigt,
die Pakete zu erbrechen und zu lesen. Einige schienen nicht das Angenehmste
zu enthalten. Sie tat einige Fragen an ihn, die er kurz beantwortete, und sich
an den Pult stellte, zu schreiben.
Sie waren auf diese Weise eine Stunde nebeneinander gewesen, und es ward immer
dunkler in Lottens Gemüt. Sie fühlte, wie schwer es ihr werden würde,
ihrem Mann, auch wenn er bei dem besten Humor wäre, das zu entdecken, was
ihr auf dem Herzen lag; sie verfiel in eine Wehmut, die ihr um desto ängstlicher
ward, als sie solche zu verbergen und ihre Tränen zu verschlucken suchte.
Die Erscheinung von Werthers Knaben setzte sie in die größte Verlegenheit;
er überreichte Alberten das Zettelchen, der sich gelassen nach seiner Frau
wendete und sagte: "gib ihm die Pistolen." --"Ich lasse ihm glückliche
Reise wünschen." sagte er zum Jungen. --Das fiel auf sie wie ein Donnerschlag,
sie schwankte aufzustehen, sie wußte nicht, wie ihr geschah. Langsam ging
sie nach der Wand, zitternd nahm sie das Gewehr herunter, putzte den Staub ab
und zauderte, und hätte noch lange gezögert, wenn nicht Albert durch
einen fragenden Blick sie gedrängt hätte. Sie gab das unglückliche
Werkzeug dem Knaben, ohne ein Wort vorbringen zu können, und als der zum
Hause hinaus war, machte sie ihre Arbeit zusammen, ging in ihr Zimmer, in dem
Zustande der unaussprechlichsten Ungewißheit. Ihr Herz weissagte ihr alle
Schrecknisse. Bald war sie im Begriffe, sich zu den Füßen ihres Mannes
zu werfen, ihm alles zu entdecken, die Geschichte des gestrigen Abends, ihre
Schuld und ihre Ahnungen. Dann sah sie wieder keinen Ausgang des Unternehmens,
am wenigsten konnte sie hoffen, ihren Mann zu einem Gange nach Werthern zu bereden.
Der Tisch ward gedeckt, und eine gute Freundin, die nur etwas zu fragen kam,
gleich gehen wollte--und blieb, machte die Unterhaltung bei Tische erträglich;
man zwang sich, man redete, man erzählte, man vergaß sich.
Der Knabe kam mit den Pistolen zu Werthern, der sie ihm mit Entzücken
abnahm, als er hörte, Lotte habe sie ihm gegeben. Er ließ sich Brot
und Wein bringen, hieß den Knaben zu Tische gehen und setzte sich nieder,
zu schreiben.
"Sie sind durch deine Hände gegangen, du hast den Staub davon geputzt,
ich küsse sie tausendmal, du hast sie berührt! Und du, Geist des Himmels,
begünstigst meinen Entschluß, und du, Lotte, reichst mir das Werkzeug,
du, von deren Händen ich den Tod zu empfangen wünschte, und ach! Nun
empfange. O ich habe meinen Jungen ausgefragt. Du zittertest, als du sie ihm
reichtest, du sagtest kein Lebewohl! --Wehe! Wehe! Kein Lebewohl!--solltest
du dein Herz für mich verschlossen haben, um des Augenblicks willen, der
mich ewig an dich befestigte? Lotte, kein Jahrtausend vermag den Eindruck auszulöschen!
Und ich fühle es, du kannst den nicht hassen, der so für dich glüht."
Nach Tische hieß er den Knaben alles vollends einpacken, zerriß
viele Papiere, ging aus und brachte noch kleine Schulden in Ordnung. Er kam
wieder nach Hause, ging wieder aus vors Tor, ungeachtet des Regens, in den gräflichen
Garten, schweifte weiter in der Gegend umher und kam mit anbrechender Nacht
zurück und schrieb.
"Wilhelm, ich habe zum letzten Male Feld und Wald und den Himmel gesehen.
Leb wohl auch du! Liebe Mutter, verzeiht mir! Tröste sie, Wilhelm! Gott
segne euch! Meine Sachen sind alle in Ordnung. Lebt wohl! Wir sehen uns wieder
und freudiger."
"Ich habe dir Übel gelohnt, Albert, und du vergibst mir. Ich habe
den Frieden deines Hauses gestört, ich habe Mißtrauen zwischen euch
gebracht. Lebe wohl! Ich will es enden. O daß ihr glücklich wäret
durch meinen Tod! Albert! Albert! Mache den Engel glücklich! Und so wohne
Gottes Segen über dir!"
Er kannte den Abend noch viel in seinen Papieren, zerriß vieles und warf
es in den Ofen, versiegelte einige Päcke mit den Adressen an Wilhelm. Sie
enthielten kleine Aufsätze, abgerissene Gedanken, deren ich verschiedene
gesehen habe; und nachdem er um zehn Uhr Feuer hatte nachlegen und sich eine
Flasche Wein geben lassen, schickte er den Bedienten, dessen Kammer wie auch
die Schlafzimmer der Hausleute weit hinten hinaus waren, zu Bette, der sich
dann in seinen Kleidern niederlegte, um frühe bei der Hand zu sein; denn
sein Herr hatte gesagt, die Postpferde würden vor sechse vors Haus kommen.
Nach Eilfe
Alles ist so still um mich her, und so ruhig meine Seele. Ich danke dir, Gott,
der du diesen letzten Augenblicken diese Wärme, diese Kraft schenkest.
Ich trete an das Fenster, meine Beste, und sehe, und sehe noch durch die stürmenden,
vorüberfliehenden Wolken einzelne Sterne des ewigen Himmels! Nein, ihr
werdet nicht fallen! Der Ewige trägt euch an seinem Herzen, und mich. Ich
sehe die Deichselsterne des Wagens, des liebsten unter allen Gestirnen. Wenn
ich nachts von dir ging, wie ich aus deinem Tore trat, stand er gegen mir über.
Mit welcher Trunkenheit habe ich ihn oft angesehen, oft mit aufgehabenen Händen
ihn zum Zeichen, zum heiligen Merksteine meiner gegenwärtigen Seligkeit
gemacht! Und noch--o Lotte, was erinnert mich nicht an dich! Umgibst du mich
nicht! Und habe ich nicht, gleich einem Kinde, ungenügsam allerlei Kleinigkeiten
zu mir gerissen, die du Heilige berührt hattest!
Liebes Schattenbild! Ich vermache dir es zurück, Lotte, und bitte dich,
es zu ehren. Tausend, tausend Küsse habe ich darauf gedrückt, tausend
Grüße ihm zugewinkt, wenn ich ausging oder nach Hause kam. Ich habe
deinen Vater in einem Zettelchen gebeten, meine Leiche zu schützen. Auf
dem Kirchhofe sind zwei Lindenbäume, hinten in der Ecke nach dem Felde
zu; dort wünsche ich zu ruhen. Er kann, er wird das für seinen Freund
tun. Bitte ihn auch. Ich will frommen Christen nicht zumuten, ihren Körper
neben einen armen Unglücklichen zu legen. Ach, ich wollte, ihr begrübt
mich am Wege, oder im einsamen Tale, daß Priester und Levit vor dem bezeichneten
Steine sich segnend vorübergingen und der Samariter eine Träne weinte.
Hier, Lotte! Ich schaudre nicht, den kalten, schrecklichen Kelch zu fassen,
aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll! Du reichtest mir ihn, und zage
nicht. All! All! So sind alle die Wünsche und Hoffnungen meines Lebens
erfüllt! So kalt, so starr an der ehernen Pforte des Todes anzuklopfen.
Daß ich des Glückes hätte teilhaftig werden können, für
dich zu sterben! Lotte, für dich mich hinzugeben! Ich wollte mutig, ich
wollte freudig sterben, wenn ich dir die Ruhe, die Wonne deines Lebens wiederschaffen
könnte. Aber ach! Das ward nur wenigen Edeln gegeben, ihr Blut für
die Ihrigen zu vergießen und durch ihren Tod ein neues, hundertfältiges
Leben ihren Freunden anzufachen.
In diesen Kleidern, Lotte, will ich begraben sein, du hast sie berührt,
geheiligt; ich habe auch deinen Vater darum gebeten. Meine Seele schwebt über
dem Sarge. Man soll meine Taschen nicht aussuchen. Diese blaßrote Schleife,
die du am Busen hattest, als ich dich zum ersten Male unter deinen Kindern fand--o
küsse sie tausendmal und erzähle ihnen das Schicksal ihres unglücklichen
Freundes. Die Lieben! Sie wimmeln um mich. Ach wie ich mich an dich schloß!
Seit dem ersten Augenblicke dich nicht lassen konnte!--Diese Schleife soll mit
mir begraben werden. An meinem Geburtstage schenktest du sie mir! Wie ich das
alles verschlang!--Ach, ich dachte nicht, daß mich der Weg hierher führen
sollte!--Sei ruhig! Ich bitte dich, sei ruhig!
--Sie sind geladen--es schlägt zwölfe! So sei es denn!--Lotte! Lotte,
lebe wohl! Lebe wohl!"
Ein Nachbar sah den Blick vom Pulver und hörte den Schuß fallen;
da aber alles stille blieb, achtete er nicht weiter drauf.
Morgens um sechse tritt der Bediente herein mit dem Lichte. Er findet seinen
Herrn an der Erde, die Pistole und Blut. Er ruft, er faßt ihn an; keine
Antwort, er röchelt nur noch. Er läuft nach den Ärzten, nach
Alberten. Lotte hört die Schelle ziehen, ein Zittern ergreift alle ihre
Glieder. Sie weckt ihren Mann, sie stehen auf, der Bediente bringt heulend und
stotternd die Nachricht, Lotte sinkt ohnmöchtig vor Alberten nieder.
Als der Medikus zu dem Unglücklichen kam, fand er ihn an der Erde ohne
Rettung, der Puls schlug, die Glieder waren alle gelähmt. über dem
rechten Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen, das Gehirn war herausgetrieben.
Man ließ ihm zum Überfluß eine Ader am Arme, das Blut lief,
er holte noch immer Atem.
Aus dem Blut auf der Lehne des Sessels konnte man schließen, er habe
sitzend vor dem Schreibtische die Tat vollbracht, dann ist er heruntergesunken,
hat sich konvulsivisch um den Stuhl herumgewälzt. Er lag gegen das Fenster
entkräftet auf dem Rücken, war in völliger Kleidung, gestiefelt,
im blauen Frack mit gelber Weste.
Das Haus, die Nachbarschaft, die Stadt kam in Aufruhr. Albert trat herein.
Werthern hatte man auf das Bett gelegt, die Stirn verbunden, sein Gesicht schon
wie eines Toten, er rührte kein Glied. Die Lunge röchelte noch fürchterlich,
bald schwach, bald stärker; man erwartete sein Ende.
Von dem Weine hatte er nur ein Glas getrunken. Emilia Galotti lag auf dem Pulte
aufgeschlagen.
Von Alberts Bestürzung, von Lottens Jammer laßt mich nichts sagen.
Der alte Amtmann kam auf die Nachricht hereingesprengt, er küßte
den Sterbenden unter den heißesten Tränen. Seine ältesten Söhne
kamen bald nach ihm zu Fuße, sie fielen neben dem Bette nieder im Ausdrucke
des unbändigsten Schmerzens, küßten ihm die Hände und den
Mund, und der älteste, den er immer am meisten geliebt, hing an seinen
Lippen, bis er verschieden war und man den Knaben mit Gewalt wegriß. Um
zwölfe mittags starb er. Die Gegenwart des Amtmannes und seine Anstalten
tauschten einen Auflauf. Nachts gegen eilfe ließ er ihn an die Stätte
begraben, die er sich erwählt hatte. Der Alte folgte der Leiche und die
Söhne, Albert vermocht's nicht. Man fürchtete für Lottens Leben.
Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.
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