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 Leipzig Südfriedhof - Bild 010
Dunkler Wanderer
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07.02.2012, 22:03
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Friedrich Nietzsche: Götzendämmerung
Hinweis: Das Werk ist auch als PDF downloadbar.
Friedrich Nietzsche: Götzen-Dämmerung
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Sprüche und Pfeile
Das Problem des Sokrates
Die "Vernunft" in der Philosophie
Wie die "wahre Welt" endlich
zur Fabel wurde
Moral als Widernatur
Die vier grossen Irrthümer
Die "Verbesserer" der Menschheit
Was den Deutschen abgeht
Streifzüge eines Unzeitgemässen
Was ich den Alten verdanke
Der Hammer redet
Götzen-Dämmerung
oder
Wie man mit dem Hammer philosophirt.
Vorwort.
Inmitten einer düstern und über die Maassen verantwortlichen
Sache seine Heiterkeit aufrecht erhalten ist nichts Kleines
von - Kunststück: und doch, was wäre nöthiger
als Heiterkeit? Kein Ding geräth, an dem nicht der Übermuth
seinen Theil hat. Das Zuviel von Kraft erst ist der Beweis
der Kraft. - Eine Umwerthung aller Werthe, dies Fragezeichen
so schwarz, so ungeheuer, dass es Schatten auf Den wirft,
der es setzt - ein solches Schicksal von Aufgabe zwingt jeden
Augenblick, in die Sonne zu laufen, einen schweren, allzuschwer
gewordnen Ernst von sich zu schütteln. Jedes Mittel ist
dazu recht, jeder "Fall" ein Glücksfall. Vor
Allem der Krieg. Der Krieg war immer die grosse Klugheit aller
zu innerlich, zu tief gewordnen Geister; selbst in der Verwundung
liegt noch Heilkraft. Ein Spruch, dessen Herkunft ich der
gelehrten Neugierde vorenthalte, war seit langem mein Wahlspruch:
increscunt animi, virescit volnere virtus.
Eine andere Genesung, unter Umständen mir noch erwünschter,
ist Götzen aushorchen... Es giebt mehr Götzen als
Realitäten in der Welt: das ist mein "böser
Blick" für diese Welt, das ist auch mein "böses
Ohr"... Hier einmal mit dem Hammer Fragen stellen und,
vielleicht, als Antwort jenen berühmten hohlen Ton hören,
der von geblähten Eingeweiden redet - welches Entzücken
für Einen, der Ohren noch hinter den Ohren hat, - für
mich alten Psychologen und Rattenfänger, vor dem gerade
Das, was still bleiben möchte, laut werden muss...
Auch diese Schrift - der Titel verräth es - ist vor
Allem eine Erholung, ein Sonnenfleck, ein Seitensprung in
den Müssiggang eines Psychologen. Vielleicht auch ein
neuer Krieg? Und werden neue Götzen ausgehorcht?... Diese
kleine Schrift ist eine grosse Kriegserklärung; und was
das Aushorchen von Götzen anbetrifft, so sind es dies
Mal keine Zeitgötzen, sondern ewige Götzen, an die
hier mit dem Hammer wie mit einer Stimmgabel gerührt
wird, - es giebt überhaupt keine älteren, keine
überzeugteren, keine aufgeblaseneren Götzen... Auch
keine hohleren... Das hindert nicht, dass sie die geglaubtesten
sind; auch sagt man, zumal im vornehmsten Falle, durchaus
nicht Götze...
Turin, am 30. September 1888,
am Tage, da das Buch der Umwerthung
aller Werthe zu Ende kam.
FRIEDRICH NIETZSCHE.
Sprüche und Pfeile.
1. Müssiggang ist aller Psychologie Anfang. Wie? wäre
Psychologie ein - Laster?
2. Auch der Muthigste von uns hat nur selten den Muth zu
dem, was er eigentlich weiss...
3. Um allein zu leben, muss man ein Thier oder ein Gott sein
- sagt Aristoteles. Fehlt der dritte Fall: man muss Beides
sein - Philosoph...
4. "Alle Wahrheit ist einfach." - Ist das nicht
zwiefach eine Lüge? -
5. Ich will, ein für alle Mal, Vieles nicht wissen.
- Die Weisheit zieht auch der Erkenntniss Grenzen.
6. Man erholt sich in seiner wilden Natur am besten von seiner
Unnatur, von seiner Geistigkeit...
7. Wie? ist der Mensch nur ein Fehlgriff Gottes? Oder Gott
nur ein Fehlgriff des Menschen? -
8. Aus der Kriegsschule des Lebens. - Was mich nicht umbringt,
macht mich stärker.
9. Hilf dir selber: dann hilft dir noch Jedermann. Princip
der Nächstenliebe.
10. Dass man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht!
dass man sie nicht hinterdrein im Stiche lässt! - Der
Gewissensbiss ist unanständig.
11. Kann ein Esel tragisch sein? - Dass man unter einer Last
zu Grunde geht, die man weder tragen, noch abwerfen kann?...
Der Fall des Philosophen.
12. Hat man sein warum? des Lebens, so verträgt man
sich fast mit jedem wie? - Der Mensch strebt nicht nach Glück;
nur der Engländer thut das.
13. Der Mann hat das Weib geschaffen - woraus doch? Aus einer
Rippe seines Gottes, - seines "Ideals"...
14. Was? du suchst? du möchtest dich verzehnfachen,
verhundertfachen? du suchst Anhänger? - Suche Nullen.
15. Posthume Menschen - ich zum Beispiel - werden schlechter
verstanden als zeitgemässe, aber besser gehört.
Strenger: wir werden nie verstanden - und daher unsre Autorität...
16. Unter Frauen. - "Die Wahrheit? Oh Sie kennen die
Wahrheit nicht! Ist sie nicht ein Attentat auf alle unsre
pudeurs?" -
17. Das ist ein Künstler, wie ich Künstler liebe,
bescheiden in seinen Bedürfnissen: er will eigentlich
nur Zweierlei, sein Brod und seine Kunst, - panem et Circen...
18. Wer seinen Willen nicht in die Dinge zu legen weiss,
der legt wenigstens einen Sinn noch hinein: das heisst, er
glaubt, dass ein Wille bereits darin sei (Princip des "Glaubens").
19. Wie? ihr wähltet die Tugend und den gehobenen Busen
und seht zugleich scheel nach den Vortheilen der Unbedenklichen?
- Aber mit der Tugend verzichtet man auf "Vortheile"...
(einem Antisemiten an die Hausthür.)
20. Das vollkommene Weib begeht Litteratur, wie es eine kleine
Sünde begeht: zum Versuch, im Vorübergehn, sich
umblickend, ob es Jemand bemerkt und dass es Jemand bemerkt...
21. Sich in lauter Lagen begeben, wo man keine Scheintugenden
haben darf, wo man vielmehr, wie der Seiltänzer auf seinem
Seile, entweder stürzt oder steht - oder davon kommt...
22. "Böse Menschen haben keine Lieder." -
Wie kommt es, dass die Russen Lieder haben?
23. "Deutscher Geist": seit achtzehn Jahren eine
contradictio in adjecto.
24. Damit, dass man nach den Anfängen sucht, wird man
Krebs. Der Historiker sieht rückwärts; endlich glaubt
er auch rückwärts.
25. Zufriedenheit schützt selbst vor Erkältung.
Hat je sich ein Weib, das sich gut bekleidet wusste, erkältet?
- Ich setze den Fall, das es kaum bekleidet war.
26. Ich misstraue allen Systematikern und gehe ihnen aus
dem Weg. Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit.
27. Man hält das Weib für tief - warum? weil man
nie bei ihm auf den Grund kommt. Das Weib ist noch nicht einmal
flach.
28. Wenn das Weib männliche Tugenden hat, so ist es
zum Davonlaufen; und wenn es keine männlichen Tugenden
hat, so läuft es selbst davon.
29. "Wie viel hatte ehemals das Gewissen zu beissen?
welche guten Zähne hatte es? - Und heute? woran fehlt
es?" - Frage eines Zahnarztes.
30. Man begeht selten eine Übereilung allein. In der
ersten Übereilung thut man immer zu viel. Eben darum
begeht man gewöhnlich noch eine zweite - und nunmehr
thut man zu wenig...
31. Der getretene Wurm krümmt sich. So ist es klug.
Er verringert damit die Wahrscheinlichkeit, von Neuem getreten
zu werden. In der Sprache der Moral: Demuth. -
32. Es giebt einen Hass auf Lüge und Verstellung aus
einem reizbaren Ehrbegriff; es giebt einen ebensolchen Hass
aus Feigheit, insofern die Lüge, durch ein göttliches
Gebot, verboten ist. Zu feige, um zu lügen...
33. Wie wenig gehört zum Glücke! Der Ton eines
Dudelsacks. - Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum.
Der Deutsche denkt sich selbst Gott liedersingend.
34. On ne peut penser et écrire qu'assis (G. Flaubert).
- Damit habe ich dich, Nihilist! Das Sitzfleisch ist gerade
die Sünde wider den heiligen Geist. Nur die ergangenen
Gedanken haben Werth.
35. Es giebt Fälle, wo wir wie Pferde sind, wir Psychologen,
und in Unruhe gerathen: wir sehen unsren eignen Schatten vor
uns auf und niederschwanken. Der Psychologe muss von sich
absehn, um überhaupt zu sehn.
36. Ob wir Immoralisten der Tugend Schaden thun? - Eben so
wenig, als die Anarchisten den Fürsten. Erst seitdem
diese angeschossen werden, sitzen sie wieder fest auf ihrem
Thron. Moral: man muss die Moral anschiessen.
37. Du läufst voran? - Thust du das als Hirt? oder als
Ausnahme? Ein dritter Fall wäre der Entlaufene... Erste
Gewissensfrage.
38. Bist du echt? oder nur ein Schauspieler? Ein Vertreter?
oder das Vertretene selbst? - Zuletzt bist du gar bloss ein
nachgemachter Schauspieler... Zweite Gewissensfrage.
39. Der Enttäuschte spricht. - Ich suchte nach grossen
Menschen, ich fand immer nur die Affen ihres Ideals.
40. Bist du Einer, der zusieht? oder der Hand anlegt? - oder
der wegsieht, bei Seite geht?... Dritte Gewissensfrage.
41. Willst du mitgehn? oder vorangehn? oder für dich
gehn?... Man muss wissen, was man will und dass man will.
Vierte Gewissensfrage.
42. Das waren Stufen für mich ich bin über sie
hinaufgestiegen, - dazu musste ich über sie hinweg. Aber
sie meinten, ich wollte mich auf ihnen zur Ruhe setzen...
43. Was liegt daran, das ich Recht behalte! Ich habe zu viel
Recht. - Und wer heute am besten lacht, lacht auch zuletzt.
44. Formel meines Glücks: ein Ja, ein Nein, eine gerade
Linie ein Ziel...
Das Problem des Sokrates.
1. Über das Leben haben zu allen Zeiten die Weisesten
gleich geurtheilt: es taugt nichts... Immer und überall
hat man aus ihrem Munde denselben Klang gehört, - einen
Klang voll Zweifel, voll Schwermuth, voll Müdigkeit am
Leben, voll Widerstand gegen das Leben. Selbst Sokrates sagte,
als er starb: "leben - das heisst lange krank sein: ich
bin dem Heilande Asklepios einen Hahn schuldig." Selbst
Sokrates hatte es satt. - Was beweist das? Worauf weist das?
- Ehemals hätte man gesagt (- oh man hat es gesagt und
laut genug und unsre Pessimisten voran!): "Hier muss
jedenfalls Etwas wahr sein! Der consensus sapientium beweist
die Wahrheit." - Werden wir heute noch so reden? Dürfen
wir das? "Hier muss jedenfalls Etwas krank sein"
- geben wir zur Antwort: diese Weisesten aller Zeiten, man
sollte sie sich erst aus der Nähe ansehn! Waren sie vielleicht
allesammt auf den Beinen nicht mehr fest? spät? wackelig?
décadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden
als Rabe, den ein kleiner Geruch von Aas begeistert?...
2. Mir selbst ist diese Unehrerbietigkeit, dass die grossen
Weisen Niedergangs-Typen sind, zuerst gerade in einem Falle
aufgegangen, wo ihr am stärksten das gelehrte und ungelehrte
Vorurtheil entgegensteht: ich erkannte Sokrates und Plato
als Verfalls-Symptome, als Werkzeuge der griechischen Auflösung,
als pseudogriechisch, als antigriechisch ("Geburt der
Tragödie" 1872), jener consensus sapientium - das
begriff ich immer besser - beweist am wenigsten, dass sie
Recht mit dem hatten, worüber sie übereinstimmten:
er beweist vielmehr, dass sie selbst, diese Weisesten, irgend
worin physiologisch übereinstimmten, um auf gleiche Weise
negativ zum Leben zu stehn, - stehn zu müssen. Urtheile,
Werthurtheile über das Leben, für oder wider, können
zuletzt niemals wahr sein: sie haben nur Werth als Symptome,
sie kommen nur als Symptome in Betracht, - an sich sind solche
Urtheile Dummheiten. Man muss durchaus seine Finger darnach
ausstrecken und den Versuch machen, diese erstaunliche finesse
zu fassen, dass der Werth des Lebens nicht abgeschätzt
werden kann. Von einem Lebenden nicht, weil ein solcher Partei,
ja sogar Streitobjekt ist und nicht Richter; von einem Todten
nicht, aus einem andren Grunde. - Von Seiten eines Philosophen
im Werth des Lebens ein Problem sehn bleibt dergestalt sogar
ein Einwurf gegen ihn, ein Fragezeichen an seiner Weisheit,
eine Unweisheit. - Wie? und alle diese grossen Weisen - sie
wären nicht nur décadents, sie wären nicht
einmal weise gewesen? - Aber ich komme auf das Problem des
Sokrates zurück.
3. Sokrates gehörte, seiner Herkunft nach, zum niedersten
Volk: Sokrates war Pöbel. Man weiss, man sieht es selbst
noch, wie hässlich er war. Aber Hässlichkeit, an
sich ein Einwand, ist unter Griechen beinahe eine Widerlegung.
War Sokrates überhaupt ein Grieche? Die Hässlichkeit
ist häufig genug der Ausdruck einer gekreuzten, durch
Kreuzung gehemmten Entwicklung. Im andren Falle erscheint
sie als niedergehende Entwicklung.
Die Anthropologen unter den Criminalisten sagen uns, dass
der typische Verbrecher hässlich ist: monstrum in fronte,
monstrum in animo. Aber der Verbrecher ist ein décadent.
War Sokrates ein typischer Verbrecher? - Zum Mindesten widerspräche
dem jenes berühmte Physiognomen-Urtheil nicht, das den
Freunden des Sokrates so anstössig klang. Ein Ausländer,
der sich auf Gesichter verstand, sagte, als er durch Athen
kam, dem Sokrates in's Gesicht, er sei ein monstrum, - er
berge alle schlimmen Laster und Begierden in sich. Und Sokrates
antwortete bloss: "Sie kennen mich, mein Herr!"
-
4. Auf décadence bei Sokrates deutet nicht nur die
zugestandne Wüstheit und Anarchie in den Instinkten:
eben dahin deutet auch die Superfötation des Logischen
und jene Rhachitiker-Bosheit, die ihn auszeichnet. Vergessen
wir auch jene Gehörs-Hallucinationen nicht, die, als
"Dämonion des Sokrates", in's Religiöse
interpretirt worden sind. Alles ist übertrieben, buffo,
Karikatur an ihm, Alles ist zugleich versteckt, hintergedanklich,
unterirdisch. - Ich suche zu begreifen, aus welcher Idiosynkrasie
jene sokratische Gleichsetzung von Vernunft = Tugend = Glück
stammt: jene bizarrste Gleichsetzung, die es giebt und die
in Sonderheit alle Instinkte des älteren Hellenen gegen
sich hat.
5. Mit Sokrates schlägt der griechische Geschmack zu
Gunsten der Dialektik um: was geschieht da eigentlich? Vor
Allem wird damit ein vornehmer Geschmack besiegt; der Pöbel
kommt mit der Dialektik obenauf. Vor Sokrates lehnte man in
der guten Gesellschaft die dialektischen Manieren ab: sie
galten als schlechte Manieren, sie stellten bloss. Man warnte
die Jugend vor ihnen. Auch misstraute man allein solchen Präsentiren
seiner Gründe. Honnette Dinge tragen, wie honnette Menschen,
ihre Gründe nicht so in der Hand. Es ist unanständig,
alle fünf Finger zeigen. Was sich erst beweisen lassen
muss, ist wenig werth. Überall, wo noch die Autorität
zur guten Sitte gehört, wo man nicht "begründet",
sondern befiehlt, ist der Dialektiker eine Art Hanswurst:
man lacht über ihn, man nimmt ihn nicht ernst. - Sokrates
war der Hanswurst, der sich ernst nehmen machte: was geschah
da eigentlich? -
6. Man wählt die Dialektik nur, wenn man kein andres
Mittel hat. Man weiss, dass man Misstrauen mit ihr erregt,
dass sie wenig überredet. Nichts ist leichter wegzuwischen
als ein Dialektiker-Effekt: die Erfahrung jeder Versammlung,
wo geredet wird, beweist das. Sie kann nur Nothwehr sein,
in den Händen Solcher, die keine andren Waffen mehr haben.
Man muss sein Recht zu erzwingen haben: eher macht man keinen
Gebrauch von ihr. Die Juden waren deshalb Dialektiker; Reinecke
Fuchs war es: wie? und Sokrates war es auch? -
7. - Ist die Ironie des Sokrates ein Ausdruck von Revolte?
von Pöbel-Ressentiment? geniesst er als Unterdrückter
seine eigne Ferocität in den Messerstichen des Syllogismus?
Rächt er sich an den Vornehmen, die er fascinirt? - Man
hat, als Dialektiker, ein schonungsloses Werkzeug in der Hand;
man kann mit ihm den Tyrannen machen; man stellt bloss, indem
man siegt. Der Dialektiker überlässt seinem Gegner
den Nachweis, kein Idiot zu sein: er macht wüthend, er
macht zugleich hülflos. Der Dialektiker depotenzirt den
Intellekt seines Gegners. - Wie? ist Dialektik nur eine Form
der Rache bei Sokrates?
8. Ich habe zu verstehn gegeben, womit Sokrates abstossen
konnte: es bleibt um so mehr zu erklären, dass er fascinirte.
- Dass er eine neue Art Agon entdeckte, dass er der erste
Fechtmeister davon für die vornehmen Kreise Athen's war,
ist das Eine. Er fascinirte, indem er an den agonalen Trieb
der Hellenen rührte, - er brachte eine Variante in den
Ringkampf zwischen jungen Männern und Jünglingen.
Sokrates war auch ein grosser Erotiker.
9. Aber Sokrates errieth noch mehr. Er sah hinter seine vornehmen
Athener; er begriff, dass sein Fall, seine Idiosynkrasie von
Fall bereits kein Ausnahmefall war. Die gleiche Art von Degenerescenz
bereitete sich überall im Stillen vor: das alte Athen
gieng zu Ende. - Und Sokrates verstand, dass alle Welt ihn
nöthig hatte, - sein Mittel, seine Kur, seinen Personal-Kunstgriff
der Selbst-Erhaltung... Überall waren die Instinkte in
Anarchie; überall war man fünf Schritt weit vom
Excess: das monstrum in animo war die allgemeine Gefahr. "Die
Triebe wollen den Tyrannen machen; man muss einen Gegentyrannen
erfinden, der stärker ist"... Als jener Physiognomiker
dem Sokrates enthüllt hatte, wer er war, eine Höhle
aller schlimmen Begierden, liess der grosse Ironiker noch
ein Wort verlauten, das den Schlüssel zu ihm giebt. "Dies
ist wahr, sagte er, aber ich wurde über alle Herr."
Wie wurde Sokrates über sich Herr? - Sein Fall war im
Grunde nur der extreme Fall, nur der in die Augen springendste
von dem, was damals die allgemeine Noth zu werden anfieng:
dass Niemand mehr über sich Herr war, dass die Instinkte
sich gegen einander wendeten. Er fascinirte als dieser extreme
Fall - seine furchteinflössende Hässlichkeit sprach
ihn für jedes Auge aus: er fascinirte, wie sich von selbst
versteht, noch stärker als Antwort, als Lösung,
als Anschein der Kur dieses Falls. -
10. Wenn man nöthig hat, aus der Vernunft einen Tyrannen
zu machen, wie Sokrates es that, so muss die Gefahr nicht
klein sein, dass etwas Andres den Tyrannen macht. Die Vernünftigkeit
wurde damals errathen als Retterin, es stand weder Sokrates,
noch seinen "Kranken" frei, vernünftig zu sein,
- es war de rigueur, es war ihr letztes Mittel. Der Fanatismus,
mit dem sich das ganze griechische Nachdenken auf die Vernünftigkeit
wirft, verräth eine Nothlage: man war in Gefahr, man
hatte nur Eine Wahl: entweder zu Grunde zu gehn oder - absurd-vernünftig
zu sein... Der Moralismus der griechischen Philosophen von
Plato ab ist pathologisch bedingt; ebenso ihre Schätzung
der Dialektik. Vernunft = Tugend = Glück heisst bloss:
man muss es dem Sokrates nachmachen und gegen die dunklen
Begehrungen ein Tageslicht in Permanenz herstellen - das Tageslicht
der Vernunft. Man muss klug, klar, hell um jeden Preis sein:
jedes Nachgeben an die Instinkte, an's Unbewusste führt
hinab...
11. Ich habe zu verstehn gegeben, womit Sokrates fascinirte:
er schien ein Arzt, ein Heiland zu sein. Ist es nöthig,
noch den Irrthum aufzuzeigen, der in seinem Glauben an die
"Vernünftigkeit um jeden Preis" lag? - Es ist
ein Selbstbetrug seitens der Philosophen und Moralisten, damit
schon aus der décadence herauszutreten, dass sie gegen
dieselbe Krieg machen. Das Heraustreten steht ausserhalb ihrer
Kraft: was sie als Mittel, als Rettung wählen, ist selbst
nur wieder ein Ausdruck der décadence - sie verändern
deren Ausdruck, sie schaffen sie selbst nicht weg. Sokrates
war ein Missverständniss; die ganze Besserungs-Moral,
auch die christliche, war ein Missverständniss... Das
grellste Tageslicht, die Vernünftigkeit um jeden Preis,
das Leben hell, kalt, vorsichtig, bewusst, ohne Instinkt,
im Widerstand gegen Instinkte war selbst nur eine Krankheit,
eine andre Krankheit - und durchaus kein Rückweg zur
"Tugend", zur "Gesundheit", zum Glück...
Die Instinkte bekämpfen müssen - das ist die Formel
für décadence: so lange das Leben aufsteigt, ist
Glück gleich Instinkt. -
12. - Hat er das selbst noch begriffen, dieser Klügste
aller Selbstüberlister? Sagte er sich das zuletzt, in
der Weisheit seines Muthes zum Tode?... Sokrates wollte sterben:
- nicht Athen, er gab sich den Giftbecher, er zwang Athen
zum Giftbecher... Sokrates ist kein Arzt sprach er leise zu
sich: "der Tod allein ist hier Arzt... Sokrates selbst
war nur lange krank..."
Die "Vernunft" in der Philosophie.
1. Sie fragen mich, was Alles Idiosynkrasie bei den Philosophen
ist?... Zum Beispiel ihr Mangel an historischem Sinn, ihr
Hass gegen die Vorstellung selbst des Werdens, ihr Ägypticismus.
Sie glauben einer Sache eine Ehre anzuthun, wenn sie dieselbe
enthistorisiren, sub specie aetemi, - wenn sie aus ihr eine
Mumie machen. Alles, was Philosophen seit Jahrtausenden gehandhabt
haben, waren Begriffs-Mumien; es kam nichts Wirkliches lebendig
aus ihren Händen. Sie tödten, sie stopfen aus, diese
Herren Begriffs-Götzendiener, wenn sie anbeten, - sie
werden Allem lebensgefährlich, wenn sie anbeten. Der
Tod, der Wandel, das Alter ebensogut als Zeugung und Wachsthum
sind für sie Einwände, - Widerlegungen sogar. Was
ist, wird nicht; was wird ist nicht... Nun glauben sie Alle,
mit Verzweiflung sogar, an's Seiende. Da sie aber dessen nicht
habhaft werden, suchen sie nach Gründen, weshalb man's
ihnen vorenthält. "Es muss ein Schein, eine Betrügerei
dabei sein, dass wir das Seiende nicht wahrnehmen: wo steckt
der Betrüger?" - "Wir haben ihn, schreien sie
glückselig, die Sinnlichkeit ist's! Diese Sinne, die
auch sonst so unmoralisch sind, sie betrügen uns über
die wahre Welt. Moral: loskommen von dem Sinnentrug, vom Werden,
von der Historie, von der Lüge, - Historie ist nichts
als Glaube an die Sinne, Glaube an die Lüge. Moral: Neinsagen
zu Allem, was den Sinnen Glauben schenkt, zum ganzen Rest
der Menschheit: das ist Alles `Volk`. Philosoph sein, Mumie
sein, den Monotono-Theismus durch eine Todtengräber-Mimik
darstellen! - Und weg vor Allem mit dem Leibe, dieser erbarmungswürdigen
idée fixe der Sinne! behaftet mit allen Fehlern der
Logik, die es giebt, widerlegt, unmöglich sogar, ob er
schon frech genug ist, sich als wirklich zu gebärden!"...
2. Ich nehme, mit hoher Ehrerbietung, den Namen Heraklit's
bei Seite. Wenn das andre Philosophen-Volk das Zeugniss der
Sinne verwarf, weil dieselben Vielheit und Veränderung
zeigten, verwarf er deren Zeugniss, weil sie die Dinge zeigten,
als ob sie Dauer und Einheit hätten. Auch Heraklit that
den Sinnen Unrecht. Dieselben lügen weder in der Art,
wie die Eleaten es glauben, noch wie er es glaubte, - sie
lügen überhaupt nicht. Was wir aus ihrem Zeugniss
machen, das legt erst die Lüge hinein, zum Beispiel die
Lüge der Einheit, die Lüge der Dinglichkeit, der
Substanz, der Dauer... Die "Vernunft" ist die Ursache,
dass wir das Zeugniss der Sinne fälschen. Sofern die
Sinne das Werden, das Vergehn, den Wechsel zeigen, lügen
sie nicht... Aber damit wird Heraklit ewig Recht behalten,
dass das Sein eine leere Fiktion ist. Die "scheinbare"
Welt ist die einzige: die wahre Welt ist nur hinzugelogen...
3. - Und was für feine Werkzeuge der Beobachtung haben
wir an unsren Sinnen! Diese Nase zum Beispiel, von der noch
kein Philosoph mit Verehrung und Dankbarkeit gesprochen hat,
ist sogar einstweilen das delikateste Instrument, das uns
zu Gebote steht: es vermag noch Minimaldifferenzen der Bewegung
zu constatiren, die selbst das Spektroskop nicht constatirt.
Wir besitzen heute genau so weit Wissenschaft, als wir uns
entschlossen haben, das Zeugniss der Sinne anzunehmen, - als
wir sie noch schärfen, bewaffnen, zu Ende denken lernten.
Der Rest ist Missgeburt und Noch-nicht-Wissenschaft: will
sagen Metaphysik, Theologie, Psychologie, Erkenntnisstheorie.
Oder Formal-Wissenschaft, Zeichenlehre: wie die Logik und
jene angewandte Logik, die Mathematik. In ihnen kommt die
Wirklichkeit gar nicht vor, nicht einmal als Problem; ebensowenig
als die Frage, welchen Werth überhaupt eine solche Zeichen-Convention,
wie die Logik ist, hat. -
4. Die andre Idiosynkrasie der Philosophen ist nicht weniger
gefährlich: sie besteht darin, das Letzte und das Erste
zu verwechseln. Sie setzen Das, was am Ende kommt - leider!
denn es sollte gar nicht kommen! - die "höchsten
Begriffe", das heisst die allgemeinsten, die leersten
Begriffe, den letzten Rauch der verdunstenden Realität
an den Anfang als Anfang. Es ist dies wieder nur der Ausdruck
ihrer Art zu verehren: das Höhere darf nicht aus dem
Niederen wachsen, darf überhaupt nicht gewachsen sein...
Moral: Alles, was ersten Ranges ist, muss causa sui sein.
Die Herkunft aus etwas Anderem gilt als Einwand, als Werth-Anzweifelung.
Alle obersten Werthe sind ersten Ranges, alle höchsten
Begriffe, das Seiende, das Unbedingte, das Gute, das Wahre,
das Vollkommne - das Alles kann nicht geworden sein, muss
folglich causa sui sein. Das Alles aber kann auch nicht einander
ungleich, kann nicht mit sich im Widerspruch sein... Damit
haben sie ihren stupenden Begriff "Gott"... Das
Letzte, Dünnste, Leerste wird als Erstes gesetzt, als
Ursache an sich, als ens realissimum... Dass die Menschheit
die Gehirnleiden kranker Spinneweber hat ernst nehmen müssen!
- Und sie hat theuer dafür gezahlt!...
5. - Stellen wir endlich dagegen, auf welche verschiedne
Art wir (- ich sage höflicher Weise wir... ) das Problem
des Irrthums und der Scheinbarkeit in's Auge fassen. Ehemals
nahm man die Veränderung, den Wechsel, das Werden überhaupt
als Beweis für Scheinbarkeit, als Zeichen dafür,
dass Etwas da sein müsse, das uns irre führe. Heute
umgekehrt sehen wir, genau so weit als das Vernunft-Vorurtheil
uns zwingt, Einheit, Identität, Dauer, Substanz, Ursache,
Dinglichkeit, Sein anzusetzen, uns gewissermaassen verstrickt
in den Irrthum, necessitirt zum Irrthum; so sicher wir auf
Grund einer strengen Nachrechnung bei uns darüber sind,
dass hier der Irrthum ist. Es steht damit nicht anders als
mit den Bewegungen des grossen Gestirns: bei ihnen hat der
Irrthum unser Auge, hier hat er unsre Sprache zum beständigen
Anwalt. Die Sprache gehört ihrer Entstehung nach in die
Zeit der rudimentärsten Form von Psychologie: wir kommen
in ein grobes Fetischwesen hinein, wenn wir uns die Grundvoraussetzungen
der Sprach-Metaphysik, auf deutsch: der Vernunft, zum Bewusstsein
bringen. Das sieht überall Thäter und Thun: das
glaubt an Willen als Ursache überhaupt; das glaubt an's
"Ich", an's Ich als Sein, an's Ich als Substanz
und projicirt den Glauben an die Ich-Substanz auf alle Dinge
- es schafft erst damit den Begriff "Ding"... Das
Sein wird überall als Ursache hineingedacht, untergeschoben;
aus der Conception "Ich" folgt erst, als abgeleitet,
der Begriff "Sein"... Am Anfang steht das grosse
Verhängniss von Irrthum, dass der Wille Etwas ist, das
wirkt, - dass Wille ein Vermögen ist... Heute wissen
wir, dass er bloss ein Wort ist... Sehr viel später,
in einer tausendfach aufgeklärteren Welt kam die Sicherheit,
die subjektive Gewissheit in der Handhabung der Vemunft-Kategorien
den Philosophen mit Überraschung zum Bewusstsein: sie
schlossen, dass dieselben nicht aus der Empirie stammen könnten,
- die ganze Empirie stehe ja zu ihnen in Widerspruch. Woher
also stammen sie? - Und in Indien wie in Griechenland hat
man den gleichen Fehlgriff gemacht: "wir müssen
schon einmal in einer höheren Welt heimisch gewesen sein
(- statt in einer sehr viel niederen: was die Wahrheit gewesen
wäre!), wir müssen göttlich gewesen sein, denn
wir haben die Vernunft!"... In der That, Nichts hat bisher
eine naivere Überredungskraft gehabt als der Irrthum
vom Sein, wie er zum Beispiel von den Eleaten formulirt wurde:
er hat ja jedes Wort für sich, jeden Satz für sich,
den wir sprechen! - Auch die Gegner der Eleaten unterlagen
noch der Verführung ihres Seins-Begriffs: Demokrit unter
Anderen, als er sein Atom erfand... Die "Vernunft"
in der Sprache: oh was für eine alte betrügerische
Weibsperson! Ich fürchte, wir werden Gott nicht los,
weil wir noch an die Grammatik glauben...
6. Man wird mir dankbar sein, wenn ich eine so wesentliche,
so neue Einsicht in vier Thesen zusammendränge: ich erleichtere
damit das Verstehen, ich fordere damit den Widerspruch heraus.
Erster Satz. Die Gründe, darauf hin "diese"
Welt als scheinbar bezeichnet worden ist, begründen vielmehr
deren Realität, - eine andre Art Realität ist absolut
unnachweisbar.
Zweiter Satz. Die Kennzeichen, welche man dem "wahren
Sein" der Dinge gegeben hat, sind die Kennzeichen des
Nicht Seins, des Nichts, - man hat die "wahre Welt"
aus dem Widerspruch zur wirklichen Welt aufgebaut: eine scheinbare
Welt in der That, insofern sie bloss eine moralisch-optische
Täuschung ist.
Dritter Satz. Von einer "andren" Welt als dieser
zu fabeln hat gar keinen Sinn, vorausgesetzt, dass nicht ein
Instinkt der Verleumdung, Verkleinerung, Verdächtigung
des Lebens in uns mächtig ist: im letzteren Falle rächen
wir uns am Leben mit der Phantasmagorie eines "anderen",
eines "besseren" Lebens.
Vierter Satz. Die Welt scheiden in eine "wahre"
und eine "scheinbare", sei es in der Art des Christenthums,
sei es in der Art Kant's (eines hinterlistigen Christen zu
guterletzt) ist nur eine Suggestion der décadence,
- ein Symptom niedergehenden Lebens... Dass der Künstler
den Schein höher schätzt als die Realität,
ist kein Einwand gegen diesen Satz. Denn "der Schein"
bedeutet hier die Realität noch einmal, nur in einer
Auswahl, Verstärkung, Correctur... Der tragische Künstler
ist kein Pessimist, - er sagt gerade Ja zu allem Fragwürdigen
und Furchtbaren selbst, er ist dionysisch...
Wie die "wahre Welt" endlich
zur Fabel wurde.
Geschichte eines Irrthums.
1. Die wahre Welt erreichbar für den Weisen, den Frommen,
den Tugendhaften, - er lebt in ihr, er ist sie.
(Älteste Form der Idee, relativ klug, simpel, überzeugend.
Umschreibung des Satzes "ich, Plato, bin die Wahrheit".)
2. Die wahre Welt, unerreichbar für jetzt, aber versprochen
für den Weisen, den Frommen, den Tugendhaften ("für
den Sünder, der Busse thut").
(Fortschritt der Idee: sie wird feiner, verfänglicher,
unfasslicher, - sie wird Weib, sie wird christlich... )
3. Die wahre Welt, unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar,
aber schon als gedacht ein Trost, eine Verpflichtung, ein
Imperativ.
(Die alte Sonne im Grunde, aber durch Nebel und Skepsis hindurch;
die Idee sublim geworden, bleich, nordisch, königsbergisch.)
4. Die wahre Welt - unerreichbar? jedenfalls unerreicht.
Und als unerreicht auch unbekannt. Folglich auch nicht tröstend,
erlösend, verpflichtend: wozu könnte uns etwas Unbekanntes
verpflichten?...
(Grauer Morgen. Erstes Gähnen der Vernunft. Hahnenschrei
des Positivismus.)
5. Die "wahre Welt" - eine Idee, die zu Nichts
mehr nütz ist, nicht einmal mehr verpflichtend, - eine
unnütz, eine überflüssig gewordene Idee, folglich
eine widerlegte Idee: schaffen wir sie ab!
(Heller Tag; Frühstück; Rückkehr des bon sens
und der Heiterkeit; Schamröthe Plato's; Teufelslärm
aller freien Geister.)
6. Die wahre Welt haben wir abgeschafft: welche Welt blieb
übrig? die scheinbare vielleicht?... Aber nein! mit der
wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft!
(Mittag; Augenblick des kürzesten Schattens; Ende des
längsten Irrthums; Höhepunkt der Menschheit; INCIPIT
ZARATHUSTRA.)
Moral als Widernatur.
1. Alle Passionen haben eine Zeit, wo sie bloss verhängnissvoll
sind, wo sie mit der Schwere der Dummheit ihr Opfer hinunterziehen
- und eine spätere, sehr viel spätere, wo sie sich
mit dem Geist verheirathen, sich "vergeistigen".
Ehemals machte man, wegen der Dummheit in der Passion, der
Passion selbst den Krieg: man verschwor sich zu deren Vernichtung,
- alle alten Moral-Unthiere sind einmüthig darüber
"il faut tuer les passions." Die berühmteste
Formel dafür steht im neuen Testament, in jener Bergpredigt,
wo, anbei gesagt, die Dinge durchaus nicht aus der Höhe
betrachtet werden. Es wird daselbst zum Beispiel mit Nutzanwendung
auf die Geschlechtlichkeit gesagt "wenn dich dein Auge
ärgert, so reisse es aus": zum Glück handelt
kein Christ nach dieser Vorschrift. Die Leidenschaften und
Begierden vernichten, bloss um ihrer Dummheit und den unangenehmen
Folgen ihrer Dummheit vorzubeugen, erscheint uns heute selbst
bloss als eine akute Form der Dummheit. Wir bewundern die
Zahnärzte nicht mehr, welche die Zähne ausreissen,
damit sie nicht mehr weh thun... Mit einiger Billigkeit werde
andrerseits zugestanden, dass auf dem Boden, aus dem das Christenthum
gewachsen ist, der Begriff "Vergeistigung der Passion"
gar nicht concipirt werden konnte. Die erste Kirche kämpfte
ja, wie bekannt, gegen die "Intelligenten" zu Gunsten
der "Armen des Geistes": wie dürfte man von
ihr einen intelligenten Krieg gegen die Passion erwarten?
- Die Kirche bekämpft die Leidenschaft mit Ausschneidung
in jedem Sinne: ihre Praktik, ihre "Kur" ist der
Castratismus. Sie fragt nie: "wie vergeistigt, verschönt,
vergöttlicht man eine Begierde?" - sie hat zu allen
Zeiten den Nachdruck der Disciplin auf die Ausrottung (der
Sinnlichkeit, des Stolzes, der Herrschsucht, der Habsucht,
der Rachsucht) gelegt. - Aber die Leidenschaften an der Wurzel
angreifen heisst das Leben an der Wurzel angreifen: die Praxis
der Kirche ist lebensfeindlich...
2. Dasselbe Mittel, Verschneidung, Ausrottung, wird instinktiv
im Kampfe mit einer Begierde von Denen gewählt, welche
zu willensschwach, zu degenerirt sind, um sich ein Maass in
ihr auflegen zu können: von jenen Naturen, die la Trappe
nöthig haben, im Gleidiniss gesprochen (und ohne Gleichniss
-), irgend eine endgültige Feindschafts-Erklärung,
eine Kluft zwischen sich und einer Passion. Die radikalen
Mittel sind nur den Degenerirten unentbehrlich; die Schwäche
des Willens, bestinunter geredet, die Unfähigkeit, auf
einen Reiz nicht zu reagiren, ist selbst bloss eine andre
Form der Degenerescenz. Die radikale Feindschaft, die Todfeindschaft
gegen die Sinnlichkeit bleibt ein nachdenkliches Symptom:
man ist damit zu Vermuthungen über den Gesammt-Zustand
eines dergestalt Excessiven berechtigt. - Jene Feindschaft,
jener Hass kommt übrigens erst auf seine Spitze, wenn
solche Naturen selbst zur Radikal-Kur, zur Absage von ihrem
"Teufel" nicht mehr Festigkeit genug haben. Man
überschaue die ganze Geschichte der Priester und Philosophen,
der Künstler hinzugenommen: das Giftigste gegen die Sinne
ist nicht von den Impotenten gesagt, auch nicht von den Asketen,
sondern von den unmöglichen Asketen, von Solchen, die
es nöthig gehabt hätten, Asketen zu sein...
3. Die Vergeistigung der Sinnlichkeit heisst Liebe: sie ist
ein grosser Triumph über das Christenthum. Ein andrer
Triumph ist unsre Vergeistigung der Feindschaft. Sie besteht
darin, dass man tief den Werth begreift, den es hat, Feinde
zu haben: kurz, dass man umgekehrt thut und schliesst als
man ehedem that und schloss. Die Kirche wollte zu allen Zeiten
die Vernichtung ihrer Feinde: wir, wir Immoralisten und Antichristen,
sehen unsern Vortheil darin, dass die Kirche besteht... Auch
im Politischen ist die Feindschaft jetzt geistiger geworden,
- viel klüger, viel nachdenklicher, viel schonender.
Fast jede Partei begreift ihr Selbsterhaltungs-Interesse darin,
dass die Gegenpartei nicht von Kräften kommt; dasselbe
gilt von der grossen Politik. Eine neue Schöpfung zumal,
etwa das neue Reich, hat Feinde nöthiger als Freunde:
im Gegensatz erst fühlt es sich nothwendig, im Gegensatz
wird es erst nothwendig... Nicht anders verhalten wir uns
gegen den "inneren Feind": auch da haben wir die
Feindschaft vergeistigt, auch da haben wir ihren Werth begriffen.
Man ist nur fruchtbar um den Preis, an Gegensätzen reich
zu sein; man bleibt nur jung unter der Voraussetzung, dass
die Seele nicht sich streckt, nicht nach Frieden begehrt...
Nichts ist uns fremder geworden als jene Wünschbarkeit
von Ehedem, die vom "Frieden der Seele", die christliche
Wünschbarkeit; Nichts macht uns weniger Neid als die
Moral-Kuh und das fette Glück des guten Gewissens. Man
hat auf das grosse Leben verzichtet, wenn man auf den Krieg
verzichtet... In vielen Fällen freilich ist der "Frieden
der Seele" bloss ein Missverständniss, - etwas Anderes,
das sich nur nicht ehrlicher zu benennen weiss. Ohne Umschweif
und Vorurtheil ein paar Fälle. "Frieden der Seele"
kann zum Beispiel die sanfte Ausstrahlung einer reichen Animalität
in's Moralische (oder Religiöse) sein. Oder der Anfang
der Müdigkeit, der erste Schatten, den der Abend, jede
Art Abend wirft. Oder ein Zeichen davon, dass die Luft feucht
ist, dass Südwinde herankommen. Oder die Dankbarkeit
wider Wissen für eine glückliche Verdauung ("Menschenliebe"
mitunter genannt). Oder das Stille-werden des Genesenden,
dem alle Dinge neu schmecken und der wartet... Oder der Zustand,
der einer starken Befriedigung unsrer herrschenden Leidenschaft
folgt, das Wohlgefühl einer seltnen Sattheit. Oder die
Altersschwäche unsres Willens, unsrer Begehrungen, unsrer
Laster. Oder die Faulheit, von der Eitelkeit überredet,
sich moralisch aufzuputzen. Oder der Eintritt einer Gewissheit,
selbst furchtbaren Gewissheit, nach einer langen Spannung
und Marterung durch die Ungewissheit. Oder der Ausdruck der
Reife und Meisterschaft mitten im Thun, Schaffen, Wirken,
Wollen, das ruhige Athmen, die erreichte "Freiheit des
Willens"... Götzen-Dämmerung: wer weiss? vielleicht
auch nur eine Art "Frieden der Seele"...
4. - Ich bringe ein Princip in Formel. Jeder Naturalismus
in der Moral, das heisst jede gesunde Moral ist von einem
Instinkte des Lebens beherrscht, - irgend ein Gebot des Lebens
wird mit einem bestimmten Kanon von "Soll" und "Soll
nicht" erfüllt, irgend eine Hemmung und Feindseligkeit
auf dem Wege des Lebens wird damit bei Seite geschafft. Die
widernatürliche Moral, das heisst fast jede Moral, die
bisher gelehrt, verehrt und gepredigt worden ist, wendet sich
umgekehrt gerade gegen die Instinkte des Lebens, - sie ist
eine bald heimliche, bald laute und freche Verurtheilung dieser
Instinkte. Indem sie sagt "Gott sieht das Herz an",
sagt sie Nein zu den untersten und obersten Begehrungen des
Lebens und nimmt Gott als Feind des Lebens... Der Heilige,
an dem Gott sein Wohlgefallen hat, ist der ideale Castrat...
Das Leben ist zu Ende, wo das "Reich Gottes" anfängt...
5. Gesetzt, dass man das Frevelhafte einer solchen Auflehnung
gegen das Leben begriffen hat, wie sie in der christlichen
Moral beinahe sakrosankt geworden ist, so hat man damit, zum
Glück, auch Etwas Andres begriffen: das Nutzlose, Scheinbare,
Absurde, Lügnerische einer solchen Auflehnung. Eine Verurtheilung
des Lebens von Seiten des Lebenden bleibt zuletzt doch nur
das Symptom einer bestimmten Art von Leben: die Frage, ob
mit Recht, ob mit Unrecht, ist gar nicht damit aufgeworfen.
Man müsste eine Stellung ausserhalb des Lebens haben,
und andrerseits es so gut kennen, wie Einer, wie Viele, wie
Alle, die es gelebt haben, um das Problem vom Werth des Lebens
überhaupt anrühren zu dürfen: Gründe genug,
um zu begreifen, dass das Problem ein für uns unzugängliches
Problem ist. Wenn wir von Werthen reden, reden wir unter der
Inspiration, unter der Optik des Lebens: das Leben selbst
zwingt uns Werthe anzusetzen, das Leben selbst werthet durch
uns, wenn wir Werthe ansetzen... Daraus folgt, dass auch jene
Widernatur von Moral, welche Gott als Gegenbegriff und Verurtheilung
des Lebens fasst, nur ein Werthurtheil des Lebens ist - welches
Lebens? Welcher Art von Leben? - Aber ich gab schon die Antwort:
des niedergehenden, des geschwächten, des müden,
des verurtheilten Lebens. Moral, wie sie bisher verstanden
worden ist - wie sie zuletzt noch von Schopenhauer formulirt
wurde als "Verneinung des Willens zum Leben" - ist
der décadence-Instinkt selbst, der aus sich einen Imperativ
macht: sie sagt: "geh zu Grunde" sie ist das Urtheil
Verurtheilter...
6. Erwägen wir endlich noch, welche Naivetät es
überhaupt ist, zu sagen "so und so sollte der Mensch
sein!" Die Wirklichkeit zeigt uns einen entzückenden
Reichthum der Typen, die Üppigkeit eines verschwenderischen
Formenspiels und -Wechsels: und irgend ein armseliger Eckensteher
von Moralist sagt dazu: "nein! der Mensch sollte anders
sein"?... Er weiss es sogar, wie er sein sollte, dieser
Schlucker und Mucker, er malt sich an die Wand und sagt dazu
"ecce homo!"... Aber selbst wenn der Moralist sich
bloss an den Einzelnen wendet und zu ihm sagt: "so und
so solltest du sein!" hört er nicht auf, sich lächerlich
zu machen. Der Einzelne ist ein Stück fatum, von Vorne
und von Hinten, ein Gesetz mehr, eine Nothwendigkeit mehr
für Alles, was kommt und sein wird. Zu ihm sagen "ändere
dich" heisst verlangen, dass Alles sich ändert,
sogar rückwärts noch... Und wirklich, es gab consequente
Moralisten, sie wollten den Menschen anders, nämlich
tugendhaft, sie wollten ihn nach ihrem Bilde, nämlich
als Mucker: dazu verneinten sie die Welt! Keine kleine Tollheit!
Keine bescheidne Art der Unbescheidenheit!... Die Moral, insofern
sie verurtheilt, an sich, nicht aus Hinsichten, Rücksichten,
Absichten des Lebens, ist ein spezifischer Irrthum, mit dem
man kein Mitleiden haben soll, eine Degenerirten-Idiosynkrasie,
die unsäglich viel Schaden gestiftet hat!... Wir Anderen,
wir Immoralisten, haben umgekehrt unser Herz weit gemacht
für alle Art Verstehn, Begreifen, Gutheissen. Wir verneinen
nicht leicht, wir suchen unsre Ehre darin, Bejahende zu sein.
Immer mehr ist uns das Auge für jene Ökonomie aufgegangen,
welche alles Das noch braucht und auszunützen weiss,
was der heilige Aberwitz des Priesters, der kranken Vernunft
im Priester verwirft, für jene Ökonomie im Gesetz
des Lebens, die selbst aus der widerlichen species des Muckers,
des Priesters, des Tugendhaften ihren Vortheil zieht, - welchen
Vortheil? - Aber wir selbst, wir Immoralisten sind hier die
Antwort... -
Die vier grossen Irrthümer.
1. Irrthum der Verwechslung von Ursache und Folge. - Es giebt
keinen gefährlicheren Irrthum als die Folge mit der Ursache
zu verwechseln: ich heisse ihn die eigentliche Verderbniss
der Vernunft. Trotzdem gehört dieser Irrthum zu den ältesten
und jüngsten Gewohnheiten der Menschheit: er ist selbst
unter uns geheiligt, er trägt den Namen "Religion",
"Moral". Jeder Satz, den die Religion und die Moral
formulirt, enthält ihn; Priester und Moral-Gesetzgeber
sind die Urheber jener Verderbniss der Vernunft. - Ich nehme
ein Beispiel: Jedermann kennt das Buch des berühmten
Cornaro, in dem er seine schmale Diät als Recept zu einem
langen und glücklichen Leben - auch tugendhaften - anräth.
Wenige Bücher sind so viel gelesen worden, noch jetzt
wird es in England jährlich in vielen Tausenden von Exemplaren
gedruckt. Ich zweifle nicht daran, dass kaum ein Buch (die
Bibel, wie billig, ausgenommen) so viel Unheil gestiftet,
so viele Leben verkürzt hat wie dies so wohlgemeinte
Curiosum. Grund dafür: die Verwechslung der Folge mit
der Ursache. Der biedere Italiäner sah in seiner Diät
die Ursache seines langen Lebens: während die Vorbedingung
zum langen Leben, die ausserordentliche Langsamkeit des Stoffwechsels,
der geringe Verbrauch, die Ursache seiner schmalen Diät
war. Es stand ihm nicht frei, wenig oder viel zu essen, seine
Frugalität war nicht ein "freier Wille": er
wurde krank, wenn er mehr ass. Wer aber kein Karpfen ist,
thut nicht nur gut, sondern hat es nöthig, ordentlich
zu essen. Ein Gelehrter unsrer Tage, mit seinem rapiden Verbrauch
an Nervenkraft, würde sich mit dem régime Cornaro's
zu Grunde richten. Crede experto. -
2. Die allgemeinste Formel, die jeder Religion und Moral
zu Grunde liegt, heisst: "Thue das und das, lass das
und das - so wirst du glücklich! Im andern Falle..."
Jede Moral, jede Religion ist dieser Imperativ, - ich nenne
ihn die grosse Erbsünde der Vernunft, die unsterbliche
Unvernunft. In meinem Munde verwandelt sich jene Formel in
ihre Umkehrung - erstes Beispiel meiner "Umwerthung aller
Werthe": ein wohlgerathener Mensch, ein "Glücklicher",
muss gewisse Handlungen thun und scheut sich instinktiv vor
anderen Handlungen, er trägt die Ordnung, die er physiologisch
darstellt, in seine Beziehungen zu Menschen und Dingen hinein.
In Formel: seine Tugend ist die Folge seines Glücks...
Langes Leben, eine reiche Nachkommenschaft ist nicht der Lohn
der Tugend, die Tugend ist vielmehr selbst jene Verlangsamung
des Stoffwechsels, die, unter Anderem, auch ein langes Leben,
eine reiche Nachkommenschaft, kurz den Cornarismus im Gefolge
hat. - Die Kirche und die Moral sagen: "ein Geschlecht,
ein Volk wird durch Laster und Luxus zu Grunde gerichtet."
Meine wiederhergestellte Vernunft sagt: wenn ein Volk zu Grunde
geht, physiologisch degenerirt, so folgen daraus Laster und
Luxus (das heisst das Bedürfniss nach immer stärkeren
und häufigeren Reizen, wie sie jede erschöpfte Natur
kennt). Dieser junge Mann wird frühzeitig blass und welk.
Seine Freunde sagen: daran ist die und die Krankheit schuld.
Ich sage: dass er krank wurde, dass er der Krankheit nicht
widerstand, war bereits die Folge eines verarmten Lebens,
einer hereditären Erschöpfung. Der Zeitungsleser
sagt: diese Partei richtet sich mit einem solchen Fehler zu
Grunde. Meine höhere Politik sagt: eine Partei, die solche
Fehler macht, ist am Ende - sie hat ihre Instinkt-Sicherheit
nicht mehr. Jeder Fehler in jedem Sinne ist die Folge von
Instinkt-Entartung, von Disgregation des Willens: man definirt
beinahe damit das Schlechte. Alles Gute ist Instinkt - und,
folglich, leicht, nothwendig, frei. Die Mühsal ist ein
Einwand, der Gott ist typisch vom Helden unterschieden (in
meiner Sprache: die leichten Füsse das erste Attribut
der Göttlichkeit).
3. Irrthum einer falschen Ursächlichkeit. - Man hat
zu allen Zeiten geglaubt, zu wissen, was eine Ursache ist:
aber woher nahmen wir unser Wissen, genauer, unsern Glauben,
hier zu wissen? Aus dem Bereich der berühmten "inneren
Thatsachen", von denen bisher keine sich als thatsächlich
erwiesen hat. Wir glaubten uns selbst im Akt des Willens ursächlich;
wir meinten da wenigstens die Ursächlichkeit auf der
That zu ertappen. Man zweifelte insgleichen nicht daran, dass
alle antecedentia einer Handlung, ihre Ursachen, im Bewusstsein
zu suchen seien und darin sich wiederfänden, wenn man
sie suche - als "Motive": man wäre ja sonst
zu ihr nicht frei, für sie nicht verantwortlich gewesen.
Endlich, wer hätte bestritten, dass ein Gedanke verursacht
wird? dass das Ich den Gedanken verursacht?... Von diesen
drei "inneren Thatsachen", mit denen sich die Ursächlichkeit
zu verbürgen schien, ist die erste und überzeugendste
die vom Willen als Ursache; die Conception eines Bewusstseins
("Geistes") als Ursache und später noch die
des Ich (des "Subjekts") als Ursache sind bloss
nachgeboren, nachdem vom Willen die Ursächlichkeit als
gegeben feststand, als Empirie... Inzwischen haben wir uns
besser besonnen. Wir glauben heute kein Wort mehr von dem
Allen. Die "innere Welt" ist voller Trugbilder und
Irrlichter: der Wille ist eins von ihnen. Der Wille bewegt
nichts mehr, erklärt folglich auch nichts mehr - er begleitet
bloss Vorgänge, er kann auch fehlen. Das sogenannte "Motiv":
ein andrer Irrthum. Bloss ein Oberflächenphänomen
des Bewusstseins, ein Nebenher der That, das eher noch die
antecedentia einer That verdeckt, als dass es sie darstellt.
Und gar das Ich! Das ist zur Fabel geworden, zur Fiktion,
zum Wortspiel: das hat ganz und gar aufgehört, zu denken,
zu fühlen und zu wollen!... Was folgt daraus? Es giebt
gar keine geistigen Ursachen! Die ganze angebliche Empirie
dafür gieng zum Teufel! Das folgt daraus! - Und wir hatten
einen artigen Missbrauch mit jener "Empirie" getrieben,
wir hatten die Welt daraufhin geschaffen als eine Ursachen-Welt,
als eine Willens-Welt, als eine Geister-Welt. Die älteste
und längste Psychologie war hier am Werk, sie hat gar
nichts Anderes gethan: alles Geschehen war ihr ein Thun, alles
Thun Folge eines Willens, die Welt wurde ihr eine Vielheit
von Thätern, ein Thäter (ein "Subjekt")
schob sich allem Geschehen unter. Der Mensch hat seine drei
"inneren Thatsachen", Das, woran er am festesten
glaubte, den Willen, den Geist, das Ich, aus sich herausprojicirt,
- er nahm erst den Begriff Sein aus dem Begriff Ich heraus,
er hat die "Dinge" als seiend gesetzt nach seinem
Bilde, nach seinem Begriff des Ichs als Ursache. Was Wunder,
dass er später in den Dingen immer nur wiederfand, was
er in sie gesteckt hatte?- Das Ding selbst, nochmals gesagt,
der Begriff Ding, ein Reflex bloss vom Glauben an's Ich als
Ursache... Und selbst noch Ihr Atom, meine Herren Mechanisten
und Physiker, wie viel Irrthum, wie viel rudimentäre
Psychologie ist noch in Ihrem Atom rückständig!
- Gar nicht zu reden vom "Ding an sich", vom horrendum
pudendum der Metaphysiker! Der Irrthum vom Geist als Ursache
mit der Realität verwechselt! Und zum Maass der Realität
gemacht! Und Gott genannt! -
4. Irrthum der imaginären Ursachen. - Vom Traume auszugehn:
einer bestimmten Empfindung, zum Beispiel in Folge eines fernen
Kanonenschusses, wird nachträglich eine Ursache untergeschoben
(oft ein ganzer kleiner Roman, in dem gerade der Träumende
die Hauptperson ist). Die Empfindung dauert inzwischen fort,
in einer Art von Resonanz: sie wartet gleichsam, bis der Ursachentrieb
ihr erlaubt, in den Vordergrund zu treten, - nunmehr nicht
mehr als Zufall, sondern als "Sinn". Der Kanonenschuss
tritt in einer causalen Weise auf, in einer anscheinenden
Umkehrung der Zeit. Das Spätere, die Motivirung, wird
zuerst erlebt, oft mit hundert Einzelnheiten, die wie im Blitz
vorübergehn, der Schuss folgt... Was ist geschehen? Die
Vorstellungen, welche ein gewisses Befinden erzeugte, wurden
als Ursache desselben missverstanden. - Thatsächlich
machen wir es im Wachen ebenso. Unsre meisten Allgemeingefühle
- jede Art Hemmung, Druck, Spannung, Explosion im Spiel und
Gegenspiel der Organe, wie in Sonderheit der Zustand des nervus
sympathicus - erregen unsern Ursachentrieb: wir wollen einen
Grund haben, uns so und so zu befinden, - uns schlecht zu
befinden oder gut zu befinden. Es genügt uns niemals,
einfach bloss die Thatsache, dass wir uns so und so befinden,
festzustellen: wir lassen diese Thatsache erst zu, - werden
ihrer bewusst -, wenn wir ihr eine Art Motivirung gegeben
haben. - Die Erinnerung, die in solchem Falle, ohne unser
Wissen, in Thätigkeit tritt, führt frühere
Zustände gleicher Art und die damit verwachsenen Causal-Interpretationen
herauf, - nicht deren Ursächlichkeit. Der Glaube freilich,
dass die Vorstellungen, die begleitenden Bewusstseins-Vorgänge
die Ursachen gewesen seien, wird durch die Erinnerung auch
mit heraufgebracht. So entsteht eine Gewöhnung an eine
bestimmte Ursachen-Interpretation, die in Wahrheit eine Erforschung
der Ursache hemmt und selbst ausschliesst.
5. Psychologische Erklärung dazu. - Etwas Unbekanntes
auf etwas Bekanntes zurückführen, erleichtert, beruhigt,
befriedigt, giebt ausserdem ein Gefühl von Macht. Mit
dem Unbekannten ist die Gefahr, die Unruhe, die Sorge gegeben,
- der erste Instinkt geht dahin, diese peinlichen Zustände
wegzuschaffen. Erster Grundsatz: irgend eine Erklärung
ist besser als keine. Weil es sich im Grunde nur um ein Loswerdenwollen
drückender Vorstellungen handelt, nimmt man es nicht
gerade streng mit den Mitteln, sie loszuwerden: die erste
Vorstellung, mit der sich das Unbekannte als bekannt erklärt,
thut so wohl, dass man sie "für wahr hält".
Beweis der Lust ("der Kraft") als Criterium der
Wahrheit. - Der Ursachen-Trieb ist also bedingt und erregt
durch das Furchtgefühl. Das "Warum?" soll,
wenn irgend möglich, nicht sowohl die Ursache um ihrer
selber willen geben, als vielmehr eine Art von Ursache - eine
beruhigende, befreiende, erleichternde Ursache. Dass etwas
schon Bekanntes, Erlebtes, in die Erinnerung Eingeschriebenes
als Ursache angesetzt wird, ist die erste Folge dieses Bedürfnisses.
Das Neue, das Unerlebte, das Fremde wird als Ursache ausgeschlossen.
- Es wird also nicht nur eine Art von Erklärungen als
Ursache gesucht, sondern eine ausgesuchte und bevorzugte Art
von Erklärungen, die, bei denen am schnellsten, am häufigsten
das Gefühl des Fremden, Neuen, Unerlebten weggeschafft
worden ist, - die gewöhnlichsten Erklärungen. -
Folge: eine Art von Ursachen-Setzung überwiegt immer
mehr, concentrirt sich zum System und tritt endlich dominirend
hervor, das heisst andere Ursachen und Erklärungen einfach
ausschliessend. - Der Banquier denkt sofort an's "Geschäft",
der Christ an die "Sünde", das Mädchen
an seine Liebe.
6. Der ganze Bereich der Moral und Religion gehört unter
diesen Begriff der imaginären Ursachen. - "Erklärung"
der unangenehmen Allgemeingefühle. Dieselben sind bedingt
durch Wesen, die uns feind sind (böse Geister: berühmtester
Fall - Missverständniss der Hysterischen als Hexen).
Dieselben sind bedingt durch Handlungen, die nicht zu billigen
sind (das Gefühl der "Sünde", der "Sündhaftigkeit"
einem physiologischen Missbehagen untergeschoben - man findet
immer Gründe, mit sich unzufrieden zu sein). Dieselben
sind bedingt als Strafen, als eine Abzahlung für Etwas,
das wir nicht hätten thun, das wir nicht hätten
sein sollen (in impudenter Form von Schopenhauer zu einem
Satze verallgemeinert, in dem die Moral als Das erscheint,
was sie ist, als eigentliche Giftmischerin und Verleumderin
des Lebens: "jeder grosse Schmerz, sei er leiblich, sei
er geistig, sagt aus, was wir verdienen; denn er könnte
nicht an uns kommen, wenn wir ihn nicht verdienten."
Welt als Wille und Vorstellung, 2, 666). Dieselben sind bedingt
als Folgen unbedachter, schlimm auslaufender Handlungen (die
Affekte, die Sinne als Ursache, als "schuld" angesetzt;
physiologische Nothstände mit Hülfe anderer Nothstände
als "verdient" ausgelegt). - "Erklärung"
der angenehmen Allgemeingefühle. Dieselben sind bedingt
durch Gottvertrauen. Dieselben sind bedingt durch das Bewusstsein
guter Handlungen (das sogenannte "gute Gewissen",
ein physiologischer Zustand, der mitunter einer glücklichen
Verdauung zum Verwechseln ähnlich sieht). Dieselben sind
bedingt durch den glücklichen Ausgang von Unternehmungen
(- naiver Fehlschluss: der glückliche Ausgang einer Unternehmung
schafft einem Hypochonder oder: einem Pascal durchaus keine
angenehmen Allgemeingefühle). Dieselben sind bedingt
durch Glaube, Liebe, Hoffnung - die christlichen Tugenden.
- In Wahrheit sind alle diese vermeintlichen Erklärungen
Folgezustände und gleichsam Übersetzungen von Lust
oder Unlust-Gefühlen in einen falschen Dialekt: man ist
im Zustande zu hoffen, weil das physiologische Grundgefühl
wieder stark und reich ist; man vertraut Gott, weil das Gefühl
der Fülle und Stärke Einem Ruhe giebt. - Die Moral
und Religion gehört ganz und gar unter die Psychologie
des Irrthums: in jedem einzelnen Falle wird Ursache und Wirkung
verwechselt; oder die Wahrheit mit der Wirkung des als wahr
Geglaubten verwechselt; oder ein Zustand des Bewusstseins
mit der Ursächlichkeit dieses Zustands verwechselt.
7. Irrthum vom freien Willen. - Wir haben heute kein Mitleid
mehr mit dem Begriff "freier Wille": wir wissen
nur zu gut, was er ist - das anrüchigste Theologen-Kunststück,
das es giebt, zum Zweck, die Menschheit in ihrem Sinne "verantwortlich"
zu machen, das heisst sie von sich abhängig zu machen...
Ich gebe hier nur die Psychologie alles Verantwortlichmachens.
- überall, wo Verantwortlichkeiten gesucht werden, pflegt
es der Instinkt des Strafen- und Richten-Wollens zu sein,
der da sucht. Man hat das Werden seiner Unschuld entkleidet,
wenn irgend ein So-und-so Sein auf Wille, auf Absichten, auf
Akte der Verantwortlichkeit zurückgeführt wird:
die Lehre vom Willen ist wesentlich erfunden zum Zweck der
Strafe, das heisst des Schuldig-finden-wollens. Die ganze
alte Psychologie, die Willens-Psychiologie hat ihre Voraussetzung
darin, dass deren Urheber, die Priester an der Spitze alter
Gemeinwesen, sich ein Recht schaffen wollten, Strafen zu verhängen
- oder Gott dazu ein Recht schaffen wollten... Die Menschen
wurden "frei" gedacht, um gerichtet, um gestraft
werden zu können, - um schuldig werden zu können:
folglich musste jede Handlung als gewollt, der Ursprung jeder
Handlung im Bewusstsein liegend gedacht werden (- womit die
grundsätzlichste Falschmünzerei in psychologicis
zum Princip der Psychologie selbst gemacht war... ) Heute,
wo wir in die umgekehrte Bewegung eingetreten sind, wo wir
Immoralisten zumal mit aller Kraft den Schuldbegriff und den
Strafbegriff aus der Welt wieder herauszunehmen und Psychologie,
Geschichte, Natur, die gesellschaftlichen Institutionen und
Sanktionen von ihnen zu reinigen suchen, giebt es in unsern
Augen keine radikalere Gegnerschaft als die der Theologen,
welche fortfahren, mit dem Begriff der "sittlichen Weltordnung"
die Unschuld des Werdens durch "Strafe" und "Schuld"
zu durchseuchen. Das Christenthum ist eine Metaphysik des
Henkers...
8. Was kann allein unsre Lehre sein? - Dass Niemand dem Menschen
seine Eigenschaften giebt, weder Gott, noch die Gesellschaft,
noch seine Eltern und Vorfahren, noch er selbst (- der Unsinn
der hier zuletzt abgelehnten Vorstellung ist als "intelligible
Freiheit" von Kant, vielleicht auch schon von Plato gelehrt
worden). Niemand ist dafür verantwortlich, dass er überhaupt
da ist, dass er so und so beschaffen ist, dass er unter diesen
Umständen, in dieser Umgebung ist. Die Fatalität
seines Wesens ist nicht herauszulösen aus der Fatalität
alles dessen, was war und was sein wird. Er ist nicht die
Folge einer eignen Absicht, eines Willens, eines Zwecks, mit
ihm wird nicht der Versuch gemacht, ein "Ideal von Mensch"
oder ein "Ideal von Glück" oder ein "Ideal
von Moralität" zu erreichen, - es ist absurd, sein
Wesen in irgend einen Zweck hin abwälzen zu wollen. Wir
haben den Begriff "Zweck" erfunden: in der Realität
fehlt der Zweck... Man ist nothwendig, man ist ein Stück
Verhängniss, man gehört zum Ganzen, man ist im Ganzen,
- es giebt Nichts, was unser Sein richten, messen, vergleichen,
verurtheilen könnte, denn das hiesse das Ganze richten,
messen, vergleichen, verurtheilen... Aber es giebt Nichts
ausser dem Ganzen! - Dass Niemand mehr verantwortlich gemacht
wird, dass die Art des Seins nicht auf eine causa prima zurückgeführt
werden darf, dass die Welt weder als Sensorium, noch als "Geist"
eine Einheit ist, dies erst ist die grosse Befreiung, - damit
erst ist die Unschuld des Werdens wieder hergestellt... Der
Begriff "Gott" war bisher der grösste Einwand
gegen das Dasein... Wir leugnen Gott, wir leugnen die Verantwortlichkeit
in Gott: damit erst erlösen wir die Welt. -
Die "Verbesserer" der Menschheit.
1. Man kennt meine Forderung an den Philosophen, sich jenseits
von Gut und Böse zu stellen, - die Illusion des moralischen
Urtheils unter sich zu haben. Diese Forderung folgt aus einer
Einsicht, die von mir zum ersten Male formulirt worden ist:
dass es gar keine moralischen Thatsachen giebt. Das moralische
Urtheil hat Das mit dem religiösen gemein, dass es an
Realitäten glaubt, die keine sind. Moral ist nur eine
Ausdeutung gewisser Phänomene, bestimmter geredet, eine
Missdeutung. Das moralische Urtheil gehört, wie das religiöse,
einer Stufe der Unwissenheit zu, auf der selbst der Begriff
des Realen, die Unterscheidung des Realen und Imaginären
noch fehlt: so dass "Wahrheit" auf solcher Stufe
lauter Dinge bezeichnet, die wir heute "Einbildungen"
nennen. Das moralische Urtheil ist insofern nie wörtlich
zu nehmen: als solches enthält es immer nur Widersinn.
Aber es bleibt als Semiotik unschätzbar: es offenbart,
für den Wissenden wenigstens, die werthvollsten Realitäten
von Culturen und Innerlichkeiten, die nicht genug wussten,
um sich selbst zu "verstehn". Moral ist bloss Zeichenrede,
bloss Symptomatologie: man muss bereits wissen, worum es sich
handelt, um von ihr Nutzen zu ziehen.
2. Ein erstes Beispiel und ganz vorläufig. Zu allen
Zeiten hat man die Menschen "verbessern" wollen:
dies vor Allem hiess Moral. Aber unter dem gleichen Wort ist
das Allerverschiedenste von Tendenz versteckt. Sowohl die
Zähmung der Bestie Mensch als die Züchtung einer
bestimmten Gattung Mensch ist "Besserung" genannt
worden: erst diese zoologischen termini drücken Realitäten
aus - Realitäten freilich, von denen der typische "Verbesserer",
der Priester, Nichts weiss - Nichts wissen will... Die Zähmung
eines Thieres seine "Besserung" nennen ist in unsren
Ohren beinahe ein Scherz. Wer weiss, was in Menagerien geschieht,
zweifelt daran, dass die Bestie daselbst "verbessert"
wird. Sie wird geschwächt, sie wird weniger schädlich
gemacht, sie wird durch den depressiven Affekt der Furcht,
durch Schmerz, durch Wunden, durch Hunger zur krankhaften
Bestie. - Nicht anders steht es mit dem gezähmten Menschen,
den der Priester "verbessert" hat. Im frühen
Mittelalter, wo in der That die Kirche vor Allem eine Menagerie
war, machte man allerwärts auf die schönsten Exemplare
der "blonden Bestie" Jagd, - man "verbesserte"
zum Beispiel die vornehmen Germanen. Aber wie sah hinterdrein
ein solcher "verbesserter", in's Kloster verführter
Germane aus? Wie eine Caricatur des Menschen, wie eine Missgeburt:
er war zum "Sünder" geworden, er stak im Käfig,
man hatte ihn zwischen lauter schreckliche Begriffe eingesperrt...
Da lag er nun, krank, kümmerlich, gegen sich selbst böswillig;
voller Hass gegen die Antriebe zum Leben, voller Verdacht
gegen Alles, was noch stark und glücklich war. Kurz,
ein "Christ"... Physiologisch geredet: im Kampf
mit der Bestie kann Krank machen das einzige Mittel sein,
sie schwach zu machen. Das verstand die Kirche: sie verdarb
den Menschen, sie schwächte ihn, - aber sie nahm in Anspruch,
ihn "verbessert" zu haben...
3. Nehmen wir den andern Fall der sogenannten Moral, den
Fall der Züchtung einer bestimmten Rasse und Art. Das
grossartigste Beispiel dafür giebt die indische Moral,
als "Gesetz des Manu" zur Religion sanktionirt.
Hier ist die Aufgabe gestellt, nicht weniger als vier Rassen
auf einmal zu züchten: eine priesterliche, eine kriegerische,
eine händler- und ackerbauerische, endlich eine Dienstboten-Rasse,
die Sudras. Ersichtlich sind wir hier nicht mehr unter Thierbändigern:
eine hundert Mal mildere und vernünftigere Art Mensch
ist die Voraussetzung, um auch nur den Plan einer solchen
Züchtung zu concipiren. Man athmet auf, aus der christlichen
Kranken- und Kerkerluft in diese gesündere, höhere,
weitere Welt einzutreten. Wie armselig ist das "neue
Testament" gegen Manu, wie schlecht riecht es! - Aber
auch diese Organisation hatte nöthig, furchtbar zu sein,
- nicht dies Mal im Kampf mit der Bestie, sondern mit ihrem
Gegensatz-Begriff, dem Nicht-Zucht-Menschen, dem Mischmasch-Menschen,
dem Tschandala. Und wieder hatte sie kein andres Mittel, ihn
ungefährlich, ihn schwach zu machen, als ihn krank zu
machen, - es war der Kampf mit der "grossen Zahl".
Vielleicht giebt es nichts unserm Gefühle Widersprechenderes
als diese Schutzmaassregeln der indischen Moral. Das dritte
Edikt zum Beispiel (Avadana-Sastra 1), das "von den unreinen
Gemüsen", ordnet an, dass die einzige Nahrung, die
den Tschandala erlaubt ist, Knoblauch und Zwiebeln sein sollen,
in Anbetracht, dass die heilige Schrift verbietet, ihnen Korn
oder Früchte, die Körner tragen, oder Wasser oder
Feuer zu geben. Dasselbe Edikt setzt fest, dass das Wasser,
welches sie nöthig haben, weder aus den Flüssen,
noch aus den Quellen, noch aus den Teichen genommen werden
dürfe, sondern nur aus den Zugängen zu Sümpfen
und aus Löchern, welche durch die Fusstapfen der Thiere
entstanden sind. Insgleichen wird ihnen verboten, ihre Wäsche
zu waschen und sich selbst zu waschen, da das Wasser, das
ihnen aus Gnade zugestanden wird, nur benutzt werden darf,
den Durst zu löschen. Endlich ein Verbot an die Sudra-Frauen,
den Tschandala-Frauen bei der Geburt beizustehen, insgleichen
noch eins für die letzteren, einander dabei beizustehen...
- Der Erfolg einer solchen Sanitäts-Polizei blieb nicht
aus: mörderische Seuchen, scheussliche Geschlechtskrankheiten
und darauf hin wieder "das Gesetz des Messers",
die Beschneidung für die männlichen, die Abtragung
der kleinen Schamlippen für die weiblichen Kinder anordnend.
- Manu selbst sagt: "die Tschandala sind die Frucht von
Ehebruch, Incest und Verbrechen (- dies die nothwendige Consequenz
des Begriffs Züchtung). Sie sollen zu Kleidern nur die
Lumpen von Leichnamen haben, zum Geschirr zerbrochne Töpfe,
zum Schmuck altes Eisen, zum Gottesdienst nur die bösen
Geister; sie sollen ohne Ruhe von einem Ort zum andern schweifen.
Es ist ihnen verboten, von links nach rechts zu schreiben
und sich der rechten Hand zum Schreiben zu bedienen: der Gebrauch
der rechten Hand und des von Links nach Rechts ist bloss den
Tugendhaften vorbehalten, den Leuten von Rasse." -
4. Diese Verfügungen sind lehrreich genug: in ihnen
haben wir einmal die arische Humanität, ganz rein, ganz
ursprünglich, - wir lernen, dass der Begriff "reines
Blut" der Gegensatz eines harmlosen Begriffs ist. Andrerseits
wird klar, in welchem Volk sich der Hass, der Tschandala-Hass
gegen diese "Humanität" verewigt hat, wo er
Religion, wo er Genie geworden ist...Unter diesem Gesichtspunkte
sind die Evangelien eine Urkunde ersten Ranges; noch mehr
das Buch Henoch. - Das Christenthum, aus jüdischer Wurzel
und nur verständlich als Gewächs dieses Bodens,
stellt die Gegenbewegung gegen jede Moral der Züchtung,
der Rasse, des Privilegiums dar: - es ist die antiarische
Religion par excellence: das Christenthum die Umwerthung aller
arischen Werthe, der Sieg der Tschandala Werthe, das Evangelium
den Armen, den Niedrigen gepredigt, der Gesammt-Aufstand alles
Niedergetretenen, Elenden, Missrathenen, Schlechtweggekommenen
gegen die "Rasse", - die unsterbliche Tschandala-Rache
als Religion der Liebe...
5. Die Moral der Züchtung und die Moral der Zähmung
sind in den Mitteln, sich durchzusetzen, vollkommen einander
würdig: wir dürfen als obersten Satz hinstellen,
dass, um Moral zu machen, man den unbedingten Willen zum Gegentheil
haben muss. Dies ist das grosse, das unheimliche Problem,
dem ich am längsten nachgegangen bin: die Psychologie
der "Verbesserer" der Menschheit. Eine kleine und
im Grunde bescheidne Thatsache, die der sogenannten pia fraus,
gab mir den ersten Zugang zu diesem Problem: die pia fraus,
das Erbgut aller Philosophen und Priester, die die Menschheit
"verbesserten". Weder Manu, noch Plato, noch Confucius,
noch die jüdischen und christlichen Lehrer haben je an
ihrem Recht zur Lüge gezweifelt. Sie haben an ganz andren
Rechten nicht gezweifelt... In Formel ausgedrückt dürfte
man sagen: alle Mittel, wodurch bisher die Menschheit moralisch
gemacht werden sollte, waren von Grund aus unmoralisch. -
Was den Deutschen abgeht.
1. Unter Deutschen ist es heute nicht genug, Geist zu haben:
man muss ihn noch sich nehmen, sich Geist herausnehmen...
Vielleicht kenne ich die Deutschen, vielleicht darf ich selbst
ihnen ein paar Wahrheiten sagen. Das neue Deutschland stellt
ein grosses Quantum vererbter und angeschulter Tüchtigkeit
dar, so dass es den aufgehäuften Schatz von Kraft eine
Zeit lang selbst verschwenderisch ausgeben darf. Es ist nicht
eine hohe Cultur, die mit ihm Herr geworden, noch weniger
ein delikater Geschmack, eine vornehme "Schönheit"
der Instinkte; aber männlichere Tugenden, als sonst ein
Land Europa's aufweisen kann. Viel guther Muth und Achtung
vor sich selber, viel Sicherheit im Verkehr, in der Gegenseitigkeit
der Pflichten, viel Arbeitsamkeit, viel Ausdauer - und eine
angeerbte Mässigung, welche eher des Stachels als des
Hemmschuhs bedarf. Ich füge hinzu, dass hier noch gehorcht
wird, ohne dass das Gehorchen demüthigt... Und Niemand
verachtet seinen Gegner...
Man sieht, es ist mein Wunsch, den Deutschen gerecht zu sein:
ich möchte mir darin nicht untreu werden, - ich muss
ihnen also auch meinen Einwand machen. Es zahlt sich theuer,
zur Macht zu kommen: die Macht verdummt... Die Deutschen -
man hiess sie einst das Volk der Denker: denken sie heute
überhaupt noch? - Die Deutschen langweilen sich jetzt
am Geiste, die Deutschen misstrauen jetzt dem Geiste, die
Politik verschlingt allen Ernst für wirklich geistige
Dinge - "Deutschland, Deutschland über Alles",
ich fürchte, das war das Ende der deutschen Philosophie...
"Giebt es deutsche Philosophen? giebt es deutsche Dichter?
giebt es gute deutsche Bücher?" fragt man mich im
Ausland. Ich erröthe, aber mit der Tapferkeit, die mir
auch in verzweifelten Fällen zu eigen ist, antworte ich:
"Ja, Bismarck!" - Dürfte ich auch nur eingestehn,
welche Bücher man heute liest?... Vermaledeiter Instinkt
der Mittelmässigkeit! -
2. - Was der deutsche Geist sein könnte, wer hätte
nicht schon darüber seine schwermüthigen Gedanken
gehabt! Aber dies Volk hat sich willkürlich verdummt,
seit einem Jahrtausend beinahe: nirgendswo sind die zwei grossen
europäischen Narcotica, Alkohol und Christenthum, lasterhafter
gemissbraucht worden. Neuerdings kam sogar noch ein drittes
hinzu, mit dem allein schon aller feinen und kühnen Beweglichkeit
des Geistes der Garaus gemacht werden kann, die Musik, unsre
verstopfte verstopfende deutsche Musik. - Wie viel verdriessliche
Schwere, Lahmheit, Feuchtigkeit, Schlafrock, wie viel Bier
ist in der deutschen Intelligenz! Wie ist es eigentlich möglich,
dass junge Männer, die den geistigsten Zielen ihr Dasein
weihn, nicht den ersten Instinkt der Geistigkeit, den Selbsterhaltungs-Instinkt
des Geistes in sich fühlen - und Bier trinken?... Der
Alkoholismus der gelehrten Jugend ist vielleicht noch kein
Fragezeichen in Absicht ihrer Gelehrsamkeit - man kann ohne
Geist sogar ein grosser Gelehrter sein -, aber in jedem andren
Betracht bleibt er ein Problem. - Wo fände man sie nicht,
die sanfte Entartung, die das Bier im Geiste hervorbringt!
Ich habe einmal in einem beinahe berühmt gewordnen Fall
den Finger auf eine solche Entartung gelegt - die Entartung
unsres ersten deutschen Freigeistes, des klugen David Strauss,
zum Verfasser eines Bierbank-Evangeliums und "neuen Glaubens"...
Nicht umsonst hatte er der "holden Braunen" sein
Gelöbniss in Versen gemacht - Treue bis zum Tod...
3. - Ich sprach vom deutschen Geiste: dass er gröber
wird, dass er sich verflacht. Ist das genug? - Im Grunde ist
es etwas ganz Anderes, das mich erschreckt: wie es immer mehr
mit dem deutschen Ernste, der deutschen Tiefe, der deutschen
Leidenschaft in geistigen Dingen abwärts geht. Das Pathos
hat sich verändert, nicht bloss die Intellektualität.
- Ich berühre hier und da deutsche Universitäten:
was für eine Luft herrscht unter deren Gelehrten, welche
öde, welche genügsam und lau gewordne Geistigkeit!
Es wäre ein tiefes Missverständniss, wenn man mir
hier die deutsche Wissenschaft einwenden wollte - und ausserdem
ein Beweis dafür, dass man nicht ein Wort von mir gelesen
hat. Ich bin seit siebzehn Jahren nicht müde geworden,
den entgeistigenden Einfluss unsres jetzigen Wissenschafts-Betriebs
an's Licht zu stellen. Das harte Helotenthum, zu dem der ungeheure
Umfang der Wissenschaften heute jeden Einzelnen verurtheilt,
ist ein Hauptgrund dafür, dass voller, reicher, tiefer
angelegte Naturen keine ihnen gemässe Erziehung und Erzieher
mehr vorfinden. Unsre Cultur leidet an Nichts mehr, als an
dem Überfluss anmaasslicher Eckensteher und Bruchstück-Humanitäten;
unsre Universitäten sind, wider Willen, die eigentlichen
Treibhäuser für diese Art Instinkt-Verkümmerung
des Geistes. Und ganz Europa hat bereits einen Begriff davon
- die grosse Politik täuscht Niemanden... Deutschland
gilt immer mehr als Europa's Flachland. - Ich suche noch nach
einem Deutschen, mit dem ich auf meine Weise ernst sein könnte,
- um wie viel mehr nach einem, mit dem ich heiter sein dürfte!
Götzen-Dämmerung: ah wer begriffe es heute, von
was für einem Ernste sich hier ein Einsiedler erholt!
- Die Heiterkeit ist an uns das Unverständlichste...
4. Man mache einen Überschlag: es liegt nicht nur auf
der Hand, dass die deutsche Cultur niedergeht, es fehlt auch
nicht am zureichenden Grund dafür. Niemand kann zuletzt
mehr ausgeben als er hat - das gilt von Einzelnen, das gilt
von Völkern. Giebt man sich für Macht, für
grosse Politik, für Wirthschaft, Weltverkehr, Parlamentarismus,
Militär-Interessen aus, - giebt man das Quantum Verstand,
Ernst, Wille, Selbstüberwindung, das man ist, nach dieser
Seite weg, so fehlt es auf der andern Seite. Die Cultur und
der Staat - man betrüge sich hierüber nicht - sind
Antagonisten: "Cultur-Staat" ist bloss eine moderne
Idee. Das Eine lebt vom Andern, das Eine gedeiht auf Unkosten
des Anderen. Alle grossen Zeiten der Cultur sind politische
Niedergangs-Zeiten: was gross ist im Sinn der Cultur war unpolitisch,
selbst antipolitisch. - Goethen gieng das Herz auf bei dem
Phänomen Napoleon, - es gieng ihm zu beiden "Freiheits-Kriegen"...
In demselben Augenblick, wo Deutschland als Grossmacht heraufkommt,
gewinnt Frankreich als Culturmacht eine veränderte Wichtigkeit.
Schon heute ist viel neuer Ernst, viel neue Leidenschaft des
Geistes nach Paris übergesiedelt; die Frage des Pessimismus
zum Beispiel, die Frage Wagner, fast alle psychologischen
und artistischen Fragen werden dort unvergleichlich feiner
und gründlicher erwogen als in Deutschland, - die Deutschen
sind selbst unfähig zu dieser Art Ernst. - In der Geschichte
der europäischen Cultur bedeutet die Heraufkunft des
"Reichs" vor allem Eins: eine Verlegung des Schwergewichts.
Man weiss es überall bereits: in der Hauptsache - und
das bleibt die Cultur - kommen die Deutschen nicht mehr in
Betracht. Man fragt: habt ihr auch nur Einen für Europa
mitzählenden Geist aufzuweisen? wie euer Goethe, euer
Hegel, euer Heinrich Heine, euer Schopenhauer mitzählte?
- Dass es nicht einen einzigen deutschen Philosophen mehr
giebt, darüber ist des Erstaunens kein Ende. -
5. Dem ganzen höheren Erziehungswesen in Deutschland
ist die Hauptsache abhanden gekommen: Zweck sowohl als Mittel
zum Zweck. Dass Erziehung, Bildung selbst Zweck ist - und
nicht das "Reich" -, dass es zu diesem Zweck der
Erzieherbedarf - und nicht der Gymnasiallehrer und Universitäts-Gelehrten
- man vergass das... Erzieher thun noth, die selbst erzogen
sind, überlegene, vornehme Geister, in jedem Augenblick
bewiesen, durch Wort und Schweigen bewiesen, reife, süss
gewordene Culturen, - nicht die gelehrten Rüpel, welche
Gymnasium und Universität der Jugend heute als "höhere
Ammen" entgegenbringt. Die Erzieherfehlen, die Ausnahmen
der Ausnahmen abgerechnet, die erste Vorbedingung der Erziehung:
daher der Niedergang der deutschen Cultur. - Eine jener allerseltensten
Ausnahmen ist mein verehrungswürdiger Freund Jakob Burckhardt
in Basel: ihm zuerst verdankt Basel seinen Vorrang von Humanität.
- Was die "höheren Schulen" Deutschlands thatsächlich
erreichen, das ist eine brutale Abrichtung, um, mit möglichst
geringem Zeitverlust, eine Unzahl junger Männer für
den Staatsdienst nutzbar, ausnutzbar zu machen. "Höhere
Erziehung" und Unzahl - das widerspricht sich von vornherein.
Jede höhere Erziehung gehört nur der Ausnahme: man
muss privilegirt sein, um ein Recht auf ein so hohes Privilegium
zu haben. Alle grossen, alle schönen Dinge können
nie Gemeingut sein: pulchrum est paucorum hominum. - Was bedingt
den Niedergang der deutschen Cultur? Dass "höhere
Erziehung" kein Vorrecht mehr ist - der Demokratismus
der "allgemeinen", der gemein gewordnen "Bildung"...
Nicht zu vergessen, dass militärische Privilegien den
Zu-Viel-Besuch der höheren Schulen, das heisst ihren
Untergang, förmlich erzwingen. - Es steht Niemandem mehr
frei, im jetzigen Deutschland seinen Kindern eine vornehme
Erziehung zu geben: unsre "höheren" Schulen
sind allesammt auf die zweideutigste Mittelmässigkeit
eingerichtet, mit Lehrern, mit Lehrplänen, mit Lehrzielen.
Und überall herrscht eine unanständige Hast, wie
als ob Etwas versäumt wäre, wenn der junge Mann
Mit 23 Jahren noch nicht "fertig" ist, noch nicht
Antwort weiss auf die "Hauptfrage": welchen Beruf?
- Eine höhere Art Mensch, mit Verlaub gesagt, liebt nicht
"Berufe", genau deshalb, weil sie sich berufen weiss...
Sie hat Zeit, sie nimmt sich Zeit, sie denkt gar nicht daran,
"fertig" zu werden, - mit dreissig Jahren ist man,
im Sinne hoher Cultur, ein Anfänger, ein Kind. - Unsre
überfüllten Gymnasien, unsre überhäuften,
stupid gemachten Gymnasiallehrer sind ein Skandal: um diese
Zustände in Schutz zu nehmen, wie es jüngst die
Professoren von Heidelberg gethan haben, dazu hat man vielleicht
Ursachen, - Gründe dafür giebt es nicht.
6. - Ich stelle, um nicht aus meiner Art zu fallen, die ja-sagend
ist und mit Widerspruch und Kritik nur mittelbar, nur unfreiwillig
zu thun hat, sofort die drei Aufgaben hin, derentwegen man
Erzieher braucht. Man hat sehen zu lernen, man hat denken
zu lernen, man hat sprechen und schreiben zu lernen: das Ziel
in allen Dreien ist eine vornehme Cultur. - Sehen lernen -
dem Auge die Ruhe, die Geduld, das An-sich-herankommen-lassen
angewöhnen; das Urtheil hinausschieben, den Einzelfall
von allen Seiten umgehn und umfassen lernen. Das ist die erste
Vorschulung zur Geistigkeit: auf einen Reiz nicht sofort reagiren,
sondern die hemmenden, die abschliessenden Instinkte in die
Hand bekommen. Sehen lernen, so wie ich es verstehe, ist beinahe
Das, was die unphilosophische Sprechweise den starken Willen
nennt: das Wesentliche daran ist gerade, nicht "wollen",
die Entscheidung aussetzen können. Alle Ungeistigkeit,
alle Gemeinheit beruht auf dem Unvermögen, einem Reize
Widerstand zu leisten - man muss reagiren, man folgt jedem
Impulse. In vielen Fällen ist ein solches Müssen
bereits Krankhaftigkeit, Niedergang, Symptom der Erschöpfung,
- fast Alles, was die unphilosophische Rohheit mit dem Namen
"Laster" bezeichnet, ist bloss jenes physiologische
Unvermögen, nicht zu reagiren. - Eine Nutzanwendung vom
Sehen-gelernt-haben: man wird als Lernender überhaupt
langsam, misstrauisch, widerstrebend geworden sein. Man wird
Fremdes, Neues jeder Art zunächst mit feindseliger Ruhe
herankommen lassen, - man wird seine Hand davor zurückziehn.
Das Offenstehn mit allen Thüren, das unterthänige
Auf-dem-Bauch-Liegen vor jeder kleinen Thatsache, das allzeit
sprungbereite Sich-hinein-Setzen, Sich-hinein-Stürzen
in Andere und Anderes, kurz die berühmte moderne "Objektivität"
ist schlechter Geschmack, ist unvornehm par excellence. -
7. Denken lernen: man hat auf unsren Schulen keinen Begriff
mehr davon. Selbst auf den Universitäten, sogar unter
den eigentlichen Gelehrten der Philosophie beginnt Logik als
Theorie, als Praktik, als Handwerk, auszusterben. Man lese
deutsche Bücher: nicht mehr die entfernteste Erinnerung
daran, dass es zum Denken einer Technik, eines Lehrplans,
eines Willens zur Meisterschaft bedarf, - dass Denken gelernt
sein will, wie Tanzen gelernt sein will, als eine Art Tanzen...
Wer kennt unter Deutschen jenen feinen Schauder aus Erfahrung
noch, den die leichten Füsse im Geistigen in alle Muskeln
überströmen! - Die steife Tölpelei der geistigen
Gebärde, die plumpe Hand beim Fassen - das ist in dem
Grade deutsch, dass man es im Auslande mit dem deutschen Wesen
überhaupt verwechselt. Der Deutsche hat keine Finger
für nuances... Dass die Deutschen ihre Philosophen auch
nur ausgehalten haben, vor Allen jenen verwachsensten Begriffs-Krüppel,
den es je gegeben hat, den grossen Kant, giebt keinen kleinen
Begriff von der deutschen Anmuth. - Man kann nämlich
das Tanzen in jeder Form nicht von der vornehmen Erziehung
abrechnen, Tanzen können mit den Füssen, mit den
Begriffen, mit den Worten; habe ich noch zu sagen, dass man
es auch mit der Feder können muss, - dass man schreiben
lernen muss? - Aber an dieser Stelle würde ich deutschen
Lesern vollkommen zum Räthsel werden...
Streifzüge eines Unzeitgemässen.
1. Meine Unmöglichen. - Seneca: oder der Toreador der
Tugend. - Rousseau: oder die Rückkehr zur Natur in impuris
naturalibus. - Schiller: oder der Moral-Trompeter von Säckingen.
- Dante: oder die Hyäne, die in Gräbern dichtet.
- Kant: oder cant als intelligibler Charakter. -Victor Hugo:
oder der Pharus am Meere des Unsinns. - Liszt: oder die Schule
der Geläufigkeit - nach Weibern. - George Sand: oder
lactea ubertas, auf deutsch: die Milchkuh mit "schönem
Stil". - Michelet: oder die Begeisterung, die den Rock
auszieht...Carlyle: oder Pessimismus als zurückgetretenes
Mittagessen. - John Stuart Mill: oder die beleidigende Klarheit.
- Les fréres de Goncourt: oder die beiden Ajaxe im
Kampf mit Homer. Musik von Offenbach. - Zola: oder die Freude
zu stinken. -
2. Renan. - Theologie, oder die Verderbniss der Vernunft
durch die "Erbsünde" (das Christenthum). Zeugniss
Renan, der, sobald er einmal ein Ja oder Nein allgemeinerer
Art risquirt, mit peinlicher Regelmässigkeit daneben
greift. Er möchte zum Beispiel la science und la noblesse
in Eins verknüpfen: aber la science gehört zur Demokratie,
das greift sich doch mit Händen. Er wünscht, mit
keinem kleinen Ehrgeize, einen Aristokratismus des Geistes
darzustellen: aber zugleich liegt er vor dessen Gegenlehre,
dem évangile des humbles auf den Knien und nicht nur
auf den Knien... Was hilft alle Freigeisterei, Modernität,
Spötterei und Wendehals-Geschmeidigkeit, wenn man mit
seinen Eingeweiden Christ, Katholik und sogar Priester geblieben
ist! Renan hat seine Erfindsamkeit, ganz wie ein Jesuit und
Beichtvater, in der Verführung; seiner Geistigkeit fehlt
das breite Pfaffen-Geschmunzel nicht, - er wird, wie alle
Priester, gefährlich erst, wenn er liebt. Niemand kommt
ihm darin gleich, auf eine lebensgefährliche Weise anzubeten...
Dieser Geist Renan's, ein Geist, der entnervt, ist ein Verhängniss
mehr für das arme, kranke, willenskranke Frankreich.
-
3. Sainte-Beuve. - Nichts von Mann; voll eines kleinen Ingrimms
gegen alle Mannsgeister. Schweift umher, fein, neugierig,
gelangweilt, aushorcherisch, - eine Weibsperson im Grunde,
mit einer Weibs-Rachsucht und Weibs-Sinnlichkeit. Als Psycholog
ein Genie der médisance; unerschöpflich reich
an Mitteln dazu; Niemand versteht besser, mit einem Lob Gift
zu mischen. Plebejisch in den untersten Instinkten und mit
dem ressentiment Rousseau's verwandt: folglich Romantiker
- denn unter allem romantisme grunzt und giert der Instinkt
Rousseau's nach Rache. Revolutionär, aber durch die Furcht
leidlich noch im Zaum gehalten. Ohne Freiheit vor Allem, was
Stärke hat (öffentliche Meinung, Akademie, Hof,
selbst Port Royal). Erbittert gegen alles Grosse an Mensch
und Ding, gegen Alles, was an sich glaubt. Dichter und Halbweib
genug, um das Grosse noch als Macht zu fühlen; gekrümmt
beständig, wie jener berühmte Wurm, weil er sich
beständig getreten fühlt. Als Kritiker ohne Maassstab,
Halt und Rückgrat, mit der Zunge des kosmopolitischen
libertin für Vielerlei, aber ohne den Muth selbst zum
Eingeständniss der libertinage. Als Historiker ohne Philosophie,
ohne die Macht des philosophischen Blicks, - deshalb die Aufgabe
des Richtens in allen Hauptsachen ablehnend, die "Objektivität"
als Maske vorhaltend. Anders verhält er sich zu allen
Dingen, wo ein feiner, vernutzter Geschmack die höchste
Instanz ist: da hat er wirklich den Muth zu sich, die Lust
an sich, - da ist er Meister. - Nach einigen Seiten eine Vorform
Baudelaire's. -
4. Die imitatio Christi gehört zu den Büchern,
die ich nicht ohne einen physiologischen Widerstand in den
Händen halte: sie haucht einen parfum des Ewig-Weiblichen
aus, zu dem man bereits Franzose sein muss - oder Wagnerianer...
Dieser Heilige hat eine Art von der Liebe zu reden, dass sogar
die Pariserinnen neugierig werden. - Man sagt mir, dass jener
klügste Jesuit, A. Comte, der seine Franzosen auf dem
Umweg der Wissenschaft nach Rom führen wollte, sich an
diesem Buche inspirirt habe. Ich glaube es: "die Religion
des Herzens"...
5. G. Eliot. - Sie sind den christlichen Gott los und glauben
nun um, so mehr die christliche Moral festhalten zu müssen:
das ist eine englische Folgerichtigkeit, wir wollen sie den
Moral Weiblein á la Eliot nicht verübeln. In England
muss man sich für jede kleine Emancipation von der Theologie
in furchteinflössender Weise als Moral-Fanatiker wieder
zu Ehren bringen. Das ist dort die Busse, die man zahlt. -
Für uns Andre steht es anders. Wenn man den christlichen
Glauben aufgiebt, zieht man sich damit das Recht zur christlichen
Moral unter den Füssen weg. Diese versteht sich schlechterdings
nicht von selbst: man muss diesen Punkt, den englischen Flachköpfen
zum Trotz, immer wieder an's Licht stellen. Das Christenthum
ist ein System, eine zusammengedachte und ganze Ansicht der
Dinge. Bricht man aus ihm einen Hauptbegriff, den Glauben
an Gott, heraus, so zerbricht man damit auch das Ganze: man
hat nichts Nothwendiges mehr zwischen den Fingern. Das Christenthum
setzt voraus, dass der Mensch nicht wisse, nicht wissen könne,
was für ihn gut, was böse ist: er glaubt an Gott,
der allein es weiss. Die christliche Moral ist ein Befehl;
ihr Ursprung ist transscendent; sie ist jenseits aller Kritik,
alles Rechts auf Kritik; sie hat nur Wahrheit, falls Gott
die Wahrheit ist, - sie steht und fällt mit dem Glauben
an Gott. - Wenn thatsächlich die Engländer glauben,
sie wüssten von sich aus, "intuitiv", was gut
und böse ist, wenn sie folglich vermeinen, das Christenthum
als Garantie der Moral nicht mehr nöthig zu haben, so
ist dies selbst bloss die Folge der Herrschaft des christlichen
Werthurtheils und ein Ausdruck von der Stärke und Tiefe
dieser Herrschaft: so dass der Ursprung der englischen Moral
vergessen worden ist, so dass das Sehr-Bedingte ihres Rechts
auf Dasein nicht mehr empfunden wird. Für den Engländer
ist die Moral noch kein Problem...
6. George Sand. - Ich las die ersten lettres d'un voyageur:
wie Alles, was von Rousseau stammt, falsch, gemacht, Blasebalg,
übertrieben. Ich halte diesen bunten Tapeten-Stil nicht
aus; ebensowenig als die Pöbel-Ambition nach generösen
Gefühlen. Das Schlimmste freilich bleibt die Weibskoketterie
mit Männlichkeiten, mit Manieren ungezogener Jungen.
- Wie kalt muss sie bei alledem gewesen sein, diese unausstehliche
Künstlerin! Sie zog sich auf wie eine Uhr - und schrieb...
Kalt, wie Hugo wie Balzac, wie alle Romantiker, sobald sie
dichteten! Und wie selbstgefällig sie dabei dagelegen
haben mag, diese fruchtbare Schreibe-Kuh, die etwas Deutsches
im schlimmen Sinne an sich hatte, gleich Rousseau selbst,
ihrem Meister, und jedenfalls erst beim Niedergang des französischen
Geschmacks möglich war! - Aber Renan verehrt sie...
7. Moral für Psychologen. - Keine Colportage-Psychologie
treiben! Nie beobachten, um zu beobachten! Das giebt eine
falsche Optik, ein Schielen, etwas Erzwungenes und Übertreibendes.
Erleben als Erleben-Wollen - das geräth nicht. Man darf
nicht im Erlebniss nach sich hinblicken, jeder Blick wird
da zum "bösen Blick". Ein geborner Psycholog
hütet sich aus Instinkt, zu sehn, um zu sehn; dasselbe
gilt vom gebornen Maler. Er arbeitet nie "nach der Natur",
- er überlässt seinem Instinkte, seiner camera obscura
das Durchsieben und Ausdrücken des "Falls",
der "Natur", des "Erlebten"... Das Allgemeine
erst kommt ihm zum Bewusstsein, der Schluss, das Ergebniss:
er kennt jenes willkürliche Abstrahiren vom einzelnen
Falle nicht. - Was wird daraus, wenn man es anders macht?
Zum Beispiel nach Art der Pariser romanciers gross und klein
Colportage-Psychologie treibt? Das lauert gleichsam der Wirklichkeit
auf, das bringt jeden Abend eine Handvoll Curiositäten
mit nach Hause... Aber man sehe nur, was zuletzt herauskommt
- ein Haufen von Klecksen, ein Mosaik besten Falls, in jedem
Falle etwas Zusammen-Addirtes, Unruhiges, Farbenschreiendes.
Das Schlimmste darin erreichen die Goncourt: sie setzen nicht
drei Sätze zusammen, die nicht dem Auge, dem Psychologen-Auge
einfach weh thun. - Die Natur, künstlerisch abgeschätzt,
ist kein Modell. Sie übertreibt, sie verzerrt, sie lässt
Lücken. Die Natur ist der Zufall. Das Studium "nach
der Natur" scheint mir ein schlechtes Zeichen: es verräth
Unterwerfung, Schwäche, Fatalismus, - dies Im-Staube-Liegen
vor petits faits ist eines ganzen Künstlers unwürdig.
Sehen, was ist - das gehört einer andern Gattung von
Geistern. zu, den antiartistischen, den Thatsächlichen.
Man muss wissen, wer man ist...
8. Zur Psychologie des Künstlers. - Damit es Kunst giebt,
damit es irgend ein ästhetisches Thun und Schauen giebt,
dazu ist eine physiologische Vorbedingung unumgänglich:
der Rausch. Der Rausch muss erst die Erregbarkeit der ganzen
Maschine gesteigert haben: eher kommt es zu keiner Kunst.
Alle noch so verschieden bedingten Arten des Rausches haben
dazu die Kraft: vor Allem der Rausch der Geschlechtserregung,
diese älteste und ursprünglichste Form des Rausches.
Insgleichen der Rausch, der im Gefolge aller grossen Begierden,
aller starken Affekte kommt; der Rausch des Festes, des Wettkampfs,
des Bravourstücks, des Siegs, aller extremen Bewegung;
der Rausch der Grausamkeit; der Rausch in der Zerstörung;
der Rausch unter gewissen meteorologischen Einflüssen,
zum Beispiel der Frühlingsrausch; oder unter dem Einfluss
der Narcotica; endlich der Rausch des Willens, der Rausch
eines überhäuften und geschwellten Willens. - Das
Wesentliche am Rausch ist das Gefühl der Kraftsteigerung
und Fülle. Aus diesem Gefühle giebt man an die Dinge
ab, man zwingt sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt sie,
- man heisst diesen Vorgang Idealisiren. Machen wir uns hier
von einem Vorurtheil los: das Idealisiren besteht nicht, wie
gemeinhin geglaubt wird, in einem Abziehn oder Abrechnen des
Kleinen, des Nebensächlichen. Ein ungeheures Heraustreibender
Hauptzüge ist vielmehr das Entscheidende, so dass die
andern darüber verschwinden.
9. Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen
Fülle: was man sieht, was man will, man sieht es geschwellt,
gedrängt, stark, überladen mit Kraft. Der Mensch
dieses Zustandes verwandelt die Dinge, bis sie seine Macht
wiederspiegeln, - bis sie Reflexe seiner Vollkommenheit sind.
Dies Verwandeln müssen in's Vollkommne ist - Kunst. Alles
selbst, was er nicht ist, wird trotzdem ihm zur Lust an sich;
in der Kunst geniesst sich der Mensch als Vollkommenheit.
- Es wäre erlaubt, sich einen gegensätzlichen Zustand
auszudenken, ein spezifisches Antikünstlerthum des Instinks,
- eine Art zu sein, welche alle Dinge verarmte, verdünnte,
schwindsüchtig machte. Und in der That, die Geschichte
ist reich an solchen Anti-Artisten, an solchen Ausgehungerten
des Lebens: welche mit Nothwendigkeit die Dinge noch an sich
nehmen, sie auszehren, sie magerer machen müssen. Dies
ist zum Beispiel der Fall des echten Christen, Pascal's zum
Beispiel: ein Christ, der zugleich Künstler wäre,
kommt nicht vor... Man sei nicht kindlich und wende mir Raffael
ein oder irgend welche homöopathische Christen des neunzehnten
Jahrhunderts: Raffael sagte Ja, Raffael machte Ja, folglich
war Raffael kein Christ...
10. Was bedeutet der von mir in die Ästhetik eingeführte
Gegensatz-Begriff apollinisch und dionysisch, beide als Arten
des Rausches begriffen? - Der apollinische Rausch hält
vor Allem das Auge erregt, so dass es die Kraft der Vision
bekommt. Der Maler, der Plastiker, der Epiker sind Visionäre
par excellence. Im dionysischen Zustande ist dagegen das gesammte
Affekt-System erregt und gesteigert: so dass es alle seine
Mittel des Ausdrucks mit einem Male entladet und die Kraft
des Darstellens, Nachbildens, Transfigurirens, Verwandelns,
alle Art Mimik und Schauspielerei zugleich heraustreibt. Das
Wesentliche bleibt die Leichtigkeit der Metamorphose, die
Unfähigkeit, nicht zu reagiren (- ähnlich wie bei
gewissen Hysterischen, die auch auf jeden Wink hin in je de
Rolle eintreten). Es ist dem dionysischen Menschen unmöglich,
irgend eine Suggestion nicht zu verstehn, er übersieht
kein Zeichen des Affekts, er hat den höchsten Grad des
verstehenden und errathenden Instinkts, wie er den höchsten
Grad von Mittheilungs-Kunst besitzt. Er geht in jede Haut,
in jeden Affekt ein: er verwandelt sich beständig. -
Musik, wie wir sie heute verstehn, ist gleichfalls eine Gesammt-Erregung
und -Entladung der Affekte, aber dennoch nur das Überbleibsel
von einer viel volleren Ausdrucks-Welt des Affekts, ein blosses
residuum des dionysischen Histrionismus. Man hat, zur Ermöglichung
der Musik als Sonderkunst, eine Anzahl Sinne, vor Allem den
Muskelsinn still gestellt (relativ wenigstens: denn in einem
gewissen Grade redet noch aller Rhythmus zu unsern Muskeln):
so dass der Mensch nicht mehr Alles, was er fühlt, sofort
leibhaft nachahmt und darstellt. Trotzdem ist Das der eigentlich
dionysische Normalzustand, jedenfalls der Urzustand; die Musik
ist die langsam erreichte Spezifikation desselben auf Unkosten
der nächstverwandten Vermögen.
11. Der Schauspieler, der Mime, der Tänzer, der Musiker,
der Lyriker sind in ihren Instinkten grundverwandt und an
sich Eins, aber allmählich spezialisirt und von einander
abgetrennt - bis selbst zum Widerspruch. Der Lyriker blieb
am längsten mit dem Musiker geeint; der Schauspieler
mit dem Tänzer. - Der Architekt stellt weder einen dionysischen,
noch einen apollinischen Zustand dar: hier ist es der grosse
Willensakt, der Wille, der Berge versetzt, der Rausch des
grossen Willens, der zur Kunst verlangt. Die mächtigsten
Menschen haben immer die Architekten inspirirt; der Architekt
war stets unter der Suggestion der Macht. Im Bauwerk soll
sich der Stolz, der Sieg über die Schwere, der Wille
zur Macht versichtbaren; Architektur ist eine Art Macht-Beredsamkeit
in Formen, bald überredend, selbst schmeichelnd, bald
bloss befehlend. Das höchste Gefühl von Macht und
Sicherheit kommt in dem zum Ausdruck, was grossen Stil hat.
Die Macht, die keinen Beweis mehr nöthig hat; die es
verschmäht, zu gefallen; die schwer antwortet; die keinen
Zeugen um sich fühlt; die ohne Bewusstsein davon lebt,
dass es Widerspruch gegen sie giebt; die in sich ruht, fatalistisch,
ein Gesetz unter Gesetzen: Das redet als grosser Stil von
sich. -
12. Ich las das Leben Thomas Carlyle's, diese farce wider
Wissen und Willen, diese heroisch-moralische Interpretation
dyspeptischer Zustände. - Carlyle, ein Mann der starken
Worte und Attitüden, ein Rhetor aus Noth, den beständig
das Verlangen nach einem starken Glauben agaçirt und
das Gefühl der Unfähigkeit dazu (- darin ein typischer
Romantiker!). Das Verlangen nach einem starken Glauben ist
nicht der Beweis eines starken Glaubens, vielmehr das Gegentheil.
Hat man ihn, so darf man sich den schönen Luxus der Skepsis
gestatten: man ist sicher genug, fest genug, gebunden genug
dazu. Carlyle betäubt Etwas in sich durch das fortissimo
seiner Verehrung für Menschen starken Glaubens und durch
seine Wuth gegen die weniger Einfältigen: er bedarf des
Lärms. Eine beständige leidenschaftliche Unredlichkeit
gegen sich - das ist sein proprium, damit ist und bleibt er
interessant. - Freilich, in England wird er gerade wegen seiner
Redlichkeit bewundert... Nun, das ist englisch; und in Anbetracht,
dass die Engländer das Volk des vollkommnen cant sind,
sogar billig, und nicht nur, begreiflich. Im Grunde ist Carlyle
ein englischer Atheist, der seine Ehre darin sucht, es nicht
zu sein.
13. Emerson. - Viel aufgeklärter, schweifender, vielfacher,
raffinirter als Carlyle, vor Allem glücklicher... Ein
Solcher, der sich instinktiv bloss von Ambrosia nährt,
der das Unverdauliche in den Dingen zurücklässt.
Gegen Carlyle gehalten ein Mann des Geschmacks. - Carlyle,
der ihn sehr liebte, sagte trotzdem von ihm: "er giebt
uns nicht genug zu beissen": was mit Recht gesagt sein
mag, aber nicht zu Ungunsten Emerson's. - Emerson hat jene
gütige und geistreiche Heiterkeit, welche allen Ernst
entmuthigt; er weiss es schlechterdings nicht, wie alt er
schon ist und wie jung er noch sein wird, - er könnte
von sich mit einem Wort Lope de Vega's sagen: "yo me
sucedo a mi mismo". Sein Geist findet immer Gründe,
zufrieden und selbst dankbar zu sein; und bisweilen streift
er die heitere Transscendenz jenes Biedermanns, der von einem
verliebten Stelldichein tamquam re bene gesta zurückkam.
"Ut desint vires, sprach er dankbar, tamen est laudanda
voluptas." -
14. Anti-Darwin. - Was den berühmten Kampf um's Leben
betrifft, so scheint er mir einstweilen mehr behauptet als
bewiesen. Er kommt vor, aber als Ausnahme; der Gesammt-Aspekt
des Lebens ist nicht die Nothlage, die Hungerlage, vielmehr
der Reichthum, die Üppigkeit, selbst die absurde Verschwendung,
- wo gekämpft wird, kämpft man um Macht... Man soll
nicht Malthus mit der Natur verwechseln. - Gesetzt aber, es
giebt diesen Kampf - und in der That, er kommt vor -, so läuft
er leider umgekehrt aus als die Schule Darwin's wünscht,
als man vielleicht mit ihr wünschen dürfte: nämlich
zu Ungunsten der Starken, der Bevorrechtigten, der glücklichen
Ausnahmen. Die Gattungen wachsen nicht in der Vollkommenheit:
die Schwachen werden immer wieder über die Starken Herr,
- das macht, sie sind die grosse Zahl, sie sind auch klüger...
Darwin hat den Geist vergessen (- das ist englisch!), die
Schwachen haben mehr Geist... Man muss Geist nöthig haben,
um Geist zu bekommen, - man verliert ihn, wenn man ihn nicht
mehr nöthig hat. Wer die Stärke hat, entschlägt
sich des Geistes (- "lass fahren dahin! denkt man heute
in Deutschland - das Reich muss uns doch bleiben"...).
Ich verstehe unter Geist, wie man sieht, die Vorsicht, die
Geduld, die List, die Verstellung, die grosse Selbstbeherrschung
und Alles, was mimicry ist (zu letzterem gehört ein grosser
Theil der sogenannten Tugend).
15. Psychologen-Casuistik. - Das ist ein Menschenkenner:
wozu studirt er eigentlich die Menschen? Er will kleine Vortheile
über sie erschnappen, oder auch grosse, - er ist ein
Politikus!... Jener da ist auch ein Menschenkenner: und ihr
sagt, der wolle Nichts damit für sich, das sei ein grosser
"Unpersönlicher". Seht schärfer zu! Vielleicht
will er sogar noch einen schlimmeren Vortheil: sich den Menschen
überlegen fühlen, auf sie herabsehn dürfen,
sich nicht mehr mit ihnen verwechseln. Dieser "Unpersönliche"
ist ein Menschen-Verächter: und jener Erstere ist die
humanere Species, was auch der Augenschein sagen mag. Er stellt
sich wenigstens gleich, er stellt sich hinein...
16. Der psychologische Takt der Deutschen scheint mir durch
eine ganze Reihe von Fällen in Frage gestellt, deren
Verzeichniss vorzulegen mich meine Bescheidenheit hindert.
In Einem Falle wird es mir nicht an einem grossen Anlasse
fehlen, meine These zu begründen: ich trage es den Deutschen
nach, sich über Kant und seine "Philosophie der
Hinterthüren", wie ich sie nenne, vergriffen zu
haben, - das war nicht der Typus der intellektuellen Rechtschaffenheit.
- Das Andre, was ich nicht hören mag, ist ein berüchtigtes
"und": die Deutschen sagen, "Goethe und Schiller",
- ich fürchte, sie sagen "Schiller und Goethe"...
Kennt man noch nicht diesen Schiller? - Es giebt noch schlimmere
"und"; ich habe mit meinen eigenen Ohren, allerdings
nur unter Universitäts-Professoren, gehört "Schopenhauer
und Hartmann"
17. Die geistigsten Menschen, vorausgesetzt, dass sie die
muthigsten sind, erleben auch bei weitem die schmerzhaftesten
Tragödien: aber eben deshalb ehren sie das Leben, weil
es ihnen seine grösste Gegnerschaft entgegenstellt.
18. Zum "intellektuellen Gewissen". - Nichts scheint
mir heute seltner als die echte Heuchelei. Mein Verdacht ist
gross, dass diesem Gewächs die sanfte Luft unsrer Cultur
nicht zuträglich ist. Die Heuchelei gehört in die
Zeitalter des starken Glaubens: wo man selbst nicht bei der
Nöthigung, einen andern Glauben zur Schau zu tragen,
von dem Glauben losliess, den man hatte. Heute lässt
man ihn los; oder, was noch gewöhnlicher, man legt sich
noch einen zweiten Glauben zu, - ehrlich bleibt man in jedem
Falle. Ohne Zweifel ist heute eine sehr viel grössere
Anzahl von Überzeugungen möglich als ehemals: möglich,
das heisst erlaubt, das heisst unschädlich. Daraus entsteht
die Toleranz gegen sich selbst. - Die Toleranz gegen sich
selbst gestattet mehrere Überzeugungen: diese selbst
leben verträglich beisammen, - sie hüten sich, wie
alle Welt heute, sich zu compromittiren. Womit compromittirt
man sich heute? Wenn man Consequenz hat. Wenn man in gerader
Linie geht. Wenn man weniger als fünfdeutig ist. Wenn
man echt ist... Meine Furcht ist gross, dass der moderne Mensch
für einige Laster einfach zu bequem ist: so dass diese
geradezu aussterben. Alles Böse, das vom starken Willen
bedingt ist - und vielleicht giebt es nichts Böses ohne
Willensstärke - entartet, in unsrer lauen Luft, zur Tugend...
Die wenigen Heuchler, die ich kennen lernte, machten die Heuchelei
nach: sie waren, wie heutzutage fast jeder zehnte Mensch,
Schauspieler. -
19. Schön und hässlich. - Nichts ist bedingter,
sagen wir beschränkter, als unser Gefühl des Schönen.
Wer es losgelöst von der Lust des Menschen am Menschen
denken wollte, verlöre sofort Grund und Boden unter den
Füssen. Das "Schöne an sich" ist bloss
ein Wort, nicht einmal ein Begriff. Im Schönen setzt
sich der Mensch als Maass der Vollkommenheit; in. ausgesuchten
Fällen betet er sich darin an. Eine Gattung kann gar
nicht anders als dergestalt zu sich allein ja sagen. Ihr unterster
Instinkt, der der Selbsterhaltung und Selbsterweiterung, strahlt
noch in solchen Sublimitäten aus. Der Mensch glaubt die
Welt selbst mit Schönheit überhäuft, - er vergisst
sich als deren Ursache. Er allein hat sie mit Schönheit
beschenkt, ach! nur mit einer sehr menschlich-allzumenschlichen
Schönheit.... Im Grunde spiegelt sich der Mensch in den
Dingen, er hält Alles für schön, was ihm sein
Bild zurückwirft: das Urtheil "schön"
ist seine Gattungs-Eitelkeit.... Dem Skeptiker nämlich
darf ein kleiner Argwohn die Frage in's Ohr flüstern:
ist wirklich damit die Welt verschönt, dass gerade der
Mensch sie für schön nimmt? Er hat sie vermenschlicht:
das ist Alles. Aber Nichts, gar Nichts verbürgt uns,
dass gerade der Mensch das Modell des Schönen abgäbe.
Wer weiss, wie er sich in den Augen eines höheren Geschmacksrichters
ausnimmt? Vielleicht gewagt? vielleicht selbst erheiternd?
vielleicht ein wenig arbiträr?... "Oh Dionysos,
Göttlicher, warum ziehst du mich an den Ohren?"
fragte Ariadne einmal bei einem jener berühmten Zwiegespräche
auf Naxos ihren philosophischen Liebhaber. "Ich finde
eine Art Humor in deinen Ohren, Ariadne: warum sind sie nicht
noch länger?"
20. Nichts ist schön, nur der Mensch ist schön:
auf dieser Naivetät ruht alle Ästhetik, sie ist
deren erste Wahrheit. Fügen wir sofort noch deren zweite
hinzu: Nichts ist hässlich als der entartende Mensch,
- damit ist das Reich des ästhetischen Urtheils umgrenzt.
- Physiologisch nachgerechnet, schwächt und betrübt
alles Hässliche den Menschen. Es erinnert ihn an Verfall,
Gefahr, Ohnmacht; er büsst thatsächlich dabei Kraft
ein. Man kann die Wirkung des Hässlichen mit dem Dynamometer
messen. Wo der Mensch überhaupt niedergedrückt wird,
da wittert er die Nähe von etwas "Hässlichem".
Sein Gefühl der Macht, sein Wille zur Macht, sein Muth,
sein Stolz - das fällt mit dem Hässlichen, das steigt
mit dem Schönen... Im einen wie im andern Falle machen
wir einen Schluss: die Prämissen dazu sind in ungeheurer
Fülle im Instinkte aufgehäuft. Das Hässliche
wird verstanden als ein Wink und Symptom der Degenerescenz:
was im Entferntesten an Degenerescenz erinnert, das wirkt
in uns das Urtheil "hässlich". Jedes Anzeichen
von Erschöpfung, von Schwere, von Alter, von Müdigkeit,
jede Art Unfreiheit, als Krampf, als Lähmung, vor Allem
der Geruch, die Farbe, die Form der Auflösung, der Verwesung,
und sei es auch in der letzten Verdünnung zum Symbol
- das Alles ruft die gleiche Reaktion hervor, das Werthurtheil
"hässlich". Ein Hass springt da hervor: wen
hasst da der Mensch? Aber es ist kein Zweifel: den Niedergang
seines Typus. Er hasst da aus dem tiefsten Instinkte der Gattung
heraus; in diesem Hass ist Schauder, Vorsicht, Tiefe, Fernblick,
- es ist der tiefste Hass, den es giebt. Um seinetwillen ist
die Kunst tief...
21. Schopenhauer. Schopenhauer, der letzte Deutsche, der
in Betracht kommt (der ein europäisches Ereigniss gleich
Goethe, gleich Hegel, gleich Heinrich Heine ist, und nicht
bloss ein lokales, ein "nationales"), ist für
einen Psychologen ein Fall ersten Ranges: nämlich als
bösartig genialer Versuch, zu Gunsten einer nihilistischen
Gesammt-Abwerthung des Lebens gerade die Gegen-Instanzen,
die grossen Selbstbejahungen des "Willens zum Leben",
die Exuberanz-Formen des Lebens in's Feld zu führen.
Er hat, der Reihe nach, die Kunst, den Heroismus, das Genie,
die Schönheit, das grosse Mitgefühl, die Erkenntniss,
den Willen zur Wahrheit, die Tragödie als Folgeerscheinungen
der "Verneinung" oder der Verneinungs-Bedürftigkeit
des "Willens" interpretirt - die grösste psychologische
Falschmünzerei, die es, das Christenthum abgerechnet,
in der Geschichte giebt. Genauer zugesehn ist er darin bloss
der Erbe der christlichen Interpretation: nur dass er auch
das vom Christenthum Abgelehnte, die grossen Cultur-Thatsachen
der Menschheit noch in einem christlichen, das heisst nihilistischen
Sinne gut zu heissen wusste (- nämlich als Wege zur "Erlösung",
als Vorformen der "Erlösung", als Stimulantia
des Bedürfnisses nach "Erlösung"... )
22. Ich nehme einen einzelnen Fall. Schopenhauer spricht
von der Schönheit mit einer schwermüthigen Gluth,
- warum letzten Grundes? Weil er in ihr eine Brücke sieht,
auf der man weiter gelangt, oder Durst bekommt, weiter zu
gelangen... Sie ist ihm die Erlösung vom "Willen"
auf Augenblicke - sie lockt zur Erlösung für immer...
Insbesondere preist er sie als Erlöserin vom "Brennpunkte
des Willens", von der Geschlechtlichkeit, - in der Schönheit
sieht er den Zeugetrieb verneint... Wunderlicher Heiliger!
Irgend Jemand widerspricht dir, ich fürchte, es ist die
Natur. Wozu giebt es überhaupt Schönheit in Ton,
Farbe, Duft, rhythmischer Bewegung in der Natur? Was treibt
die Schönheit heraus?- Glücklicherweise widerspricht
ihm auch ein Philosoph. Keine geringere Autorität als
die des göttlichen Plato (- so nennt ihn Schopenhauer
selbst) hält einen andern Satz aufrecht: dass alle Schönheit
zur Zeugung reize, - dass dies gerade das proprium ihrer Wirkung
sei, vom Sinnlichsten bis hinauf in's Geistigste...
23. Plato geht weiter. Er sagt mit einer Unschuld, zu der
man Grieche sein muss und nicht "Christ", dass es
gar keine platonische Philosophie geben würde, wenn es
nicht so schöne Jünglinge in Athen gäbe: deren
Anblick sei es erst, was die Seele des Philosophen in einen
erotischen Taumel versetze und ihr keine Ruhe lasse, bis sie
den Samen aller hohen Dinge in ein so schönes Erdreich
hinabgesenkt habe. Auch ein wunderlicher Heiliger! - man traut
seinen Ohren nicht, gesetzt selbst, dass man Plato traut.
Zum Mindesten erräth man, dass in Athenanders philosophirt
wurde, vor Allem öffentlich. Nichts ist weniger griechisch
als die Begriffs-Spinneweberei eines Einsiedlers, amor intellectualis
dei nach Art des Spinoza. Philosophie nach Art des Plato wäre
eher als ein erotischer Wettbewerb zu definiren, als eine
Fortbildung und Verinnerlichung der alten agonalen Gymnastik
und deren Voraussetzungen... Was wuchs zuletzt aus dieser
philosophischen Erotik Plato's heraus? Eine neue Kunstform
des griechischen Agon, die Dialektik. - Ich erinnere noch,
gegen Schopenhauer und zu Ehren Plato's, daran, dass auch
die ganze höhere Cultur und Litteratur des klassischen
Frankreichs auf dem Boden des geschlechtlichen Interesses
aufgewachsen ist. Man darf überall bei ihr die Galanterie,
die Sinne, den Geschlechts-Wettbewerb, das "Weib"
suchen, - man wird nie umsonst suchen...
24. L'art pour l'art. - Der Kampf gegen den Zweck in der
Kunst ist immer der Kampf gegen die moralisirende Tendenz
in der Kunst, gegen ihre Unterordnung unter die Moral. L'art
pour l'art heisst: "der Teufel hole die Moral!"
- Aber selbst noch diese Feindschaft verräth die Übergewalt
des Vorurtheils. Wenn man den Zweck des Moralpredigens und
Menschen-Verbesserns von der Kunst ausgeschlossen hat, so
folgt daraus noch lange nicht, dass die Kunst überhaupt
zwecklos, ziellos, sinnlos, kurz l'art pour l'art - ein Wurm,
der sich in den Schwanz beisst - ist. "Lieber gar keinen
Zweck als einen moralischen Zweck!" - so redet die blosse
Leidenschaft. Ein Psycholog fragt dagegen: was thut alle Kunst?
lobt sie nicht? verherrlicht sie nicht? wählt sie nicht
aus? zieht sie nicht hervor? Mit dem Allen stärkt oder
schwächt sie gewisse Werthschätzungen... Ist dies
nur ein Nebenbei? ein Zufall? Etwas, bei dem der Instinkt
des Künstlers gar nicht betheiligt wäre? Oder aber:
ist es nicht die Voraussetzung dazu, dass der Künstler
kann...? Geht dessen unterster Instinkt auf die Kunst oder
nicht vielmehr auf den Sinn der Kunst, das Leben? auf eine
Wünschbarkeit von Leben?- Die Kunst ist das grosse Stimulans
zum Leben: wie könnte man sie als zwecklos, als ziellos,
als l'art pour l'art verstehn? - Eine Frage bleibt zurück:
die Kunst bringt auch vieles Hässliche, Harte, Fragwürdige
des Lebens zur Erscheinung, - scheint sie nicht damit vom
Leben zu entleiden? - Und in der That, es gab Philosophen,
die ihr diesen Sinn liehn: "loskommen vom Willen"
lehrte Schopenhauer als Gesammt-Absicht der Kunst, "zur
Resignation stimmen" verehrte er als die grosse Nützlichkeit
der Tragödie. - Aber dies - ich gab es schon zu verstehn
- ist Pessimisten-Optik und "böser Blick" -:
man muss an die Künstler selbst appelliren. Was theilt
der tragische Künstler von sich mit? Ist es nicht gerade
der Zustand ohne Furcht vor dem Furchtbaren und Fragwürdigen,
das er zeigt? - Dieser Zustand selbst ist eine hohe Wünschbarkeit;
wer ihn kennt, ehrt ihn mit den höchsten Ehren. Er theilt
ihn mit, er muss ihn mittheilen, vorausgesetzt, dass er ein
Künstler ist, ein Genie der Mittheilung. Die Tapferkeit
und Freiheit des Gefühls vor einem mächtigen Feinde,
vor einem erhabenen Ungemach, vor einem Problem, das Grauen
erweckt - dieser siegreiche Zustand ist es, den der tragische
Künstler auswählt, den er verherrlicht. Vor der
Tragödie feiert das Kriegerische in unserer Seele seine
Saturnalien; wer Leid gewohnt ist, wer Leid aufsucht, der
heroische Mensch preist mit der Tragödie sein Dasein,
- ihm allein kredenzt der Tragiker den Trunk dieser süssesten
Grausamkeit. -
25. Mit Menschen fürlieb nehmen, mit seinem Herzen offen
Haus halten, das ist liberal, das ist aber bloss liberal.
Man erkennt die Herzen, die der vornehmen Gastfreundschaft
fähig sind, an den vielen verhängten Fenstern und
geschlossenen Läden: ihre besten Räume halten sie
leer. Warum doch? - Weil sie Gäste erwarten, mit denen
man nicht "fürlieb nimmt"
26. Wir schätzen uns nicht genug mehr, wenn wir uns
mittheilen. Unsre eigentlichen Erlebnisse sind ganz und gar
nicht geschwätzig. Sie könnten sich selbst nicht
mittheilen, wenn sie wollten. Das macht, es fehlt ihnen das
Wort. Wofür wir Worte haben, darüber sind wir auch
schon hinaus. In allem Reden liegt ein Gran Verachtung. Die
Sprache, scheint es, ist nur für Durchschnittliches,
Mittleres, Mittheilsames erfunden. Mit der Sprache vulgarisirt
sich bereits der Sprechende. - Aus einer Moral für Taubstumme
und andere Philosophen.
27. "Dies Bildniss ist bezaubernd schön!"...
Das Litteratur-Weib, unbefriedigt, aufgeregt, öde in
Herz und Eingeweide, mit schmerzhafter Neugierde jederzeit
auf den Imperativ hinhorchend, der aus den Tiefen seiner Organisation
"aut liberi aut libri" flüstert: das Litteratur-Weib,
gebildet genug, die Stimme der Natur zu verstehn, selbst wenn
sie Latein redet und andrerseits eitel und Gans genug, um
im Geheimen auch noch französisch mit sich zu sprechen
"je me verrai, je me lirai, je m'extasierai et je dirai:
Possible, que j'aie eu tant d'esprit?"
28. Die "Unpersönlichen" kommen zu Wort. -
"Nichts fällt uns leichter, als weise, geduldig,
überlegen zu sein. Wir triefen vom Öl der Nachsicht
und des Mitgefühls, wir sind auf eine absurde Weise gerecht,
wir verzeihen Alles. Eben darum sollten wir uns etwas strenger
halten; eben darum sollten wir uns, von Zeit zu Zeit, einen
kleinen Affekt, ein kleines Laster von Affect züchten.
Es mag uns sauer angehn; und unter uns lachen wir vielleicht
über den Aspekt, den wir damit geben. Aber was hilft
es! Wir haben keine andre Art mehr übrig von Selbstüberwindung:
dies ist unsre Asketik, unser Büsserthum"... Persönlich
werden - die Tugend des "Unpersönlichen"...
29. Aus einer Doctor-Promotion. - "Was ist die Aufgabe
alles höheren Schulwesens?" - Aus dem Menschen eine
Maschine zu machen. - "Was ist das Mittel dazu?"
- Er muss lernen, sich langweilen. - "Wie erreicht man
das?" - Durch den Begriff der Pflicht. - "Wer ist
sein Vorbild dafür?" - Der Philolog: der lehrt ochsen.
- "Wer ist der vollkommene Mensch?" - Der Staats-Beamte.
- "Welche Philosophie giebt die höchste Formel für
den Staats-Beamten?" - Die Kant's: der Staats-Beamte
als Ding an sich zum Richter gesetzt über den Staats-Beamten
als Erscheinung. -
30. Das Recht auf Dummheit. - Der ermüdete und langsam
athmende Arbeiter, der gutmüthig blickt, der die Dinge
gehen lässt, wie sie gehn: diese typische Figur, der
man jetzt, im Zeitalter der Arbeit (und des "Reichs"!
-) in allen Klassen der Gesellschaft begegnet, nimmt heute
gerade die Kunst für sich in Anspruch, eingerechnet das
Buch, vor Allem das Journal, - um wie viel mehr die schöne
Natur, Italien... Der Mensch des Abends, mit den "entschlafenen
wilden Trieben", von denen Faust redet, bedarf der Sommerfrische,
des Seebads, der Gletscher, Bayreuth's... In solchen Zeitaltern
hat die Kunst ein Recht auf reine Thorheit, - als eine Art
Ferien für Geist, Witz und Gemüth. Das verstand
Wagner. Die reine Thorheit stellt wieder her...
31. Noch ein Problem der Diät. - Die Mittel, mit denen
Julius Cäsar sich gegen Kränklichkeiten und Kopfschmerz
vertheidigte: ungeheure Märsche, einfachste Lebensweise,
ununterbrochner Aufenthalt im Freien, beständige Strapazen
- das sind, in's Grosse gerechnet, die Erhaltungs- und Schutz-Maassregeln
überhaupt gegen die extreme Verletzlichkeit jener subtilen
und unter höchstem Druck arbeitenden Maschine, welche
Genie heisst. -
32. Der Immoralist redet. - Einem Philosophen geht Nichts
mehr wider den Geschmack als der Mensch, sofern er wünscht...
Sieht er den Menschen nur in seinem Thun, sieht er dieses
tapferste, listigste, ausdauerndste Thier verirrt selbst in
labyrinthische Nothlagen, wie bewunderungswürdig erscheint
ihm der Mensch! Er spricht ihm noch zu... Aber der Philosoph
verachtet den wünschenden Menschen, auch den "wünschbaren"
Menschen - und überhaupt alle Wünschbarkeiten, alle
Ideale des Menschen. Wenn ein Philosoph Nihilist sein könnte,
so würde er es sein, weil er das Nichts hinter allen
Idealen des Menschen findet. Oder noch nicht einmal das Nichts,
- sondern nur das Nichtswürdige, das Absurde, das Kranke,
das Feige, das Müde, alle Art Hefen aus dem ausgetrunkenen
Becher seines Lebens... Der Mensch, der als Realität
so verehrungswürdig ist, wie kommt es, dass er keine
Achtung verdient, sofern er wünscht? Muss er es büssen,
so tüchtig als Realität zu sein? Muss er sein Thun,
die Kopf- und Willensanspannung in allem Thun, mit einem Gliederstrecken
im Imaginären und Absurden ausgleichen? - Die Geschichte
seiner Wünschbarkeiten war bisher die partie honteuse
des Menschen: man soll sich hüten, zu lange in ihr zu
lesen. Was den Menschen rechtfertigt, ist seine Realität,
- sie wird ihn ewig rechtfertigen. Um wie viel mehr werth
ist der wirkliche Mensch, verglichen mit irgend einem bloss
gewünschten, erträumten, erstunkenen und erlogenen
Menschen? mit irgend einem idealen Menschen?... Und nur der
ideale Mensch geht dem Philosophen wider den Geschmack.
33. Naturwerth des Egoismus. - Die Selbstsucht ist so viel
werth, als Der physiologisch werth ist, der sie hat: sie kann
sehr viel werth sein, sie kann nichtswürdig und verächtlich
sein. Jeder Einzelne darf darauf hin angesehen werden, ob
er die aufsteigende oder die absteigende Linie des Lebens
darstellt. Mit einer Entscheidung darüber hat man auch
einen Kanon dafür, was seine Selbstsucht werth ist. Stellt
er das Aufsteigen der Linie dar, so ist in der That sein Werth
ausserordentlich, - und um des Gesammt-Lebens willen, das
mit ihm einen Schritt weiter thut, darf die Sorge um Erhaltung,
um Schaffung seines optimum von Bedingungen selbst extrem
sein. Der Einzelne, das "Individuum", wie Volk und
Philosoph das bisher verstand, ist ja ein Irrthum: er ist
nichts für sich, kein Atom, kein "Ring der Kette",
nichts bloss Vererbtes von Ehedem, - er ist die ganze Eine
Linie Mensch bis zu ihm hin selber noch... Stellt er die absteigende
Entwicklung, den Verfall, die chronische Entartung, Erkrankung
dar (- Krankheiten sind, in's Grosse gerechnet, bereits Folgeerscheinungen
des Verfalls, nicht dessen Ursachen), so kommt ihm wenig Werth
zu, und die erste Billigkeit will, dass er den Wohlgerathenen
so wenig als möglich wegnimmt. Er ist bloss noch deren
Parasit...
34. Christ und Anarchist. - Wenn der Anarchist, als Mundstück
niedergehender Schichten der Gesellschaft, mit einer schönen
Entrüstung "Recht", "Gerechtigkeit",
"gleiche Rechte" verlangt, so steht er damit nur
unter dem Drucke seiner Unkultur, welche nicht zu begreifen
weiss, warum er eigentlich leidet, - woran er arm ist, an
Leben... Ein Ursachen-Trieb ist in ihm mächtig: Jemand
muss schuld daran sein, dass er sich schlecht befindet...
Auch thut ihm die "schöne Entrüstung"
selber schon wohl, es ist ein Vergnügen für alle
armen Teufel, zu schimpfen, - es giebt einen kleinen Rausch
von Macht. Schon die Klage, das Sich-Beklagen, kann dem Leben
einen Reiz geben, um dessentwillen man es aushält: eine
feinere Dosis Rache ist in jeder Klage, man wirft sein Schlechtbefinden,
unter Umständen selbst seine Schlechtigkeit Denen, die
anders sind, wie ein Unrecht, wie ein unerlaubtes Vorrecht
vor. "Bin ich eine canaille, so solltest du es auch sein":
auf diese Logik hin macht man Revolution. - Das Sich-Beklagen
taugt in keinem Falle etwas: es stammt aus der Schwäche.
Ob man sein Schlecht-Befinden Andern oder sich selber zu misst
-. Ersteres thut der Socialist, Letzteres zum Beispiel der
Christ -, macht keinen eigentlichen Unterschied. Das Gemeinsame,
sagen wir auch das Unwürdige daran ist, dass jemand schuld
daran sein soll, dass man leidet - kurz, dass der Leidende
sich gegen sein Leiden den Honig der Rache verordnet. Die
Objekte dieses Rach-Bedürfnisses als eines Lust-Bedürfnisses
sind Gelegenheits-Ursachen: der Leidende findet überall
Ursachen, seine kleine Rache zu kühlen, - ist er Christ,
nochmals gesagt, so findet er sie in sich... Der Christ und
der Anarchist - Beide sind décadents. - Aber auch wenn
der Christ die "Welt" verurtheilt, verleumdet, beschmutzt,
so thut er es aus dem gleichen Instinkte, aus dem der socialistische
Arbeiter die Gesellschaft verurtheilt, verleumdet, beschmutzt:
das "jüngste Gericht" selbst ist noch der süsse
Trost der Rache - die Revolution, wie sie auch der socialistische
Arbeiter erwartet, nur etwas ferner gedacht... Das "Jenseits"
selbst - wozu ein Jenseits, wenn es nicht ein Mittel wäre,
das Diesseits zu beschmutzen?...
35. Kritik der Décadence-Moral. Eine "altruistische"
Moral, eine Moral, bei der die Selbstsucht verkümmert
-, bleibt unter allen Umständen ein schlechtes Anzeichen.
Dies gilt vom Einzelnen, dies gilt namentlich von Völkern.
Es fehlt am Besten, wenn es an der Selbstsucht zu fehlen beginnt.
Instinktiv das Sich-Schädliche wählen, Gelockt-werden
durch "uninteressirte" Motive giebt beinahe die
Formel ab für décadence. "Nicht seinen Nutzen
suchen" - das ist bloss das moralische Feigenblatt für
eine ganz andere, nämlich physiologische Thatsächlichkeit:
"ich weiss meinen Nutzen nicht mehr zu finden" Disgregation
der Instinkte! - Es ist zu Ende mit ihm, wenn der Mensch altruistisch
wird. - Statt naiv zu sagen, "ich bin nichts mehr werth",
sagt die Moral Lüge im Munde des décadent: "Nichts
ist etwas werth, - das Leben ist nichts werth"... Ein
solches Urtheil bleibt zuletzt eine grosse Gefahr, es wirkt
ansteckend, - auf dem ganzen morbiden Boden der Gesellschaft
wuchert es bald zu tropischer Begriffs-Vegetation empor, bald
als Religion (Christenthum), bald als Philosophie (Schopenhauerei).
Unter Umständen vergiftet eine solche aus Fäulniss
gewachsene Giftbaum-Vegetation mit ihrem Dunste weithin, auf
Jahrtausende hin das Leben...
36. Moral für Ärzte. - Der Kranke ist ein Parasit
der Gesellschaft. In einem gewissen Zustande ist es unanständig,
noch länger zu leben. Das Fortvegetiren in feiger Abhängigkeit
von Ärzten und Praktiken, nachdem der Sinn vom Leben,
das Recht zum Leben verloren gegangen ist, sollte bei der
Gesellschaft eine tiefe Verachtung nach sich ziehn. Die Ärzte
wiederum hätten die Vermittler dieser Verachtung zu sein,
- nicht Recepte, sondern jeden Tag eine neue Dosis Ekel vor
ihrem Patienten... Eine neue Verantwortlichkeit schaffen,
die des Arztes, für alle Fälle, wo das höchste
Interesse des Lebens, des aufsteigenden Lebens, das rücksichtsloseste
Nieder- und Beiseite-Drängen des entartenden Lebens verlangt
- zum Beispiel für das Recht auf Zeugung, für das
Recht, geboren zu werden, für das Recht, zu leben...
Auf eine stolze Art sterben, wenn es nicht mehr möglich
ist, auf eine stolze Art zu leben. Der Tod, aus freien Stücken
gewählt, der Tod zur rechten Zeit, mit Helle und Freudigkeit,
inmitten von Kindern und Zeugen vollzogen: so dass ein wirkliches
Abschiednehmen noch möglich ist, wo Der noch da ist,
der sich verabschiedet, insgleichen ein wirkliches Abschätzen
des Erreichten und Gewollten, eine Summirung des Lebens -
Alles im Gegensatz zu der erbärmlichen und schauderhaften
Komödie, die das Christenthum mit der Sterbestunde getrieben
hat. Man soll es dem Christenthume nie vergessen, dass es
die Schwäche des Sterbenden zu Gewissens-Nothzucht, dass
es die Art des Todes selbst zu Werth-Urtheilen über Mensch
und Vergangenheit gemissbraucht hat! - Hier gilt es, allen
Feigheiten des Vorurtheils zum Trotz, vor Allem die richtige,
das heisst physiologische Würdigung des sogenannten natürlichen
Todes herzustellen: der zuletzt auch nur ein "unnatürlicher",
ein Selbstmord ist. Man geht nie durch jemand Anderes zu Grunde,
als durch sich selbst. Nur ist es der Tod unter den verächtlichsten
Bedingungen, ein unfreier Tod, ein Tod zur unrechten Zeit,
ein Feiglings Tod. Man sollte, aus Liebe zum Leben -, den
Tod anders wollen, frei, bewusst, ohne Zufall, ohne Überfall...
Endlich ein Rath für die Herrn Pessimisten und andere
décadents. Wir haben es nicht in der Hand, zu verhindern,
geboren zu werden: aber wir können diesen Fehler - denn
bisweilen ist es ein Fehler - wieder gut machen. Wenn man
sich abschafft, thut man die achtungswürdigste Sache,
die es giebt: man verdient beinahe damit, zu leben... Die
Gesellschaft, was sage ich! Das Leben selber hat mehr Vortheil
davon, als durch irgend welches "Leben" in Entsagung,
Bleichsucht und andrer Tugend -, man hat die Andern von seinem
Anblick befreit, man hat das Leben von einem Einwand befreit...
Der Pessimismus, pur, vert, beweist sich erst durch die Selbst-Widerlegung
der Herrn Pessimisten: man muss einen Schritt weiter gehn
in seiner Logik, nicht bloss mit "Wille und Vorstellung",
wie Schopenhauer es that, das Leben verneinen -, man muss
Schopenhauern zuerst verneinen... Der Pessimismus, anbei gesagt,
so ansteckend er ist, vermehrt trotzdem nicht die Krankhaftigkeit
einer Zeit, eines Geschlechts im Ganzen: er ist deren Ausdruck.
Man verfällt ihm, wie man der Cholera verfällt:
man muss morbid genug dazu schon angelegt sein. Der Pessimismus
selbst macht keinen einzigen décadent mehr; ich erinnere
an das Ergebniss der Statistik, dass die Jahre, in denen die
Cholera wüthet, sich in der Gesammt-Ziffer der Sterbefälle
nicht von andern Jahrgängen unterscheiden.
37. Ob wir moralischer geworden sind. - Gegen meinen Begriff
"jenseits von Gut und Böse" hat sich, wie zu
erwarten stand, die ganze Ferocität der moralischen Verdummung,
die bekanntlich in Deutschland als die Moral selber gilt -,
in's Zeug geworfen: ich hätte artige Geschichten davon
zu erzählen. Vor Allem gab man mir die "unleugbare
Überlegenheit" unsrer Zeit im sittlichen Urtheil
zu überdenken, unsern wirklich hier gemachten Fortschritt:
ein Cesare Borgia sei, im Vergleich mit uns, durchaus nicht
als ein "höherer Mensch", als eine Art Übermensch,
wie ich es thue, aufzustellen... Ein Schweizer Redakteur,
vom "Bund", gieng so weit, nicht ohne seine Achtung
vor dem Muth zu solchem Wagniss auszudrücken, den Sinn
meines Werks dahin zu "verstehn", dass ich mit demselben
die Abschaffung aller anständigen Gefühle beantragte.
Sehr verbunden! - Ich erlaube mir, als Antwort, die Frage
aufzuwerfen, ob wir wirklich moralischer geworden sind. Dass
alle Welt das glaubt, ist bereits ein Einwand dagegen... Wir
modernen Menschen, sehr zart, sehr verletzlich und hundert
Rücksichten gebend und nehmend, bilden uns in der That
ein, diese zärtliche Menschlichkeit, die wir darstellen,
diese erreichte Einmüthigkeit in der Schonung, in der
Hülfsbereitschaft, im gegenseitigen Vertrauen sei ein
positiver Fortschritt, damit seien wir weit über die
Menschen der Renaissance hinaus. Aber so denkt jede Zeit,
so muss sie denken. Gewiss ist, dass wir uns nicht in Renaissance-Zustände
hineinstellen dürften, nicht einmal hineindenken: unsre
Nerven hielten jene Wirklichkeit nicht aus, nicht zu reden
von unsern Muskeln. Mit diesem Unvermögen ist aber kein
Fortschritt bewiesen, sondern nur eine andre, eine spätere
Beschaffenheit, eine schwächere, zärtlichere, verletzlichere,
aus der sich nothwendig eine rücksichtenreiche Moral
erzeugt. Denken wir unsre Zartheit und Spätheit, unsre
physiologische Alterung weg, so verlöre auch unsre Moral
der "Vermenschlichung" sofort ihren Werth - an sich
hat keine Moral Werth -: sie würde uns selbst Geringschätzung
machen. Zweifeln wir andrerseits nicht daran, dass wir Modernen
mit unsrer dick wattirten Humanität, die durchaus an
keinen Stein sich stossen Will, den Zeitgenossen Cesare Borgia's
eine Komödie zum Todtlachen abgeben würden. In der
That, wir sind über die Maassen unfreiwillig spasshaft,
mit unsren modernen "Tugenden"... Die Abnahme der
feindseligen und misstrauenweckenden Instinkte - und das wäre
ja unser "Fortschritt" - stellt nur eine der Folgen
in der allgemeinen Abnahme der Vitalität dar: es kostet
hundert Mal mehr Mühe, mehr Vorsicht, ein so bedingtes,
so spätes Dasein durchzusetzen. Da hilft man sich gegenseitig,
da ist Jeder bis zu einem gewissen Grade Kranker und Jeder
Krankenwärter. Das heisst dann "Tugend" -:
unter Menschen, die das Leben noch anders kannten, voller,
verschwenderischer, überströmender, hätte man's
anders genannt, "Feigheit" vielleicht, "Erbärmlichkeit",
"Altweiber-Moral"... Unsre Milderung der Sitten
- das ist mein Satz, das ist, wenn man will, meine Neuerung
- ist eine Folge des Niedergangs; die Härte und Schrecklichkeit
der Sitte kann umgekehrt eine Folge des Überschusses
von Leben sein: dann nämlich darf auch Viel gewagt, Viel
herausgefordert, Viel auch vergeudet werden. Was Würze
ehedem des Lebens war, für uns wäre es Gift... Indifferent
zu sein - auch das ist eine Form der Stärke - dazu sind
wir gleichfalls zu alt, zu spät: unsre Mitgefühls-Moral,
vor der ich als der Erste gewarnt habe, Das, was man l'impressionisme
morale nennen könnte, ist ein Ausdruck mehr der physiologischen
Überreizbarkeit, die Allem, was décadent ist,
eignet. Jene Bewegung, die mit der Mitleids-Moral Schopenhauer's
versucht hat, sich wissenschaftlich vorzuführen - ein
sehr unglücklicher Versuch! - ist die eigentliche décadence-Bewegung
in der Moral, sie ist als solche tief verwandt mit der christlichen
Moral. Die starken Zeiten, die vornehmen Culturen sehen im
Mitleiden, in der "Nächstenliebe", im Mangel
an Selbst und Selbstgefühl etwas Verächtliches.
- Die Zeiten sind zu messen nach ihren positiven Kräften
- und dabei ergiebt sich jene so verschwenderische und verhängnissreiche
Zeit der Renaissance als die letzte grosse Zeit, und wir,
wir Modernen mit unsrer ängstlichen Selbst-Fürsorge
und Nächstenliebe, mit unsren Tugenden der Arbeit, der
Anspruchslosigkeit, der Rechtlichkeit, der Wissenschaftlichkeit
- sammelnd, ökonomisch, machinal - als eine schwache
Zeit... Unsre Tugenden sind bedingt, sind herausgefordert
durch unsre Schwäche... Die "Gleichheit", eine
gewisse thatsächliche Anähnlichung, die sich in
der Theorie von "gleichen Rechten" nur zum Ausdruck
bringt, gehört wesentlich zum Niedergang: die Kluft zwischen
Mensch und Mensch, Stand und Stand, die Vielheit der Typen,
der Wille, selbst zu sein, sich abzuheben, Das, was ich Pathos
der Distanz nenne, ist jeder starken Zeit zu eigen. Die Spannkraft,
die Spannweite zwischen den Extremen wird heute immer kleiner,
- die Extreme selbst verwischen sich endlich bis zur Ähnlichkeit...
Alle unsre politischen Theorien und Staats-Verfassungen, das
"deutsche Reich" durchaus nicht ausgenommen, sind
Folgerungen, Folge-Nothwendigkeiten des Niedergangs; die unbewusste
Wirkung der décadence ist bis in die Ideale einzelner
Wissenschaften hinein Herr geworden. Mein Einwand gegen die
ganze Sociologie in England und Frankreich bleibt, dass sie
nur die Verfalls-Gebilde der Societät aus Erfahrung kennt
und vollkommen unschuldig die eigenen Verfalls-Instinkte als
Norm des sociologischen Werthurteils nimmt. Das niedergehende
Leben, die Abnahme aller organisirenden, das heisst trennenden,
Klüfte aufreissenden, unter- und überordnenden Kraft
formulirt sich in der Sociologie von heute zum Ideal... Unsre
Socialisten sind décadents, aber auch Herr Herbert
Spencer ist ein décadent, - er sieht im Sieg des Altruismus
etwas Wünschenswerthes!...
38. Mein Begriff von Freiheit. - Der Werth einer Sache liegt
mitunter nicht in dem, was man mit ihr erreicht, sondern in
dem, was man für sie bezahlt, - was sie uns kostet. Ich
gebe ein Beispiel. Die liberalen Institutionen hören
alsbald auf, liberal zu sein, sobald sie erreicht sind: es
giebt später keine ärgeren und gründlicheren
Schädiger der Freiheit, als liberale Institutionen. Man
weiss ja, was sie zu Wege bringen: sie unterminiren den Willen
zur Macht, sie sind die zur Moral erhobene Nivellirung von
Berg und Tal, sie machen klein, feige und genüsslich,
- mit ihnen triumphirt jedesmal das Heerdenthier. Liberalismus:
auf deutsch Heerden-Verthierung... Dieselben Institutionen
bringen, so lange sie noch erkämpft werden, ganz andere
Wirkungen hervor; sie fördern dann in der That die Freiheit
auf eine mächtige Weise. Genauer zugesehn, ist es der
Krieg, der diese Wirkungen hervorbringt, der Krieg um liberale
Institutionen, der als Krieg die illiberalen Instinkte dauern
lässt. Und der Krieg erzieht zur Freiheit. Denn was ist
Freiheit! Dass man den Willen zur Selbstverantwortlichkeit
hat. Dass man die Distanz, die uns abtrennt, festhält.
Dass man gegen Mühsal, Härte, Entbehrung, selbst
gegen das Leben gleichgültiger wird. Dass man bereit
ist, seiner Sache Menschen zu opfern, sich selber nicht abgerechnet.
Freiheit bedeutet, dass die männlichen, die kriegs- und
siegsfrohen Instinkte die Herrschaft haben über andre
Instinkte, zum Beispiel über die des "Glücks".
Der freigewordne Mensch, um wie viel mehr der freigewordne
Geist, tritt mit Füssen auf die verächtliche Art
von Wohlbefinden, von dem Krämer, Christen, Kühe,
Weiber, Engländer und andre Demokraten träumen.
Der freie Mensch ist Krieger. - Wonach misst sich die Freiheit,
bei Einzelnen, wie bei Völkern? Nach dem Widerstand,
der überwunden werden muss, nach der Mühe, die es
kostet, oben zu bleiben. Den höchsten Typus freier Menschen
hätte man dort zu suchen, wo beständig der höchste
Widerstand überwunden wird: fünf Schritt weit von
der Tyrannei, dicht an der Schwelle der Gefahr der Knechtschaft.
Dies ist psychologisch wahr, wenn man hier unter den "Tyrannen"
unerbittliche und furchtbare Instinkte begreift, die das Maximum
von Autorität und Zucht gegen sich herausfordern - schönster
Typus Julius Caesar -; dies ist auch politisch wahr, man mache
nur seinen Gang durch die Geschichte. Die Völker, die
Etwas werth waren, werth wurden, wurden dies nie unter liberalen
Institutionen: die grosse Gefahr machte Etwas aus ihnen, das
Ehrfurcht verdient, die Gefahr, die uns unsre Hülfsmittel,
unsre Tugenden, unsre Wehr und Waffen, unsern Geist erst kennen
lehrt, - die uns zwingt, stark zu sein... Erster Grundsatz:
man muss es nöthig haben, stark zu sein: sonst wird man's
nie. - Jene grossen Treibhäuser für starke, für
die stärkste Art Mensch, die es bisher gegeben hat, die
aristokratischen Gemeinwesen in der Art von Rom und Venedig
verstanden Freiheit genau in dem Sinne, wie ich das Wort Freiheit
verstehe: als Etwas, das man hat und nicht hat, das man will,
das man erobert...
39. Kritik der Modernität. - Unsre Institutionen taugen
nichts mehr: darüber ist man einmüthig. Aber das
liegt nicht an ihnen, sondern an uns. Nachdem uns alle Instinkte
abhanden gekommen sind, aus denen Institutionen wachsen, kommen
uns Institutionen überhaupt abhanden, weil wir nicht
mehr zu ihnen taugen. Demokratismus war jeder Zeit die Niedergangs-Form
der organisirenden Kraft: ich habe schon in "Menschliches,
Allzumenschliches" 1, 318 die moderne Demokratie sammt
ihren Halbheiten, wie "deutsches Reich", als Verfallsform
des Staats gekennzeichnet. Damit es Institutionen giebt, muss
es eine Art Wille, Instinkt, Imperativ geben, antiliberal
bis zur Bosheit: den Willen zur Tradition, zur Autorität,
zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte hinaus, zur Solidarität
von Geschlechter-Ketten vorwärts und rückwärts
in infinitum. Ist dieser Wille da, so gründet sich Etwas
wie das imperium Romanum: oder wie Russland, die einzige Macht,
die heute Dauer im Leibe hat, die warten kann, die Etwas noch
versprechen kann, - Russland der Gegensatz-Begriff zu der
erbärmlichen europäischen Kleinstaaterei und Nervosität,
die mit der Gründung des deutschen Reichs in einen kritischen
Zustand eingetreten ist... Der ganze Westen hat jene Instinkte
nicht mehr, aus denen Institutionen wachsen, aus denen Zukunft
wächst: seinem "modernen Geiste" geht vielleicht
Nichts so sehr wider den Strich. Man lebt für heute,
man lebt sehr geschwind, - man lebt sehr unverantwortlich:
dies gerade nennt man "Freiheit". Was aus Institutionen
Institutionen macht, wird verachtet, gehasst, abgelehnt: man
glaubt sich in der Gefahr einer neuen Sklaverei, wo das Wort
"Autorität" auch nur laut wird. So weit geht
die décadence im Werth-Instinkte unsrer Politiker,
unsrer politischen Parteien: sie ziehn instinktiv vor, was
auflöst, was das Ende beschleunigt... Zeugniss die moderne
Ehe. Aus der modernen Ehe ist ersichtlich alle Vernunft abhanden
gekommen: das giebt aber keinen Einwand gegen die Ehe ab,
sondern gegen die Modernität. Die Vernunft der Ehe -
sie lag in der juristischen Alleinverantwortlichkeit des Mannes:
damit hatte die Ehe Schwergewicht, während sie heute
auf beiden Beinen hinkt. Die Vernunft der Ehe - sie lag in
ihrer principiellen Unlösbarkeit: damit bekam sie einen
Accent, der, dem Zufall von Gefühl, Leidenschaft und
Augenblick gegenüber, sich Gehör zu schaffen wusste.
Sie lag insgleichen in der Verantwortlichkeit der Familien
für die Auswahl der Gatten. Man hat mit der wachsenden
Indulgenz zu Gunsten der Liebes-Heirath geradezu die Grundlage
der Ehe, Das, was erst aus ihr eine Institution macht, eliminirt.
Man gründet eine Institution nie und nimmermehr auf eine
Idiosynkrasie, man gründet die Ehe nicht, wie gesagt,
auf die "Liebe", - man gründet sie auf den
Geschlechtstrieb, auf den Eigenthumstrieb (Weib und Kind als
Eigenthum), auf den Herrschafts-Trieb, der sich beständig
das kleinste Gebilde der Herrschaft, die Familie, organisirt,
der Kinder und Erben braucht, um ein erreichtes Maass von
Macht, Einfluss, Reichthum auch physiologisch festzuhalten,
um lange Aufgaben, um Instinkt-Solidarität zwischen Jahrhunderten
vorzubereiten. Die Ehe als Institution begreift bereits die
Bejahung der grössten, der dauerhaftesten Organisationsform
in sich: wenn die Gesellschaft selbst nicht als Ganzes für
sich gutsagen kann bis in die fernsten Geschlechter hinaus,
so hat die Ehe überhaupt keinen Sinn. - Die moderne Ehe
verlor ihren Sinn, - folglich schafft man sie ab. -
40. Die Arbeiter-Frage. - Die Dummheit, im Grunde die Instinkt-Entartung,
welche heute die Ursache aller Dummheiten ist, liegt darin,
dass es eine Arbeiter-Frage giebt. Über gewisse Dinge
fragt man nicht: erster Imperativ des Instinktes. - Ich sehe
durchaus nicht ab, was man mit dem europäischen Arbeiter
machen will, nachdem man erst eine Frage aus ihm gemacht hat.
Er befindet sich viel zu gut, um nicht Schritt für Schritt
mehr zu fragen, unbescheidner zu fragen. Er hat zuletzt die
grosse Zahl für sich. Die Hoffnung ist vollkommen vorüber,
dass hier sich eine bescheidene und selbstgenügsame Art
Mensch, ein Typus Chinese zum Stande herausbilde: und dies
hätte Vernunft gehabt, dies wäre geradezu eine Nothwendigkeit
gewesen. Was hat man gethan? - Alles, um auch die Voraussetzung
dazu im Keime zu vernichten, - man hat die Instinkte, vermöge
deren ein Arbeiter als Stand möglich, sich selber möglich
wird, durch die unverantwortlichste Gedankenlosigkeit in Grund
und Boden zerstört. Man hat den Arbeiter militärtüchtig
gemacht, man hat ihm das Coalitions-Recht, das politische
Stimmrecht gegeben: was Wunder, wenn der Arbeiter seine Existenz
heute bereits als Nothstand (moralisch ausgedrückt als
Unrecht -) empfindet? Aber was will man? nochmals gefragt.
Will man einen Zweck, muss man auch die Mittel wollen: will
man Sklaven, so ist man ein Narr, wenn man sie zu Herrn erzieht.
-
41. "Freiheit, die ich nicht meine..." In solchen
Zeiten, wie heute, seinen Instinkten überlassen sein,
ist ein Verhängniss mehr. Diese Instinkte widersprechen,
stören sich, zerstören sich unter einander; ich
definirte das Moderne bereits als den physiologischen Selbst-Widerspruch.
Die Vernunft der Erziehung würde wollen, dass unter einem
eisernen Drucke wenigstens Eins dieser Instinkt-Systeme paralysirt
würde, um einem andren zu erlauben, zu Kräften zu
kommen, stark zu werden, Herr zu werden. Heute müsste
man das Individuum erst möglich machen, indem man dasselbe
beschneidet: möglich, das heisst ganz... Das Umgekehrte
geschieht: der Anspruch auf Unabhängigkeit, auf freie
Entwicklung, auf laisser aller wird gerade von Denen am hitzigsten
gemacht, für die kein Zügel zu streng wäre
- dies gilt in politicis, dies gilt in der Kunst. Aber das
ist ein Symptom der décadence: unser moderner Begriff
"Freiheit" ist ein Beweis von Instinkt-Entartung
mehr. -
42. Wo Glaube noth thut. - Nichts ist seltner unter Moralisten
und Heiligen als Rechtschaffenheit; vielleicht sagen sie das
Gegentheil, vielleicht glauben sie es selbst. Wenn nämlich
ein Glaube nützlicher, wirkungsvoller, überzeugender
ist, als die bewusste Heuchelei, so wird, aus Instinkt, die
Heuchelei alsbald zur Unschuld: erster Satz zum Verständniss
grosser Heiliger. Auch bei den Philosophen, einer andren Art
von Heiligen, bringt es das ganze Handwerk mit sich, dass
sie nur gewisse Wahrheiten zulassen: nämlich solche,
auf die hin ihr Handwerk die öffentliche Sanktion hat,
- Kantisch geredet, Wahrheiten der praktischen Vernunft. Sie
wissen, was sie beweisen müssen, darin sind sie praktisch,
- sie erkennen sich unter einander daran, dass sie über
"die Wahrheiten" übereinstimmen. - "Du
sollst nicht lügen" - auf deutsch: hüten Sie
sich, mein Herr Philosoph, die Wahrheit zu sagen...
43. Den Conservativen in's Ohr gesagt. - Was man früher
nicht wusste, was man heute weiss, wissen könnte -, eine
Rückbildung, eine Umkehr in irgend welchem Sinn und Grade
ist gar nicht möglich. Wir Physiologen wenigstens wissen
das. Aber alle Priester und Moralisten haben daran geglaubt,
- sie wollten die Menschheit auf ein früheres Maass von
Tugend zurückbringen, zurückschrauben. Moral war
immer ein Prokrustes-Bett. Selbst die Politiker haben es darin
den Tugendpredigern nachgemacht: es giebt auch heute noch
Parteien, die als Ziel den Krebsgang aller Dinge träumen.
Aber es steht Niemandem frei, Krebs zu sein. Es hilft nichts:
man muss vorwärts, will sagen Schritt für Schritt
weiter in der décadence (- dies meine Definition des
modernen "Fortschritts"... ). Man kann diese Entwicklung
hemmen und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen, aufsammeln,
vehementer und plötzlicher machen: mehr kann man nicht.
-
44. Mein Begriff vom Genie. - Grosse Männer sind wie
grosse Zeiten Explosiv-Stoffe, in denen eine ungeheure Kraft
aufgehäuft ist; ihre Voraussetzung ist immer, historisch
und physiologisch, dass lange auf sie hin gesammelt, gehäuft,
gespart und bewahrt worden ist, - dass lange keine Explosion
stattfand. Ist die Spannung in der Masse zu gross geworden,
so genügt der zufälligste Reiz, das "Genie",
die "That", das grosse Schicksal in die Welt zu
rufen. Was liegt dann an Umgebung, an Zeitalter, an "Zeitgeist",
an "öffentlicher Meinung"! - Man nehme den
Fall Napoleon's. Das Frankreich der Revolution, und noch mehr
das der Vorrevolution, würde aus sich den entgegengesetzten
Typus, als der Napoleon's ist, hervorgebracht haben: es hat
ihn auch hervorgebracht. Und weil Napoleon anders war, Erbe
einer stärkeren, längeren, älteren Civilisation
als die, welche in Frankreich in Dampf und Stücke gieng,
wurde er hier Herr, war er allein hier Herr. Die grossen Menschen
sind nothwendig, die Zeit, in der sie erscheinen, ist zufällig;
dass sie fast immer über dieselbe Herr werden, liegt
nur darin, dass sie stärker, dass sie älter sind,
dass länger auf sie hin gesammelt worden ist. Zwischen
einem Genie und seiner Zeit besteht ein Verhältniss,
wie zwischen stark und schwach, auch wie zwischen alt und
jung: die Zeit ist relativ immer viel jünger, dünner,
unmündiger, unsicherer, kindischer. - Dass man hierüber
in Frankreich heute sehr anders denkt (in Deutschland auch:
aber daran liegt nichts), dass dort die Theorie vom milieu,
eine wahre Neurotiker-Theorie, sakrosankt und beinahe wissenschaftlich
geworden ist und bis unter die Physiologen Glauben findet,
das "riecht nicht gut", das macht Einem traurige
Gedanken. - Man versteht es auch in England nicht anders,
doch darüber wird sich kein Mensch betrüben. Dem
Engländer stehen nur zwei Wege offen, sich mit dem Genie
und "grossen Manne" abzufinden: entweder demokratisch
in der Art Buckle's oder religiös in der Art Carlyle's.
- Die Gefahr, die in grossen Menschen und Zeiten liegt, ist
ausser ordentlich; die Erschöpfung jeder Art, die Sterilität
folgt ihnen auf dem Fusse. Der grosse Mensch ist ein Ende;
die grosse Zeit, die Renaissance zum Beispiel, ist ein Ende.
Das Genie - in Werk, in That - ist nothwendig ein Verschwender:
dass es sich ausgiebt, ist seine Grösse... Der Instinkt
der Selbsterhaltung ist gleichsam ausgehängt; der übergewaltige
Druck der ausströmenden Kräfte verbietet ihm jede
solche Obhut und Vorsicht. Man nennt das "Aufopferung";
man rühmt seinen "Heroismus" darin, seine Gleichgültigkeit
gegen das eigne Wohl, seine Hingebung für eine Idee,
eine grosse Sache, ein Vaterland: Alles Missverständnisse...
Er strömt aus, er strömt über, er verbraucht
sich, er schont sich nicht, - mit Fatalität, verhängnissvoll,
unfreiwillig, wie das Ausbrechen eines Flusses über seine
Ufer unfreiwillig ist. Aber weil man solchen Explosiven viel
verdankt, hat man ihnen auch viel dagegen geschenkt, zum Beispiel
eine Art höherer Moral... Das ist ja die Art der menschlichen
Dankbarkeit: sie missversteht ihre Wohlthäter.-
45. Der Verbrecher und was ihm verwandt ist. - Der Verbrecher-Typus,
das ist der Typus des starken Menschen unter ungünstigen
Bedingungen, ein krank gemachter starker Mensch. Ihm fehlt
die Wildniss, eine gewisse freiere und gefährlichere
Natur und Daseinsform, in der Alles, was Waffe und Wehr im
Instinkt des starken Menschen ist, zu Recht besteht. Seine
Tugenden sind von der Gesellschaft in Bann gethan; seine lebhaftesten
Triebe, die er mitgebracht hat, verwachsen alsbald mit den
niederdrückenden Affekten, mit dem Verdacht, der Furcht,
der Unehre. Aber dies ist beinahe das Recept zur physiologischen
Entartung. Wer Das, was er am besten kann, am liebsten thäte,
heimlich thun muss, mit langer Spannung, Vorsicht, Schlauheit,
wird anämisch; und weil er immer nur Gefahr, Verfolgung,
Verhängniss von seinen Instinkten her erntet, verkehrt
sich auch sein Gefühl gegen diese Instinkte - er fühlt
sie fatalistisch. Die Gesellschaft ist es, unsre zahme, mittelmässige,
verschnittene Gesellschaft, in der ein naturwüchsiger
Mensch, der vom Gebirge her oder aus den Abenteuern des Meeres
kommt, nothwendig zum Verbrecher entartet. Oder beinahe nothwendig:
denn es giebt Fälle, wo ein solcher Mensch sich stärker
erweist als die Gesellschaft: der Corse Napoleon ist der berühmteste
Fall. Für das Problem, das hier vorliegt, ist das Zeugniss
Dostoiewsky's von Belang - Dostoiewsky's, des einzigen Psychologen,
anbei gesagt, von dem ich Etwas zu lernen hatte: er gehört
zu den schönsten Glücksfällen meines Lebens,
mehr selbst noch als die Entdeckung Stendhal's. Dieser tiefe
Mensch, der zehn Mal Recht hatte, die oberflächlichen
Deutschen gering zu schätzen, hat die sibirischen Zuchthäusler,
in deren Mitte er lange lebte, lauter schwere Verbrecher,
für die es keinen Rückweg zur Gesellschaft mehr
gab, sehr anders empfunden als er selbst erwartete - ungefähr
als aus dem besten, härtesten und werthvollsten Holze
geschnitzt, das auf russischer Erde überhaupt wächst.
Verallgemeinern wir den Fall des Verbrechers: denken wir uns
Naturen, denen, aus irgend einem Grunde, die öffentliche
Zustimmung fehlt, die wissen, dass sie nicht als wohlthätig,
als nützlich empfunden werden, - jenes Tschandala-Gefühl,
dass man nicht als gleich gilt, sondern als ausgestossen,
unwürdig, verunreinigend. Alle solche Naturen haben die
Farbe des Unterirdischen auf Gedanken und Handlungen; an ihnen
wird Jegliches bleicher als an Solchen, auf deren Dasein das
Tageslicht ruht. Aber fast alle Existenzformen, die wir heute
auszeichnen, haben ehemals unter dieser halben Grabesluft
gelebt: der wissenschaftliche Charakter, der Artist, das Genie,
der freie Geist, der Schauspieler, der Kaufmann, der grosse
Entdecker... So lange der Priester als oberster Typus galt,
war jede werthvolle Art Mensch entwerthet... Die Zeit kommt
- ich verspreche das - wo er als der niedrigste gelten wird,
als unser Tschandala, als die verlogenste, als die unanständigste
Art Mensch... Ich richte die Aufmerksamkeit darauf, wie noch
jetzt, unter dem mildesten Regiment der Sitte, das je auf
Erden, zum Mindesten in Europa, geherrscht hat, jede Abseitigkeit,
jedes lange, allzulange Unterhalb, jede ungewöhnliche,
undurchsichtige Daseinsform jenem Typus nahe bringt, den der
Verbrecher vollendet. Alle Neuerer des Geistes haben eine
Zeit das fahle und fatalistische Zeichen des Tschandala auf
der Stirn: nicht, weil sie so empfunden würden, sondern
weil sie selbst die furchtbare Kluft fühlen, die sie
von allem Herkömmlichen und in Ehren Stehenden trennt.
Fast jedes Genie kennt als eine seiner Entwicklungen die "catilinarische
Existenz", ein Hass-, Rache- und Aufstands-Gefühl
gegen Alles, was schon ist, was nicht mehr wird... Catilina
- die Präexistenz-Form jedes Caesar. -
46. Hier ist die Aussicht frei. - Es kann Höhe der Seele
sein, wenn ein Philosoph schweigt; es kann Liebe sein, wenn
er sich widerspricht; es ist eine Höflichkeit des Erkennenden
möglich, welche lügt. Man hat nicht ohne Feinheit
gesagt: il est indigne des grands coeurs de répandre
le trouble, qu'ils ressentent: nur muss man hinzufügen,
dass vor dem Unwürdigsten sich nicht zu fürchten
ebenfalls Grösse der Seele sein kann. Ein Weib, das liebt,
opfert seine Ehre; ein Erkennender, welcher "liebt",
opfert vielleicht seine Menschlichkeit; ein Gott, welcher
liebte, ward Jude...
47. Die Schönheit kein Zufall. - Auch die Schönheit
einer Rasse oder Familie, ihre Anmuth und Güte in allen
Gebärden wird erarbeitet: sie ist, gleich dem Genie,
das Schlussergebniss der accumulirten Arbeit von Geschlechtern.
Man muss dem guten Geschmacke grosse Opfer gebracht haben,
man muss um seinetwillen Vieles gethan, Vieles gelassen haben
- das siebzehnte Jahrhundert Frankreichs ist bewunderungswürdig
in Beidem -, man muss in ihm ein Princip der Wahl, für
Gesellschaft, Ort, Kleidung, Geschlechtsbefriedigung gehabt
haben, man muss Schönheit dem Vortheil, der Gewohnheit,
der Meinung, der Trägheit vorgezogen haben. Oberste Richtschnur:
man muss sich auch vor sich selber nicht "gehen lassen".
- Die guten Dinge sind über die Maassen kostspielig:
und immer gilt das Gesetz, dass wer sie hat, ein Andrer ist,
als wer sie erwirbt. Alles Gute ist Erbschaft: was nicht ererbt
ist, ist unvollkommen, ist Anfang... In Athen waren zur Zeit
Cicero's, der darüber seine Überraschung ausdrückt,
die Männer und Jünglinge bei weitem den Frauen an
Schönheit überlegen: aber welche Arbeit und Anstrengung
im Dienste der Schönheit hatte daselbst das männliche
Geschlecht seit Jahrhunderten von sich verlangt! - Man soll
sich nämlich über die Methodik hier nicht vergreifen:
eine blosse Zucht von Gefühlen und Gedanken ist beinahe
Null (- hier liegt das grosse Missverständniss der deutschen
Bildung, die ganz illusorisch ist): man muss den Leib zuerst
überreden. Die strenge Aufrechterhaltung bedeutender
und gewählter Gebärden, eine Verbindlichkeit, nur
mit Menschen zu leben, die sich nicht "gehen lassen",
genügt vollkommen, um bedeutend und gewählt zu werden:
in zwei, drei Geschlechtern ist bereits Alles verinnerlicht.
Es ist entscheidend über das Loos von Volk und Menschheit,
dass man die Cultur an der rechten Stelle beginnt - nicht
an der "Seele" (wie es der verhängnissvolle
Aberglaube der Priester und Halb-Priester war): die rechte
Stelle ist der Leib, die Gebärde, die Diät, die
Physiologie, der Rest folgt daraus... Die Griechen bleiben
deshalb das erste Cultur-Ereigniss der Geschichte - sie wussten,
sie thaten, was Noth that; das Christenthum, das den Leib
verachtete, war bisher das grösste Unglück der Menschheit.
-
48. Fortschritt in meinem Sinne. - Auch ich rede von "Rückkehr
zur Natur", obwohl es eigentlich nicht ein Zurückgehn,
sondern ein Hinaufkommen ist - hinauf in die hohe, freie,
selbst furchtbare Natur und Natürlichkeit, eine solche,
die mit grossen Aufgaben spielt, spielen darf .. Um es im
Gleichniss zu sagen: Napoleon war ein Stück "Rückkehr
zur Natur", so wie ich sie verstehe (zum Beispiel in
rebus tacticis, noch mehr, wie die Militärs wissen, im
Strategischen). - Aber Rousseau - wohin wollte der eigentlich
zurück? Rousseau, dieser erste moderne Mensch, Idealist
und canaille in Einer Person; der die moralische "Würde"
nöthig hatte, um seinen eignen Aspekt auszuhalten; krank
vor zügelloser Eitelkeit und zügelloser Selbstverachtung.
Auch diese Missgeburt, welche sich an die Schwelle der neuen
Zeit gelagert hat, wollte "Rückkehr zur Natur"
- wohin, nochmals gefragt, wollte Rousseau zurück? -
Ich hasse Rousseau noch in der Revolution: sie ist der welthistorische
Ausdruck für diese Doppelheit von Idealist und canaille.
Die blutige farce, mit der sich diese Revolution abspielte,
ihre "Immoralität", geht mich wenig an: was
ich hasse, ist ihre Rousseau'sche Moralität - die sogenannten
"Wahrheiten" der Revolution, mit denen sie immer
noch wirkt und alles Flache und Mittelmässige zu sich
überredet. Die Lehre von der Gleichheit!... Aber es giebt
gar kein giftigeres Gift: denn sie scheint von der Gerechtigkeit
selbst gepredigt, während sie das Ende der Gerechtigkeit
ist... "Den Gleichen Gleiches, den Ungleichen Ungleiches
- das wäre die wahre Rede der Gerechtigkeit: und, was
daraus folgt, Ungleiches niemals gleich machen." - Dass
es um jene Lehre von der Gleichheit herum so schauerlich und
blutig zu gieng, hat dieser "modernen Idee" par
excellence eine Art Glorie und Feuerschein gegeben, so dass
die Revolution als Schauspiel auch die edelsten Geister verführt
hat. Das ist zuletzt kein Grund, sie mehr zu achten. - Ich
sehe nur Einen, der sie empfand, wie sie empfunden werden
muss, mit Ekel - Goethe...
49. Goethe - kein deutsches Ereigniss, sondern ein europäisches:
ein grossartiger Versuch, das achtzehnte Jahrhundert zu überwinden
durch eine Rückkehr zur Natur, durch ein Hinaufkommen
zur Natürlichkeit der Renaissance, eine Art Selbstüberwindung
von Seiten dieses Jahrhunderts. - Er trug dessen stärkste
Instinkte in sich: die Gefühlsamkeit, die Natur-Idolatrie,
das Antihistorische, das Idealistische, das Unreale und Revolutionäre
(- letzteres ist nur eine Form des Unrealen). Er nahm die
Historie, die Naturwissenschaft, die Antike, insgleichen Spinoza
zu Hülfe, vor Allem die praktische Thätigkeit; er
umstellte sich mit lauter geschlossenen Horizonten; er löste
sich nicht vom Leben ab, er stellte sich hinein; er war nicht
verzagt und nahm so viel als möglich auf sich, über
sich, in sich. Was er Wollte, das war Totalität; er bekämpfte
das Auseinander von Vernunft, Sinnlichkeit, Gefühl, Wille
(- in abschreckendster Scholastik durch Kant gepredigt, den
Antipoden Goethe's), er disciplinirte sich zur Ganzheit, er
schuf sich... Goethe war, inmitten eines unreal gesinnten
Zeitalters, ein überzeugter Realist: er sagte ja zu Allem,
was ihm hierin verwandt war, - er hatte kein grösseres
Erlebniss als jenes ens realissimum, genannt Napoleon. Goethe
concipirte einen starken, hochgebildeten, in aller Leiblichkeiten
geschickten, sich selbst im Zaume habenden, vor sich selber
ehrfürchtigen Menschen, der sich den ganzen Umfang und
Reichthum der Natürlichkeit zu gönnen wagen darf,
der stark genug zu dieser Freiheit ist; den Menschen der Toleranz,
nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke, weil er
Das, woran die durchschnittliche Natur zu Grunde gehn würde,
noch zu seinem Vortheile zu brauchen weiss; den Menschen,
für den es nichts Verbotenes mehr giebt, es sei denn
die Schwäche, heisse sie nun Laster oder Tugend... Ein
solcher freigewordner Geist steht mit einem freudigen und
vertrauenden Fatalismus mitten im All, im Glauben, dass nur
das Einzelne verwerflich ist, dass im Ganzen sich Alles erlöst
und bejaht - er verneint nicht mehr... Aber ein solcher Glaube
ist der höchste aller möglichen Glauben: ich habe
ihn auf den Namen des Dionysos getauft. -
50. Man könnte sagen, dass in gewissem Sinne das neunzehnte
Jahrhundert Das alles auch erstrebt hat, was Goethe als Person
erstrebte: eine Universalität im Verstehn, im Gutheissen,
ein Ansich-heran-kommen-lassen von Jedwedem, einen verwegnen
Realismus, eine Ehrfurcht vor allem Thatsächlichen. Wie
kommt es, dass das Gesammt-Ergebniss kein Goethe, sondern
ein Chaos ist, ein nihilistisches Seufzen, ein Nicht-wissen-wo-aus-noch-ein,
ein Instinkt von Ermüdung, der in praxi fortwährend
dazu treibt, zum achtzehnten Jahrhundert zurückzugreifen?
(- zum Beispiel als Gefühls-Romantik, als Altruismus
und Hyper-Sentimentalität, als Femininismus im Geschmack,
als Socialismus in der Politik.) Ist nicht das neunzehnte
Jahrhundert, zumal in seinem Ausgange, bloss ein verstärktes
verrohtes achtzehntes Jahrhundert, das heisst ein décadence-Jahrhundert?
So dass Goethe nicht bloss für Deutschland, sondern für
ganz Europa bloss ein Zwischenfall, ein schönes Umsonst
gewesen wäre? - Aber man missversteht grosse Menschen,
wenn man sie aus der armseligen Perspektive eines öffentlichen
Nutzens ansieht. Dass man keinen Nutzen aus ihnen zu ziehn
weiss, das gehört selbst vielleicht zur Grösse...
51. Goethe ist der letzte Deutsche, vor dem ich Ehrfurcht
habe: er hätte drei Dinge empfunden, die ich empfinde,
- auch verstehen wir uns über das "Kreuz"...
Man fragt mich öfter, wozu ich eigentlich deutsch schriebe:
nirgendswo würde ich schlechter gelesen, als im Vaterlande.
Aber wer weiss zuletzt, ob ich auch nur wünsche, heute
gelesen zu werden? - Dinge schaffen, an denen umsonst die
Zeit ihre Zähne versucht; der Form nach, der Substanz
nach um eine kleine Unsterblichkeit bemüht sein - ich
war noch nie bescheiden genug, weniger von mir zu verlangen.
Der Aphorismus, die Sentenz, in denen ich als der Erste unter
Deutschen Meister bin, sind die Formen der "Ewigkeit";
mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sagen, was jeder
Andre in einem Buche sagt, - was jeder Andre in einem Buche
nicht sagt...
Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie
besitzt, meinen Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem
das unabhängigste. -
Was ich den Alten verdanke.
1. Zum Schluss ein Wort über jene Welt, zu der ich Zugänge
gesucht, zu der ich vielleicht einen neuen Zugang gefunden
habe - die alte Welt. Mein Geschmack, der der Gegensatz eines
duldsamen Geschmacks sein mag, ist auch hier fern davon, in
Bausch und Bogen ja zu sagen: er sagt überhaupt nicht
gern ja, lieber noch Nein, am allerliebsten gar nichts...
Das gilt von ganzen Culturen, das gilt von Büchern, -
es gilt auch von Orten und Landschaften. Im Grunde ist es
eine ganz kleine Anzahl antiker Bücher, die in meinem
Leben mitzählen; die berühmtesten sind nicht darunter.
Mein Sinn für Stil, für das Epigramm als Stil erwachte
fast augenblicklich bei der Berührung mit Sallust. Ich
habe das Erstaunen meines verehrten Lehrers Corssen nicht
vergessen, als er seinem schlechtesten Lateiner die allererste
Censur geben musste -, ich war mit Einem Schlage fertig. Gedrängt,
streng, mit so viel Substanz als möglich auf dem Grunde,
eine kalte Bosheit gegen das "schöne Wort",
auch das "schöne Gefühl" - daran errieth
ich mich. Man wird, bis in meinen Zarathustra hinein, eine
sehr ernsthafte Ambition nach römischem Stil, nach dem
"aere perennius" im Stil bei mir wiedererkennen.
- Nicht anders ergieng es mir bei der ersten Berührung
mit Horaz. Bis heute habe ich an keinem Dichter dasselbe artistische
Entzücken gehabt, das mir von Anfang an eine Horazische
Ode gab. In gewissen Sprachen ist Das, was hier erreicht ist,
nicht einmal zu wollen. Dies Mosaik von Worten, wo jedes Wort
als Klang, als Ort, als Begriff, nach rechts und links und
über das Ganze hin seine Kraft ausströmt, dies minimum
in Umfang und Zahl der Zeichen, dies damit erzielte maximum
in der Energie der Zeichen - das Alles ist römisch und,
wenn man mir glauben will, vornehm par excellence. Der ganze
Rest von Poesie wird dagegen etwas zu Populäres, - eine
blosse Gefühls-Geschwätzigkeit...
2. Den Griechen verdanke ich durchaus keine verwandt starken
Eindrücke; und, um es geradezu herauszusagen, sie können
uns nicht sein, was die Römer sind. Man lernt nicht von
den Griechen - ihre Art ist zu fremd, sie ist auch zu flüssig,
um imperativisch, um "klassisch" zu wirken. Wer
hätte je an einem Griechen schreiben gelernt! Wer hätte
es je ohne die Römer gelernt!... Man wende mir ja nicht
Plato ein. Im Verhältniss zu Plato bin ich ein gründlicher
Skeptiker und war stets ausser Stande, in die Bewunderung
des Artisten Plato, die unter Gelehrten herkömmlich ist,
einzustimmen. Zuletzt habe ich hier die raffinirtesten Geschmacksrichter
unter den Alten selbst auf meiner Seite. Plato wirft, wie
mir scheint, alle Formen des Stils durcheinander, er ist damit
ein erster décadent des Stils: er hat etwas Ähnliches
auf dem Gewissen, wie die Cyniker, die die satura Menippea
erfanden. Dass der Platonische Dialog, diese entsetzlich selbstgefällige
und kindliche Art Dialektik, als Reiz wirken könne, dazu
muss man nie gute Franzosen gelesen haben, - Fontenelle zum
Beispiel. Plato ist langweilig. - Zuletzt geht mein Misstrauen
bei Plato in die Tiefe: ich finde ihn so abgeirrt von allen
Grundinstinkten der Hellenen, so vermoralisirt, so präexistent-christlich
- er hat bereits den Begriff "gut" als obersten
Begriff -, dass ich von dem ganzen Phänomen Plato eher
das harte Wort "höherer Schwindel" oder, wenn
man's lieber hört, Idealismus - als irgend ein andres
gebrauchen möchte. Man hat theuer dafür bezahlt,
dass dieser Athener bei den Ägyptern in die Schule gieng
(- oder bei den Juden in Agypten?...) Im grossen Verhängniss
des Christenthums ist Plato jene "Ideal" genannte
Zweideutigkeit und Fascination, die den edleren Naturen des
Alterthums es möglich machte, sich selbst misszuverstehn
und die Brücke zu betreten, die zum "Kreuz"
führte... Und wie viel Plato ist noch im Begriff "Kirche",
in Bau, System, Praxis der Kirche! - Meine Erholung, meine
Vorliebe, meine Kur von allem Platonismus war zu jeder Zeit
Thukydides. Thukydides und, vielleicht, der principe Machiavell's
sind mir selber am meisten verwandt durch den unbedingten
Willen, sich Nichts vorzumachen und die Vernunft in der Realität
zu sehn, - nicht in der "Vernunft", noch weniger
in der "Moral"... Von der jämmerlichen Schönfärberei
der Griechen in's Ideal, die der "klassisch gebildete"
Jüngling als Lohn für seine Gymnasial-Dressur in's
Leben davonträgt, kurirt Nichts so gründlich als
Thukydides. Man muss ihn Zeile für Zeile umwenden und
seine Hintergedanken so deutlich ablesen wie seine Worte:
es giebt wenige so hintergedankenreiche Denker. In ihm kommt
die Sophisten-Cultur, will sagen die Realisten-Cultur, zu
ihrem vollendeten Ausdruck: diese unschätzbare Bewegung
inmitten des eben allerwärts losbrechenden Moral- und
Ideal-Schwindels der sokratischen Schulen. Die griechische
Philosophie als die décadence des griechischen Instinkts;
Thukydides als die grosse Summe, die letzte Offenbarung jener
starken, strengen, harten Thatsächlichkeit, die dem älteren
Hellenen im Instinkte lag. Der Muth vor der Realität
unterscheidet zuletzt solche Naturen wie Thukydides und Plato:
Plato ist ein Feigling vor der Realität, - folglich flüchtet
er in's Ideal; Thukydides hat sich in der Gewalt, folglich
behält er auch die Dinge in der Gewalt...
3. In den Griechen "schöne Seelen", "goldene
Mitten" und andre Vollkommenheiten auszuwittern, etwa
an ihnen die Ruhe in der Grösse, die ideale Gesinnung,
die hohe Einfalt bewundern - vor dieser "hohen Einfalt",
einer niaiserie allemande zu guterletzt, war ich durch den
Psychologen behütet, den ich in mir trug. Ich sah ihren
stärksten Instinkt, den Willen zur Macht, ich sah sie
zittern vor der unbändigen Gewalt dieses Triebs, - ich
sah alle ihre Institutionen wachsen aus Schutzmaassregeln,
um sich vor einander gegen ihren inwendigen Explosivstoff
sicher zu stellen. Die ungeheure Spannung im Innern entlud
sich dann in furchtbarer und rücksichtsloser Feindschaft
nach Aussen: die Stadtgemeinden zerfleischten sich unter einander,
damit die Stadtbürger jeder einzelnen vor sich selber
Ruhe fänden. Man hatte es nöthig, stark zu sein:
die Gefahr war in der Nähe -, sie lauerte überall.
Die prachtvoll geschmeidige Leiblichkeit, der verwegene Realismus
und Immoralismus, der dem Hellenen eignet, ist eine Noth,
nicht eine "Natur" gewesen. Er folgte erst, er war
nicht von Anfang an da. Und mit Festen und Künsten wollte
man auch nichts Andres als sich obenauf fühlen, sich
obenauf zeigen: es sind Mittel, sich selber zu verherrlichen,
unter Umständen vor sich Furcht zu machen... Die Griechen
auf deutsche Manier nach ihren Philosophen beurtheilen, etwa
die Biedermännerei der sokratischen Schulen zu Aufschlüssen
darüber benutzen, was im Grunde hellenisch sei!... Die
Philosophen sind ja die décadents des Griechenthums,
die Gegenbewegung gegen den alten, den vornehmen Geschmack
(- gegen den agonalen Instinkt, gegen die Polis, gegen den
Werth der Rasse, gegen die Autorität des Herkommens).
Die sokratischen Tugenden wurden gepredigt, weil sie den Griechen
abhanden gekommen waren: reizbar, furchtsam, unbeständig,
Komödianten allesammt, hatten sie ein paar Gründe
zu viel, sich Moral predigen zu lassen. Nicht, dass es Etwas
geholfen hätte: aber grosse Worte und Attitüden
stehen décadents so gut...
4. Ich war der erste, der, zum Verständniss des älteren,
des noch reichen und selbst überströmenden hellenischen
Instinkts, jenes wundervolle Phänomen ernst nahm, das
den Namen des Dionysos trägt: es ist einzig erklärbar
aus einem Zuviel von Kraft. Wer den Griechen nachgeht, wie
jener tiefste Kenner ihrer Cultur, der heute lebt, wie Jakob
Burckhardt in Basel, der wusste sofort, dass damit Etwas gethan
sei: Burckhardt fügte seiner "Cultur der Griechen"
einen eignen Abschnitt über das genannte Phänomen
ein. Will man den Gegensatz, so sehe man die beinahe erheiternde
Instinkt-Armuth der deutschen Philologen, wenn sie in die
Nähe des Dionysischen kommen. Der berühmte Lobeck
zumal, der mit der ehrwürdigen Sicherheit eines zwischen
Büchern ausgetrockneten Wurms in diese Welt geheimnissvoller
Zustände hineinkroch und sich überredete, damit
wissenschaftlich zu sein, dass er bis zum Ekel leichtfertig
und kindisch war, - Lobeck hat mit allem Aufwande von Gelehrsamkeit
zu verstehn gegeben, eigentlich habe es mit allen diesen Curiositäten
Nichts auf sich. In der That möchten die Priester den
Theilhabern an solchen Orgien einiges nicht Werthlose mitgetheilt
haben, zum Beispiel, dass der Wein zur Lust anrege, dass der
Mensch unter Umständen von Früchten lebe, dass die
Pflanzen im Frühjahr aufblühn, im Herbst verwelken.
Was jenen so befremdlichen Reichthum an Riten, Symbolen und
Mythen orgiastischen Ursprungs angeht, von dem die antike
Welt ganz wörtlich überwuchert ist, so findet Lobeck
an ihm einen Anlass, noch um einen Grad geistreicher zu werden.
"Die Griechen, sagt er Aglaophamus I, 672, hatten sie
nichts Anderes zu thun, so lachten, sprangen, rasten sie umher,
oder, da der Mensch mitunter auch dazu Lust hat, so sassen
sie nieder, weinten und jammerten. Andere kamen dann später
hinzu und suchten doch irgend einen Grund für das auffallende
Wesen; und so entstanden zur Erklärung jener Gebräuche
jene zahllosen Festsagen und Mythen. Auf der andren Seite
glaubte man, jenes possirliche Treiben, welches nun einmal
an den Festtagen stattfand, gehöre auch nothwendig zur
Festfeier, und hielt es als einen unentbehrlichen Theil des
Gottesdienstes fest." - Das ist verächtliches Geschwätz,
man wird einen Lobeck nicht einen Augenblick ernst nehmen.
Ganz anders berührt es uns, wenn wir den Begriff "griechisch"
prüfen, den Winckelmann und Goethe sich gebildet haben,
und ihn unverträglich mit jenem Elemente finden, aus
dem die dionysische Kunst wächst, - mit dem Orgiasmus.
Ich zweifle in der That nicht daran, dass Goethe etwas Derartiges
grundsätzlich aus den Möglichkeiten der griechischen
Seele ausgeschlossen hätte. Folglich verstand Goethe
die Griechen nicht. Denn erst in den dionysischen Mysterien,
in der Psychologie des dionysischen Zustands spricht sich
die Grundthatsache des hellenischen Instinkts aus - sein "Wille
zum Leben". Was verbürgte sich der Hellene mit diesen
Mysterien? Das ewige Leben, die ewige Wiederkehr des Lebens;
die Zukunft in der Vergangenheit verheissen und geweiht; das
triumphirende Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus;
das wahre Leben als das Gesammt-Fortleben durch die Zeugung,
durch die Mysterien der Geschlechtlichkeit. Den Griechen war
deshalb das geschlechtliche Symbol das ehrwürdige Symbol
an sich, der eigentliche Tiefsinn innerhalb der ganzen antiken
Frömmigkeit. Alles Einzelne im Akte der Zeugung, der
Schwangerschaft, der Geburt erweckte die höchsten und
feierlichsten Gefühle. In der Mysterienlehre ist der
Schmerz heilig gesprochen: die "Wehen der Gebärerin"
heiligen den Schmerz überhaupt, - alles Werden und Wachsen,
alles Zukunft-Verbürgende bedingt den Schmerz... Damit
es die Lust des Schaffens giebt, damit der Wille zum Leben
sich ewig selbst bejaht, muss es auch ewig die "Qual
der Gebärerin" geben... Dies Alles bedeutet das
Wort Dionysos: ich kenne keine höhere Symbolik als diese
griechische Symbolik, die der Dionysien. In ihr ist der tiefste
Instinkt des Lebens, der zur Zukunft des Lebens, zur Ewigkeit
des Lebens, religiös empfunden, - der Weg selbst zum
Leben, die Zeugung, als der heilige Weg... Erst das Christenthum,
mit seinem Ressentiment gegen das Leben auf dem Grunde, hat
aus der Geschlechtlichkeit etwas Unreines gemacht: es warf
Koth auf den Anfang, auf die Voraussetzung unseres Lebens...
5. Die Psychologie des Orgiasmus als eines überströmenden
Lebens- und Kraftgefühls, innerhalb dessen selbst der
Schmerz noch als Stimulans wirkt, gab mir den Schlüssel
zum Begriff des tragischen Gefühls, das sowohl von Aristoteles
als in Sonderheit von unsern Pessimisten missverstanden worden
ist. Die Tragödie ist so fern davon, Etwas für den
Pessimismus der Hellenen im Sinne Schopenhauer's zu beweisen,
dass sie vielmehr als dessen entscheidende Ablehnung und Gegen-Instanz
zu gelten hat. Das ja sagen zum Leben selbst noch in seinen
fremdesten und härtesten Problemen; der Wille zum Leben,
im Opfer seiner höchsten Typen der eignen Unerschöpflichkeit
frohwerdend - das nannte ich dionysisch, das errieth ich als
die Brücke zur Psychologie des tragischen Dichters. Nicht
um von Schrecken und Mitleiden loszukommen, nicht um sich
von einem gefährlichen Affekt durch dessen vehemente
Entladung zu reinigen - so verstand es Aristoteles -: sondern
um, über Schrecken und Mitleid hinaus, die ewige Lust
des Werdens selbst zu sein, - jene Lust, die auch noch die
Lust am Vernichten in sich schliesst... Und damit berühre
ich wieder die Stelle, von der ich einstmals ausgieng - die
"Geburt der Tragödie" war meine erste Umwerthung
aller Werthe: damit stelle ich mich wieder auf den Boden zurück,
aus dem mein Wollen, mein Können wächst - ich, der
letzte Jünger des Philosophen Dionysos, - ich, der Lehrer
der ewigen Wiederkunft...
Der Hammer redet.
Also sprach Zarathustra - 3, 90.
"Warum so hart! - sprach zum Diamanten einst die Küchen-Kohle:
sind wir denn nicht Nah-Verwandte?"
Warum so weich? Oh meine Brüder, also frage ich euch:
seid ihr denn nicht - meine Brüder?
Warum so weich, so weichend und nachgebend? Warum ist so
viel Leugnung, Verleugnung in eurem Herzen? so wenig Schicksal
in eurem Blicke?
Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie
könntet ihr einst mit mir - siegen?
Und wenn eure Härte nicht blitzen und schneiden und
zerschneiden will: wie könntet ihr einst mit mir - schaffen?
Alle Schaffenden nämlich sind hart. Und Seligkeit muss
es euch dünken, eure Hand auf Jahrtausende zu drücken
wie auf Wachs, -
- Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben
wie auf Erz, - härter als Erz, edler als Erz. Ganz hart
allein ist das Edelste.
Diese neue Tafel, oh meine Brüder, stelle ich über
euch: werdet hart! - -
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